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Die drogenpolitische Forschung korrigieren

Wie euch bestimmt auch schon mit Bauchgrummeln oder deutlichen Bauchschmerzen aufgefallen ist, gehen Studien zu drogen- und suchtpolitischen Themen oft an den eigentlich relevanten Fragen, die man zur Sache hat, vorbei oder lassen sie unbeantwortet (der Klassiker: die Folgen von Illegalität und Strafverfolgung für Einzelne und die Gesellschaft). Oder die Studien haben ein so eng auf vordefinierte Probleme ausgerichtetes Forschungsdesign, dass die positiven Auswirkungen von Drogengebrauch von vorherein verunsichtbart werden.

Wissenschaftler*innen werden in der deutschen Öffentlichkeit besonders, wenn nicht nur dann, als Expert*innen eingeladen und um Meinung gebeten, wenn sie möglichst wenig mit Drogen und Sucht zu tun und mit dem Leben der Menschen, über die forschen und für deren Leben sie Handlungsempfehlungen an die Politik formulieren sollen, persönlich zu tun haben. (Dasselbe gilt für Drogenbeauftragte.)

Das Briefing

Der heutige Artikel erschien zuerst am 12.9.2025 für die zahlenden Mitglieder (Öffnet in neuem Fenster) des Drogenpolitik Briefings. Dies hier ist die kostenlose, zeitlich verzögerte Veröffentlichung. Es ist mir wichtig, die Paywall nach ein paar Tagen aufzuheben und ich freue mich über alle Interessierten. Willkommen an die Neuen!

Um dem Schreiben der Kommentare und Kritiken mehr Zeit einräumen zu können, suche ich weitere Unterstützer*innen. Aktuell hat das Briefing 24 zahlende Förder*innen, die mir mit insgesamt 261 € im Monat helfen, diese Aufklärungsarbeit zu leisten, und 76 weitere Leser*innen.

Kriminalisierung und Stigmatisierung führen dazu, dass potenziell zukünftige Forscher*innen durch Justiz, Ausgrenzung und die negativen gesundheitlichen Folgen des Drogenverbots (Öffnet in neuem Fenster) noch vor einer möglichen wissenschaftlichen Karriere ausgesiebt werden. Wer es unenttarnt in den Wissenschaftsbetrieb schafft oder dort konsumieren (und eventuell dealen) anfängt, muss dies verheimlichen, um die erwartbaren negativen Konsequenzen zu vermeiden. In anderen Worten: Wer kennt irgendwen, die*der bekanntermaßen mit Drogen zu tun hat oder suchterfahren ist, die*der in der drogen- und suchtpolitischen Forschung einen Ton angibt? (Mit illegalen Drogen natürlich. Alkohol ist ja was anderes…)

Der infolge von Kriminalisierung, Illegalität und Stigmatisierung also sehr unausgeglichen produzierte akademische Wissensstand braucht eine Korrektur.

Vor diesem Hintergrund habe ich mich gefreut, auf die Handreichung der Drug Policy Alliance aus den USA zu stoßen: Recommendations for community-driven drug policy research.

Mit dem Ok der Organisation habe ich sie übersetzt und nun auf der #MyBrainMyChoice-Website auf Deutsch veröffentlicht: https://mybrainmychoice.de/forschung/ (Öffnet in neuem Fenster)

Dieser Ansatz der radikalen Beteiligung auf Augenhöhe mag riskant für Voreingenommenheit erscheinen.

Vorbehalte, wie solch ein Forschungsansatz wissenschaftlichen Standards genügen kann, finde ich teils nachvollziehbar. Es braucht Zeit, Sorgfalt und Nachvollziehbarkeit, also eigentlich Transparenz. Dass diese im Konflikt mit Datenschutz und teilweisem Wunsch nach Anonmyität steht, macht es schwierig. Das macht es aber nicht gleich unwissenschaftlich. Wenn man Forschungsvorhaben in der schwer quantifizierbaren, chaotischen Realität verfolgt, gehört diese Schwierigkeit zum Forschungsdesign dazu.

Man muss sich von der Vorstellung befreien, dass Forschung nur sein könne, was messbar ist oder igendwann in der Geschichte schriftlich dokumentiert wurde. Das schränkt den Blick auf die Realität ein und verfälscht ihn. Insbesondere im Forschungsgebiet Drogen und Sucht, das sich durch Stigmatisierung, Beschämung und Verunsichtbarung ja auszeichnet. Wer schreiben kann und Gehör dafür erhält und wer sich selbst gut erklären kann, kann sich sichtbar machen, während die Realität von den anderen, den am schwersten Stigmatisierten, unerfasst bleibt. Das muss in der Forschung kritisch und selbstkritisch berücksichtigt werden.

Community-basierte partizipative Forschung heißt auch: Feedback geben lassen reicht nicht. Die Forschungsfrage darf nicht schon schon gesetzt sein, sondern muss gemeinsam entwickelt werden. Die Forschungsmethodik darf nicht eingeschränkt, sondern muss offen für die geeignetsten Methoden entschieden werden.

Welche Beobachtungen oder Erfahrungen mit Forschung habt ihr gemacht? Findet ihr die Empfehlungen nützlich oder nicht?

Diese Handreichung umfasst kontextbezogene Empfehlungen zur Umsetzung eines Community-basierten partizipativen Forschungsansatzes, der anderswo ausführlicher beschrieben wird (z.B. in der darunter gelisteten Literatur). Aber ich glaube, ein detaillierterer Leitfaden wäre doch sinnvoll, u.a. mit einem Abschnitt zur Datenethik. Am Ende der Seite habe ich ein Formular für Eure Vorschläge ergänzt!

Beste Grüße aus Berlin
Philine

Kategorie Stellungnahmen & Appelle

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