Wir befinden uns in einer Phase wachsender extremer Verelendung vor unseren Augen in den Städten. Statt dem schlicht mit dem angemessenen politischen Handeln entgegenzuwirken, wird nach unten nachgetreten. Ich schreibe gerade an einem größeren Artikel für eine Fachpublikation, der noch dieses Jahr erscheinen soll und in dem ich dafür argumentiere, die Verelendung nicht “nur” als Problem von Sparpolitik, nicht “nur” als Problem verfehlter Wohnungspolitik oder auch nicht “nur” als Problem von Entmenschlichung zu verstehen, auch wenn das alles mehr als wichtig ist, im Kontext von Drogen und Sucht zu benennen. Auch einige Substanzen “erklären uns”, dass alles mit allem zusammenhängt. Aber wie lässt sich die Komplexität sprachlich und wissenschaftlich erfassen, ohne sich zu verlieren?
Der heutige Beitrag erschien zuerst am 27.9.2025 für die zahlenden Mitglieder (Öffnet in neuem Fenster) des Drogenpolitik Briefings. Dies hier ist die kostenlose, zeitlich verzögerte Veröffentlichung. Es ist mir wichtig, die Paywall nach ein paar Tagen aufzuheben und ich freue mich über alle Interessierten. Willkommen an die Neuen!
Um dem Schreiben der Kommentare und Kritiken mehr Zeit einräumen zu können, suche ich weitere Unterstützer*innen. Aktuell hat das Briefing 24 zahlende Förder*innen, die mir mit insgesamt 261 € im Monat helfen, diese Aufklärungsarbeit zu leisten, und 76 weitere Leser*innen.
Im nächsten Briefing, das für die Mitglieder morgen erscheint, bewerte ich die Reaktionen von CDU und Presse auf den gerade erschienenen Evaluations-Zwischenbericht zur Cannabis-Teillegalisierung.
Themen rund um Drogen und Sucht wurden und werden in der Forschung in den letzten Jahrzehnten nicht nur entpolitisiert und aufs Individuum reduziert, sondern in ihren Erklärungen auch aus dem historischen Kontext gerissen. Warum aber gerade jetzt ein gesellschaftliches Problem auftritt, ist ja eigentlich eine interessante Frage. Ein Beispiel ist die Stigmatisierung, die meist als Problem persönlicher Interaktion verstanden statt als gesellschaftlicher, hierarchisierender Mechanimus erklärt wird, der Ungleichheit vorantreibt und historisch sensibel ist. (Siehe z.B. Prof. Imogen Tyler (Öffnet in neuem Fenster))
Ein aktuelles Paradebeispiel für die Entpolitisierung von Ent-/Stigmatisierung ist das “Manifest zur Entstigmatisierung von Suchterkrankungen” der DG-Sucht, der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V (Öffnet in neuem Fenster). Die Rolle der Kriminalisierung, Stigmatisierung und Illegalität für das Leben der Menschen, die sie besser behandeln möchten, bleibt komplett unerwähnt – obwohl das Manifest mitunter auf dem Ergebnis einer Forschungsgruppe basiert, die die Kriminalisierung als stigmatisierenden Faktor benannt hat und die Entkriminalisierung deutlich empfiehlt! An der Entstehung dieses Memorandums war die DG-Sucht selbst beteiligt und sie gibt sie als Quelle für das neue Manifest an!
Ich zitiere aus dem Memorandum (Öffnet in neuem Fenster) jener Fachgruppe:
“Die legalen [rechtlichen, Anm. PE] Rahmenbedingungen des Suchtmittelkonsums müssen kontinuierlich auf stigmatisierende Effekte hin überprüft werden. Eine Entkriminalisierung des Konsums, verbunden mit stigmafreier Präventionsarbeit, muss angestrebt werden.”
Im neuen Manifest der DG-Sucht finden sich auf Seite 1 in der Zusammenfassung und auf Seite 2 unter den Handlungsempfehlungen für die “politische Ebene” hingehen nur noch fasizinierend schwamming verforumulierte Phrasen (Öffnet in neuem Fenster). Als ob es nicht längst konkrete Handlungsemfehlungen wie diese die zitierte gäbe. So geht Entpolitisierung. So geht Verunsichtbarung der schädlichen Rolle der Drogengesetzgebung und Strafverfolgung für die Gesundheit und Biographien der Menschen. So lässt man die Menschen, für die man spricht, und im Unterschied zu ihnen, politisch, fachlich und gesellschaftlich verlässlich angehört wird, im Stich.
3 andere Wege, auf Stigmatisierung zu reagieren:
1. Haltung zeigen
In diesem schönen Interview nimmt der ehemalige Züricher Drogenbeauftragte gegen die menschenfeindliche Crack-Panik Stellung und zeigt, wie Haltung einnehmen geht:
https://tsri.ch/a/zuercher-drogenexperte-zur-baeckeranlage-das-problem-ist-die-gentrifizierung (Öffnet in neuem Fenster)2. Mensch-sein von der Idee eines Werts entkoppeln: “Danke, dass Sie menschlich sind.”
Im Buch “Wir stehen in der Mitte der Unendlichkeit” (Öffnet in neuem Fenster), in dem Dahr Jamail und Stan Rushworth Gespräche mit Angehörigen verschiedener Indigener Völker über Lösungen für die Klima- und weitere globale Krisen wiedergeben, findet sich am Rande eine schöne, passende Passage (S. 76). Sie betrifft Menschen, die in der größten Stadt Alaskas auf den Straßen (über)leben:
“Er [Ilarion Merculieff, von den Unangan] erzählte dann, dass er für alle Obdachlosen, die er in Anchorage sieht, betet und ihnen dafür dankt, dass sie hier sind, dass sie menschlich sind und den Mut aufbringen, den sie haben müssen, um in dieser Zeit hier zu sein.”
3. Die Handlungsempfehlungen von Expert*innen für Drogenpolitik und Stigmaerfahrenen nicht unterschlagen, sondern in der eigenen Arbeit, im eigenen Wirken ins Zentrum rücken.
Im #MyBrainMyChoice-Aktionsplan haben wir sie zu diesem Zweck in 21 Forderungen sortiert und beschrieben:
https://mybrainmychoice.de/aktionsplan/ (Öffnet in neuem Fenster)Fallen euch weitere Beispiele ein? Ich nehme sie in die nächsten Newsletter für alle mit auf! Antwortet mir gern auf diese Mail.
Beste Grüße aus Berlin
Philine