Was passiert, wenn Trainer:innen weniger formen und mehr verstehen? Ein Porträt über Elena Kiesling – und darüber, wie queres Denken zu mehr Freiheit und Leistungsfähigkeit führen kann.

Durch die Art, wie Menschen schreiben, öffnen sie Fenster in ihre Gedankenwelt. Es gibt Profile in den sozialen Netzwerken, da wünsche ich mir, sie würden diese Fenster geschlossen halten – und dann gibt es Elena Kiesling.
Immer mal wieder blieb ich in den vergangenen Monaten an den Texten hängen, die sie auf unterschiedlichen Plattformen veröffentlicht.
Ich mag ihre Perspektive und wollte mehr darüber erfahren. Deshalb habe ich Elena für die Porträtreihe angesprochen und war begeistert, als sie sofort zusagte. Ende März trafen wir uns zum Interview in Berlin, wo sie eine Fortbildung für Beachvolleyball-Trainer:innen leitete.
„Ich weiß doch nichts über den Menschen”
Elena betrachtet Athlet:innen als Individuen und in erster Linie als Menschen, die unterschiedlich angelegt sind und nicht in dieselbe Schablone passen, sei es im Hinblick auf Technik oder Kommunikation. Sie sagt: „Wir wissen, wie Lernen funktioniert und dass Menschen Autonomie und Mitspracherecht brauchen. Wie albern ist es dann, wenn wir ins Training gehen und den anderen sagen, wie es geht? Klar, bin ich als Trainerin die Expertin im Volleyball, aber ich weiß doch nichts über den Menschen. Deshalb würde ich mir auch immer erst einmal eine halbe Stunde anschauen, wie jemand agiert, bevor ich etwas sage.“
In ihren Texten schreibt Elena über die Unterstützung natürlicher Bewegungsmuster als Voraussetzung für langfristige Leistungsfähigkeit, über die Kunst, von der Seitenlinie aus Körpersprache zu lesen, und darüber, warum Beziehung, Timing und ein Gespür für Person und Situation wichtiger sind als Kontrolle. „Wenn Spieler:innen den Instinkt haben, dass sich etwas nicht richtig anfühlt, lohnt es sich, darauf zu hören. Und wenn man das ganze Drumherum wegnimmt, lässt sich Coaching auf zwei Menschen herunterbrechen, die offen miteinander sprechen und einander zuhören”, sagt sie.
(Öffnet in neuem Fenster)„Ich liebe die. Die wollen immer lernen”
Elena Kiesling lebt in München. Sie ist Senior Managerin für den Bereich Training und Knowledge beim TV-Sender Sky. Darüber hinaus unterstützt sie die Zweitliga-Volleyballerinnen des DJK Sportbund München-Ost (Öffnet in neuem Fenster) als Co-Trainerin und arbeitet individuell mit der Beachvolleyball-Spielerin Tabea Schwarz (Öffnet in neuem Fenster), die kürzlich mit Mareet Maidhof den fünften Platz beim FIVB-Challenger in Mexiko erreicht hat. Seit sieben Jahren betreut Elena außerdem als Trainerin eine Hobbygruppe in München. „Ich liebe die. Die wollen immer lernen, und ich mag es, mit motivierten Menschen zu arbeiten, die Lust haben, gemeinsam etwas zu entwickeln“, sagt sie.
Für alle, denen das jetzt schon viel erscheint: Das war nicht einmal die Hälfte der Projekte, die Elena Kiesling voranbringt. ; )
Fortbildungen wie die in Berlin gibt Elena, weil es ihr wichtig ist, Trainer:innen auszubilden, die „Human First” arbeiten. Der Human-First-Ansatz beschreibt einen menschenzentrierten, wertschätzenden Trainingsstil, der die persönliche Entwicklung von Athlet:innen genauso ernst nimmt wie ihre Leistung. „Es geht um das Lernen und ich finde, das können wir sowohl im Breitensport als auch an unseren Stützpunkten stärker betonen”, sagt sie.
Die Bank im deutschen Beachvolleyball
Elena war selbst viele Jahre Leistungssportlerin. Sie spielte in der ersten und zweiten Liga Hallenvolleyball und war von 2003 bis 2019 auf der deutschen Beachvolleyball-Tour aktiv, unter anderem an der Seite von Leonie Klinke und Melanie Gernert (Öffnet in neuem Fenster). Auch international war sie gefragt – meist dann, wenn die Partnerin einer Nationalspielerin ausfiel. Mit Karla Borger spielte sie 2013 die Europameisterschaft in Klagenfurt, mit Jana Köhler gewann sie ein Challenger-Turnier auf der World Tour. Auch mit den Olympiasiegerinnen Kira Walkenhorst und Laura Ludwig stand sie schon im Sand. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich in Klagenfurt angekündigt wurde mit: ‘Sie ist die Bank im deutschen Beachvolleyball‘“, erzählt Elena grinsend.
Ihre ersten Volleyball-Schritte machte die Beachvolleyball-Bank in der Halle, als 14-Jährige in Siegen. „Bei Uschi und Hans-Jürgen, einer Turnerin und einem Fußballer. Die waren super“, sagt Elena und fügt an: „Ich finde es nicht so wichtig, dass Trainer:innen in der Jugend wahnsinnig viel über die Technik wissen. Sie müssen vor allem coole Menschen sein. Ich habe viele Athleten und Athletinnen erlebt, die unter sehr autoritären Trainer:innen die Freude am Volleyball verloren haben. Bei einigen, die bereits in jungen Jahren ausgeprägt hierarchischen Trainer-Athlet:innen-Beziehungen ausgesetzt waren, ließen sich später sogar Unsicherheiten im Umgang mit männlichen Bezugspersonen beobachten“, sagt sie.
„Ich wusste, ich kann das”
Mit 24 entschied Elena, dass sie nun selbst Trainerin sein wollte. „Ich hatte viele gute Trainer:innen, aber auch viele, bei denen ich der Meinung war, ich würde das besser machen”, sagt sie. Als sie bei der TG Bad Soden spielte, überzeugte sie einen anderen Trainer, ihr die Oberliga-Mannschaft zu überlassen. „Ich wollte Volleyball-Trainerin sein, weil ich wusste: Ich kann das“, sagt Elena. Ihre Selbsteinschätzung sollte sie nicht täuschen. Ein Jahr später durfte sie die Regionalliga-Mannschaft des Vereins übernehmen, mit der sie bis in die zweite Liga aufstieg. Nach ihrer Karriere als Spielerin war Elena Kiesling vier Jahre lang Trainerin für Halle und Beach am Bundesstützpunkt in Stuttgart und danach Cheftrainerin der Zweitliga-Spielerinnen des SV Lohhof.
Als Trainerin legt Elena den Fokus darauf, jeden Menschen einzeln zu entwickeln. Dabei betrachtet sie körperliche Anlagen genauso wie kognitive. Dass Menschen unterschiedliche Anweisungen brauchen, bemerkte sie zum ersten Mal, als sie ihre beste Freundin trainierte und immer wieder ansetzte, um herauszufinden, wie sie eine positive Veränderung im Angriff bewirken könnte. Elena probierte es mit: „Dreh mal die Schulter auf.” Keine Veränderung. „Öffne die Hüfte.” Das klappte auch nicht. „Am Ende war die Lösung: Nimm den Fuß weiter vor”, erzählt sie und fügt an: „Es ist interessant. Du sagst eigentlich immer das Gleiche, aber in unterschiedlichen Formulierungen – und eine passt dann.“
Jeder Körper spielt anders
In ihrem Buch „Motor Preferences for Beachvolleyball (Öffnet in neuem Fenster)“, das Elena im Februar publiziert hat, beschreibt sie die unterschiedlichen Spielertypen, auch ActionTypes (Öffnet in neuem Fenster) genannt, die sich anhand von körperlichen und kognitiven Präferenzen voneinander unterscheiden. „Jemanden in eine Technik zu zwingen, die gegen die natürlichen Bewegungspräferenzen arbeitet, erzeugt keine besseren Spieler. Es erzeugt Spannung, Frustration und Verletzungen. Und was noch wichtiger ist: Es nimmt die Freude am Spiel“, sagt Elena. Als Geschäftsführerin von Perform Ready (Öffnet in neuem Fenster) bietet sie individuelles Coaching und Profiling an, um auf Basis der ActionTypes Potenziale im Beruf, Sport oder Alltag zu entfalten. Außerdem hat sie zusammen mit Liane Weber die Plattform PlayBall (Öffnet in neuem Fenster) für volleyballspezifisches Athletiktraining entwickelt und die App PlayBeach (Öffnet in neuem Fenster) mit individuell angepassten Übungen, Trainingsplänen und Challenges für Beachvolleyballspieler:innen.

„Es ist alles ein Angebot, das Leute anspricht, die neugierig und aufgeschlossen sind und gern neue Dinge ausprobieren“, sagt Elena. Sie bezeichnet sich selbst als Forschende und Spielende, die nach dem Trial-and-Error-Prinzip funktioniert. Während andere überlegen, wie sie etwas angehen würden, hat sie schon drei Lösungen ausprobiert. „Für mich sieht das so aus: You show up. You try. So bin ich auch an meinen ersten Zweitliga-Job als Spielerin gekommen. Ich war einmal im Training, durfte wiederkommen, also bin ich einfach immer wieder hingegangen“, sagt sie. Diese Einstellung schätzt sie auch bei ihren Spieler:innen.
„Allein schaffst du das nicht”
Eine ihrer Lieblingserfahrungen ist die mit einer 15 Jahre jungen Nachwuchsathletin, die sie in Bad Soden betreute: „Sie war 1,90 Meter groß, koordinativ noch sehr am Anfang und so ein genialer Mensch. Die hatte so viel Willen und Wunsch und alles, was man braucht, um Profi-Sportlerin zu werden“, erzählt Elena. Der Rest der Mannschaft war nicht so begeistert, denn viele Übungen klappten mit der jungen Spielerin zunächst noch nicht. Elena integrierte das Mädchen trotzdem und arbeitete vor jedem Training individuell mit ihr. „Heute spielt sie in der ersten italienischen Liga. Es ist wichtig, dass wir unsere Spielerinnen beschützen und uns vor sie stellen, wenn jemand die Augen verdreht. Besonders als junge Spielerin brauchst du jemanden, der das für dich macht. Allein schaffst du das nicht“, sagt Elena.
Ein Vorbild für ihre Coaching-Philosophie ist Phil Jackson (Öffnet in neuem Fenster), der erfolgreichste Trainer der NBA-Geschichte. Dazu sollte man wissen: Elenas erste Liebe galt dem Basketball. „Wenn ich mit meiner Cherry Coke auf dem Platz stand und den Ball auf den Korb geworfen habe, hatte das etwas von Freiheit“, sagt sie. Mit Begeisterung verfolgte sie die Chicago Bulls in der NBA. „Dennis Rodman war mein persönlicher Held. Der war so special mit seinen lackierten Nägeln und so authentisch er selbst – der beste Rebounder der Liga und ein unglaublich guter Defensive Player“, schwärmt sie.
„Do The Right Thing”
Dass Rodman so gut performen konnte, hing auch mit Trainer Phil Jackson zusammen. Anstatt ihn zu disziplinieren, ließ er dem als Freigeist bekannten Rodman Raum. Über den individuellen Zugang, den er zu ihm gefunden hat, hat Jackson dessen außergewöhnliche Persönlichkeit gestärkt und ihn trotzdem so integriert, dass Rodman sich in jedem Spiel in den Dienst der Mannschaft stellte.
Elenas Mindset und ihr Blick auf Menschen sind außerdem geprägt von Filmen, die sie in jungen Jahren schaute, wie „Clockers“ oder „Do The Right Thing“ von Spike Lee, in denen komplexe moralische Grauzonen vor dem Hintergrund von Alltagsrassismus und struktureller Ungleichheit thematisiert werden. Es geht um komplexe Perspektiven, um das Spannungsfeld zwischen eigener Haltung und Anpassung und um den Mut, Dinge auszuprobieren – auch wenn sie nicht in bestehende Normen passen.
Das andere Kind
Die Frage, was eigentlich normal ist, hat Elena schon von klein auf beschäftigt: „Ich hätte mich immer als sehr anderes Kind bezeichnet, auch wenn ich wahrscheinlich total normal war“, sagt sie. Als sportliches und kluges Kind, das sich seiner kognitiven Fähigkeiten bewusst war, fühlte sie sich im erweiterten Familienkreis als „Outcast”. „Ich war die Streberin, die immer zum Sport rennt. Ich stach schon deshalb heraus, weil ich groß und spindeldürr war – eine gewisse Cockiness habe ich aber auch schon immer mitgebracht“, sagt sie mit einem Grinsen.
Wenn sie Sachen auf den Punkt bringen möchte, spricht Elena Kiesling am liebsten Englisch. Auch das ist außerhalb der Norm als Deutsche, die in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen ist. „Ich habe meine Gedanken schon immer auf Englisch aufgeschrieben. Ich führe auch meine Selbstgespräche auf Englisch. Ich kann mich auf Englisch einfach besser ausdrücken“, sagt Elena, die passend dazu einen Ph.D. in Amerikanistik hat. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über mehrdimensionale Identitäten.
Über Grenzen hinaus
Das Thema ist ursprünglich bei ihr gelandet, weil sie wegen Volleyball zu spät zu einer Vorlesung kam und für eine Hausarbeit nur noch das Buch Borderlands/La Frontera von Gloria Anzaldúa (Öffnet in neuem Fenster) übrig war, das ihr zugeteilt wurde.
Gloria Anzaldúa, die an der Grenze zwischen Mexiko und den USA aufgewachsen ist, beschreibt darin, wie Menschen, die in Grenzzonen – den Borderlands – leben, hybride Identitäten entwickeln, die sich aus mehreren Kulturen, Sprachen und Zugehörigkeiten speisen und sich kontinuierlich neu formen. Sie entwickelte das Konzept der „mestiza consciousness“, eine hybride, vielschichtige Identität, die Widersprüche aushält und verbindet. Anzaldúa überträgt diese Gedanken auch auf queere Lebensrealitäten, in denen Identität jenseits fester Kategorien und binärer Grenzen gedacht und gelebt wird.
The Queer Art of Coaching
„Das Buch hat mich richtig gecatched – auch, weil es in Englisch und Spanisch geschrieben ist und ich es irgendwo ganz tief in mir verstanden habe, obwohl ich gar kein Spanisch kann“, sagt Elena. In ihrer Doktorarbeit setzte sie sich tiefer mit dem Thema auseinander und auf ihrem Substack „The Queer Art of Coaching“ (Öffnet in neuem Fenster)überträgt sie es auf den Sport. Das Wort „queer” definiert sie dabei über die LGBTQ+-Community hinaus, als eine Kritik an festen Identitäten, eine Analyse von Normen und als Perspektive, die über Kategorien hinaus denkt.*
„Thinking sideways to move forward” ist Elenas Motto. Sie sagt: „Das Coolste, was passieren kann, ist, wenn ich jemanden empowere, etwas Neues zu lernen.“
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Praxistipp von Ninja
Ich habe die „Motor Preferences for Beachvolleyball” gelesen, das Profiling bei Elena gemacht, in den vergangenen Wochen ein bisschen herumprobiert. Ich bin begeistert, welche positiven Auswirkungen die Anpassungen auf mein Spiel haben – aber auch auf meinen körperlichen Zustand, weil ich das Gefühl habe, jetzt weniger gegen und mehr mit meinem Körper zu arbeiten.
Spannend ist auch, sich mit dem Small Loop zu beschäftigen. Dabei geht es um Veränderungen in unserer Aufnahmefähigkeit oder unserem Spielstil, wenn wir unter Stress stehen. Denn auch, wenn wir uns den ActionTypes zuordnen können: Wir verändern uns ständig, und es ist super hilfreich, das im Spiel über sich zu wissen.
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Fun Fact
Elena Kiesling findet ihr auf Instagram unter @grasshopper09 (Öffnet in neuem Fenster). Den Spitznamen hat ihr ihre College-Trainerin in San Diego gegeben, wo Elena ein Volleyball-Stipendium hatte. “Be patient, grasshopper”, sagte sie immer, wenn Elena auf dem Feld ungeduldig wurde – übrigens auch ein Attribut, das man durch die Motor Preferences und die ActionTypes-Analyse herausfinden kann – oder eben durch Beobachtung. ; )
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* „Queer“ wird in der Queer Theory nicht nur als Bezeichnung für LGBTQ+-Identitäten verwendet, sondern als analytischer Begriff für die Kritik an heteronormativen Ordnungen, festen Identitätskategorien und binären Grenzziehungen.
Vgl. Halperin, David M.: Saint Foucault. Towards a Gay Hagiography, Oxford University Press 1995, S. 62. (Öffnet in neuem Fenster)