Ein gutes Schiedsgericht schafft Klarheit, Struktur und Fokus – und hebt die Leistung auf ein neues Level. Warum seine Bedeutung oft unterschätzt wird.
Am Wochenende ist mir noch einmal die Bedeutung eines guten Schiedsgerichtes im Sport bewusst geworden. Im Rahmen eines A+-Turniers im Beachvolleyball absolvierten knapp 20 Teilnehmende eine Schiedsrichter-Prüfung.
Auf diese Weise hatten wir in jedem Spiel ein Schiedsgericht, bestehend aus 1. und 2. Schiedrichter:in plus Schreiber. Das ist auf unserem Niveau ein ziemlicher Luxus. Damit die Turniere nicht ewig dauern, spielen wir bei den A-Turnieren oft ohne Schiedsgericht. Das heißt, wir sind – neben all dem, was zum sportlichen Teil gehört – mit Zählen beschäftigt, mit der Organisation des Spiels, mit Kommunikation von Regeln und auch mit Diskussionen.
Und plötzlich kannst du einfach spielen
Am Samstag war das anders. Spiel um Spiel erlebten wir bemühte und fokussierte Schiedsrichter:innen, die beobachtet und geprüft wurden. Für mich als Spielerin hatte das zur Folge, dass ich mich komplett auf das Spiel, auf taktische Anpassungen und unsere Leistung als Team konzentrieren konnte. Ich habe es als extrem erleichternd empfunden, das Spiel nicht während des Spiels organisieren zu müssen. Ich musste nicht mit den Gegnerinnen absprechen, dass sie bitte nochmal laut „ja“ sagen, wenn ich den Punktestand angesagt habe oder gemeinsam an der Linie stehen und überlegen, ob ein Ball „in“ oder „aus“ war.
Menschen an der Seitenlinie stehen zu haben, die Struktur und Klarheit geben, schafft ganz viel Raum und ermöglicht – zumindest nach meinem Empfinden – eine viel höhere Performance bei mir als Spielerin. Ein gutes Schiedsgericht ist wie ein angenehmer stabiler Rahmen, an den ich mich lehnen und in dem ich mich entfalten kann. (Das lässt sich übrigens fabelhaft auf Leadership & Co. im Business-Kontext übertragen.)
Chaos an der Seitenlinie
Ein schlechtes Schiedsgericht erzeugt genau das gegenteilige Gefühl – und ich finde, davon haben wir zu viel oder sagen wir: Die Kombination aus Unlust und Unsicherheit an der Seitenlinie ist ungünstig. Bei nahezu jedem Turnier auf A-Level bekomme ich mit wie Teams, die ausgeschieden sind, auf einmal dringend nach Hause müssen und nicht mehr pfeifen wollen. Dabei ist dies das normale Prozedere und eigentlich bei der Anmeldung bekannt. Ich frage mich dann immer, was sie gemacht hätten, wenn sie es noch eine Runde weiter geschafft hätten.
Diese Leute hast du dann im vielleicht wichtigsten Spiel des Tages an der Seitenlinie stehen. Es sind in der Regel die, die jeden technischen Fehler mit „kurze Reaktionszeit“ begründen oder sagen: „Ja, ich fand, das war ein Übergriff, aber ich wollte keinen Streit, deshalb habe ich es nicht abgepfiffen.“. Die Folge: Chaos, unklare Entscheidungen und Diskussionen. Da spiele ich dann doch lieber ganz ohne Schiedsgericht, dabei könnten wir gerade die Unsicherheit leicht beheben, wenn wir uns alle ein bisschen mehr mit den Regeln unseres Sports beschäftigen würden.

Pfeifen ist ein harter Job
Schiedsen gehört dazu, wenn wir uns in den Wettkampfsport begeben und es ist „a hell of a job“. Ich habe die Prüfung am Wochenende ebenfalls absolviert und nochmal gefühlt, welche kognitiven Fähigkeiten diese Aufgabe erfordert – besonders wenn Charaktere auf dem Feld stehen, die sich gern am Rand von Fairness und Legalität bewegen. Wie setze ich als Schiedsrichterin früh das Zeichen, dass ich mich nicht herumschubsen lasse, wann lasse ich für den Spielfluss laufen und wann greife ich ins Geschehen ein? Was passiert, wenn ich trotz Fokus nicht gesehen habe, ob der Ball in oder out war und der Abdruck beides zulassen würde? Kann ich damit umgehen, wenn ein Team meine Entscheidung ätzend findet, und wie finde ich das passende Timing, um zwischen den Sätzen dem Protokoll zu folgen, den Spielerinnen aber auch ihre Zeit für Pause und taktische Besprechungen zu ermöglichen?
Wenn die Fortbildung nervt
All das sind Bruchstücke von Gedanken, die beim Pfeifen in meinem Kopf umher schwirrten. Ich habe mir bei der Entscheidungsfindung stets vorgestellt, was mir als Spielerin einen klaren Rahmen geben würde. Trotzdem hätte ich manche Dinge besser machen können. Ich spiele jetzt seit über 20 Jahren Beachvolleyball und bin – wie die meisten anderen – nicht begeistert, wenn ich eine Fortbildung absolvieren muss, um meine Lizenz als Schiedsrichterin zu verlängern. Die aktuelle Ausbildung habe ich nur gemacht, weil ein Fortbildungs-Termin, für den ich mich angemeldet hatte, aufgrund zu geringer Teilnehmerzahl ausgefallen war. Dadurch war meine Lizenz abgelaufen und ich musste noch einmal eine komplette Ausbildung durchlaufen. Zuerst hat mich das richtig genervt.
Ein guter Rahmen hebt jedes Spiel
Am Ende war es kein Drama. Wir haben uns an zwei Abenden virtuell getroffen, sind jeweils drei Stunden Inhalte durchgegangen und haben die theoretische Prüfung absolviert. Hinzu kam der praktische Teil. Ich fand es interessant, Regeln und Nuancen so intensiv zu betrachten, Video-Szenen anzuschauen und gemeinsam zu überlegen, wie wir entscheiden würden. Ich habe viel gelernt und vor allem habe ich dadurch, dass ich während des Turniers beide Rollen eingenommen habe, nochmal besser verstanden, welch fundamentalen Wert ein souveränes, fachkundiges Schiedsgericht hat.
Titelfoto: Gerold Rebsch, Binz