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Alkoholiker? Hoffnungsmensch!

Ein Besuch beim AA-Meeting // “Genau so kommen, wie man ist”

Eigentlich geht es uns gut, oder? Ich glaube, viele von uns würden das über sich sagen. Und doch gibt es im Leben Krisen, die erschüttern. Die ausbremsen. Die wortwörtlich vernichtend sein können. Eine solche Krise heißt Alkoholismus. Wer alkoholabhängig ist, ist nicht dumm, nicht blöd und auch nicht unvernünftig - er ist krank. Ich war für die kleine Hoffnungsmail bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker, und habe mit Menschen gesprochen, die sich rausgekämpft haben. Ihre Antworten haben mich sehr ergriffen.

Es ist ein nasskalter Freitagmittag in Wiesbaden. Hier im Besprechungsraum bleiben sie trocken. Heute. Morgen. Für immer. So das Ziel. Dafür sind sie heute gekommen. Sechs Menschen, vom Mittzwanziger bis zur Rentnerin. Niemand hat sie gezwungen. Keiner sich angemeldet. Es ist ein innerer Wunsch, der sie heute zum Meeting der Anonymen Alkoholiker bringt: sich nicht von ihrer Krankheit, dem Alkoholismus auffressen zu lassen. Man spricht sich hier beim Vornamen an, heute hat sich jeder einen Decknamen ausgesucht. Manche hier sind seit vier Jahrzehnten trocken. Güven erlebt heute sein zweites Meeting.

Es sind (nur) Zwölf Schritte bis zum Ziel

Er wird damit zur wichtigsten Person im Raum. Denn oberstes Ziel der Anonymen Alkoholiker (AA) ist es, neue Mitglieder auf den richtigen Weg zu führen. Klingt pathetisch, folgt aber einer genauen Logik. Und zwar der der Zwölf Schritte. Ein Programm, an dessen Anfang die Einsicht steht, dass man suchtkrank ist. Und an dessen Ende man nicht nur gegenüber dem Alkohol, sondern auch innerlich stabil ist. Güven ist gerade beim Vierten Schritt angelangt: der inneren Inventur. Was macht ihm Angst? Wo spürt er Groll? Ärger? Eifersucht gegenüber seinen Mitmenschen?

Neben Güven sitzt Willi. Er ist Anfang 80. Noch immer geht er zweimal pro Woche zum AA-Meeting. Die Zwölf Schritte hat er schon vor 39 Jahren bezwungen. Heute hilft er anderen Suchtkranken als Sponsor. So nennen sie bei AA Mentor*innen, die Neulinge wie Güven durch die Zwölf Schritte führen. Willi: „Es ist ganz wichtig, regelmäßig Kontakt zu anderen Suchtkranken zu haben. Am besten ruft man täglich zwei bis drei von ihnen kurz an. Das klingt anstrengend, ist aber extrem wirksam.“ Früher hatte Willi Angst. Angst, die Frau zu verlieren, den Job, die Wohnung. Hauptbestandteil seines Lebens war es, mit Anzug und Krawatte zur Arbeit zu gehen. Das ging lange gut. Willi war ein sogenannter „funktionierender Alkoholiker“, also ein Suchtkranker, dem man seine Krankheit äußerlich nicht unbedingt anmerkt. Bis der Körper streikt. Irgendwann fand sich Willi im Krankenhaus wieder. Er trank inzwischen täglich und stand kurz davor, auch körperlich abhängig zu werden. „Ich wollte mir nie helfen lassen. Aber als ich da im Krankenhaus lag, dachte ich: du musst jetzt endlich Hilfe annehmen.“ Ein innerer Schlüsselmoment, den hier einige kennen. Kurz darauf landete Willi bei AA.

AA-Regeln - Flache Hierarchien, Freiwilligkeit und klarer Ablauf

Es ist ist Punkt zwölf Uhr, das Meeting beginnt. Die meisten zücken ein kleines, in einem blauen Umschlag eingebundenes Buch. So heißt es auch: das Blaue Buch. In diesem knapp 500 Seiten langen Standardwerk von AA findet man Lebensgeschichten anderer Alkoholiker*innen. Es gibt aber auch Infos zum Alkoholismus, Verhaltenstipps und die medizinische Perspektive auf das Thema. Besonders relevant für die einzelnen AA-Gruppen ist die Geschichte der Anonymen Alkoholiker. Sie beginnt 1935 mit Bill W. aus New York. Als Börsenmakler war er erfolgreich, als Alkoholiker hilflos, bei den Ärzten längst abgeschrieben. Trotzdem war es ein Mediziner, der ihm half: Dr. Silkworth. Über Umwege gelangte Bill W. zu einem weiteren Arzt, Dr. Bob. Der aber war selbst alkoholkrank. Der Kontakt mit anderen Alkoholikern half Bill und später Dr. Bob. Sofort verstanden sich die beiden. Aus den sechs Schritten der christlichen Oxford-Gruppe machten sie zwölf und gründeten am 10. Juni 1935 die „Alkoholics Anonymous“ – an dem Tag, an dem Dr. Bob trocken wurde. 91 Jahre später ist Bill für viele hier in Wiesbaden immer noch ein Vorbild. Er hat große Teile des Blauen Buchs geschrieben. Neben den Lebensgeschichten sind für die praktische Arbeit außerdem die Zwölf Traditionen wichtig. In der Dritten Tradition steht die einzige Bedingung zur Teilnahme an AA geschrieben: der ernsthafte Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Aber auch die Anonymität und Organisation der AA-Meetings wird hier festgelegt. So muss eine AA-Gruppe finanziell unabhängig sein und darf sich nur aus freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder finanzieren. Kein Unternehmen, kein Verein und keine Kirche soll die Gruppenmitglieder in eine Abhängigkeit bringen. Auch die Hierarchie innerhalb der Gruppe ist flach. Es gibt einen Leiter, den Chair, der von der Gruppe bestimmt wird. Im heutigen Meeting übernimmt diese Aufgabe Anders. Der drahtige Mann in den Vierzigern hat es im letzten Oktober ins Leben gerufen.

Insgesamt gibt es neun aktive Meetings in der Stadt. Darunter drei auf Englisch und je eines auf Russisch und Polnisch. Einige finden mittags, andere abends statt, am Wochenende, aber auch unter der Woche. Nach Corona gibt es aber auch vermehrt Online- Meetings. An diesem Freitag steht der persönliche Kontakt im Vordergrund. Eine Stunde lang ist das Treffen, wie jede Woche. Danach gehen sie – wie jede Woche – noch in ein angrenzendes Café. Feste Strukturen sind wichtig, um aus der Sucht zu kommen.

Meeting-Chair Anders: „Man kann genauso kommen, wie man gerade ist“

Anders verliest die Präambel aus dem Blauen Buch, eine kurze Zusammenfassung, worum es hier geht. Man darf über alles sprechen, soll sich aber auf persönliche Erlebnisse mit dem Alkoholismus konzentrieren. Alle dürfen ausreden. Jeder Redebeitrag beginnt mit dem Namen und dem Zusatz „ich bin Alkoholiker“. Anschließend folgt das wohl bekannteste Ritual von AA. Mit einem chorischen „Hallo“ am Anfang und „Vielen Dank“ am Ende spricht die Gruppe dem Einzelnen Mut zu. Und Zugehörigkeit. „Alkoholiker, die noch nicht trocken sind, werden selten respektiert und oft ausgegrenzt. Viele erleben hier zum ersten Mal, dass ihnen zugehört wird“, sagt Anders nach dem Meeting. Im Meeting bittet er jetzt um eine kurze Schweigeminute für noch leidende Alkoholkranke. Danach liest Güven aus einem Abschnitt des Blauen Buchs vor. Die Gruppe ist auf Seite 46 angelangt. Wie so oft geht es um eine persönliche Geschichte. Nach einer kurzen Lesepause ergreift Willi das Wort und erzählt aus seinen Erlebnissen. Heute teilt hier jeder etwas. Birgit erzählt, dass die Schwiegertochter ihrer Freundin neulich betrunken von der Polizei erwischt wurde. Für Birgit eine schmerzhafte Erinnerung an die eigene Vergangenheit. „Ich hatte früher einen sehr stressigen Job. Man hat von mir gefordert, Kolleginnen aus dem Unternehmen zu mobben.“ Irgendwann habe sie sich angewöhnt, täglich vor dem Nachhauseweg eine Flasche Wein zu trinken. „Heute weiß ich, wie verantwortungslos das war, gerade als alleinerziehende Mutter. Es ist ein großes Glück, dass ich noch lebe.“ Cordula hat heute keinen guten Tag. Sie ist neben dem Alkohol auch esssüchtig. Dass die Presse im Raum ist, schüchtert sie ein. Trotzdem beginnt sie, zu erzählen. Dass es Zeiten gab, wo sie Freude am Sport fand. Da war sie schon 13 Jahre trocken. Sie sei aufgeblüht, habe sich anders angezogen, sich euphorisch über die kleinsten Sachen freuen können. Letzten Sommer kamen bei ihr dann Suizidgedanken auf, als Folge der Esssucht. Es folgten ein paar Wochen in einer Einrichtung. Ihre Euphorie ist jetzt weg. Stattdessen kommen bei der 71-jährigen zunehmend körperliche Beschwerden. „Ich finde großartig an AA, dass man so kommen kann, wie man gerade ist. Mit allen Gefühlen und Lebenszuständen“, sagt Anders. Auch er stand einmal kurz davor, sich umzubringen. Die Meetings halfen ihm nicht mehr. Nur von sich zu erzählen, reichte langfristig nicht. Irgendwann begann Anders, aktiv an den Schritten zu arbeiten. Er fand zu Gott.

Im Mittelpunkt steht die Spiritualität

Der Glaube an etwas Transzendentes ist das Herzstück der AA-Tradition. Er wird hier Spiritualität genannt. Dabei ist es egal, ob man an Allah, Jahwe, Buddha oder seine eigene Vorstellung von Gott glaubt. „Wenn ich meine eigenen Probleme nicht lösen kann, bitte ich eine höhere Macht, mir die Last abzunehmen“, erklärt Birgit. Damit kommt gleichzeitig eine Verantwortung auf den Suchtkranken zu, sich moralisch zu verhalten. Spirituell sein bedeutet, seine Mitmenschen zu achten und sich für Fehlverhalten in der Zeit der Sucht zu entschuldigen. Und genau dadurch Motive und Situationen, die zum Trinken führen, zu eliminieren. „Ich entschied mich bewusst dazu, zu trinken. Aber sobald ich einen Schluck intus hatte, konnte ich nicht mehr aufhören und es endete in einer Katastrophe“, berichtet Willi. „Anderen Alkoholikern zu helfen, hilft mir selbst, trocken zu bleiben“, ergänzt Anders. Für die Menschen in Meeting ist das eine Lebensaufgabe, die sie verändert hat. „Durch AA habe ich gelernt, innerlich ruhig zu bleiben, auch wenn andere austicken“, berichtet Claus. Als das Meeting vorbei ist, regnet es immer noch. Alle ziehen sich ihre Jacken an. „Wir bleiben immer nur für heute trocken“, zwinkert Willi zum Abschied zu. „Das trickst den Kopf aus.“

Wer es bis hierhin geschafft hat, hat einiges verstanden. Dass es im Leben nicht auf die Hürden ankommt. Sondern, sie zu meistern. Das kann man pathetisch ausdrücken. Oder so ehrliche-ernsthaft, wie die Alkoholiker beim AA-Meeting. Bis nächste Woche! Empfehlt die kleine Hoffnungsmail gerne weiter:

Immer weiter gehen

Euer Hendrik