
Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #12
Verschiedene Schreib-Methoden:
Das Dialog Journal: Gespräche mit deinem Inneren
Persönlicher Einstieg
Ich weiß nicht, was dein erster Gedanke ist, wenn du an Gespräche mit dem eigenen Inneren denkst. Findest du das cringe oder denkst du, dass du dir seltsam dabei vorkommen wirst, wenn du fiktive Selbstgespräche zu Papier bringen sollst? Fakt ist: Du bist schon längst im Gespräch mit dir. Die meisten Menschen führen keine lauten Selbstgespräche und wenn, dann ist man sich der Blicke seiner Mitmenschen sicher, die sich eventuell angesprochen fühlen. Lautes „mit sich selbst im Gespräch sein“ wirkt irritierend, aber ist tatsächlich ja nur ein „öffentlich machen“ dessen, was wir so oder so den ganzen Tag tun: Wir sind ununterbrochen im Gespräch mit uns selbst. Dabei ist in unserem Kopf nicht nur eine Stimme, die spricht, sondern es sind viele Stimmen verschiedener Anteile in uns. Die meisten Menschen haben einen inneren Kritiker, der uns auf die Dinge hinweist, die wir nicht gut machen. Der klingt dann vielleicht so: „Sina, das schaffst du eh nicht/das hättest du besser machen können/warum bist du nicht disziplinierter?/ Warum bist du nicht so diszipliniert wie deine Freundin Beate“. Manchmal sagt diese Stimme auch wenig eloquent einfach nur „Bist du blöd“ oder droppt ein augenrollendes „Och nö!“ Die meisten Menschen haben in sich einen ganzen Chor alter Stimmen versammelt – da hören wir dann mütterliche Mahnungen, väterlichen Tadel, lehrerhafte Korrekturen, die einmal so schmerzhaft tief gingen, dass sie ein Teil von uns geworden sind. Und irgendwo in die wohnt auch dein inneres Kind, das zu vielen Dingen eine Meinung hat oder eine Erfahrung verinnerlicht hat, die uns mahnen und warnen soll. Es gibt auch die vielen guten Stimmen: Vielleicht eine Mutmacherin oder eine Optimistin, die erfreulich laut und präsent sind. Möglicherweise streiten deine inneren Stimmen oder sie vertragen sich ganz gut. Wie dem auch sei: Wir alle führen innere Monologe, die meisten unserer rund 6000 Gedanken am Tag sind schlichtweg Selbstgespräche. Und selbst wenn du jetzt denkst „Ich denke doch meist nur so organisatorischen Kram“: Da notierst du Dinge auf dem Einkaufszettel und ein Geistesblitz sagt „vergiss nicht wieder die Milch – das war blöd letztes Mal, die vergessen zu haben!“
Studien zeigen, dass sich zwischen 70-80% unserer Gedanken täglich wiederholen, ein großer Zeil dieser Wiederholungen (60-70%) ist dabei eher negativer Natur. Das bedeutet, dass viele unserer Selbstgespräche sich im Kreis drehen und Grübelschleifen, Selbstkritik, Sorgen oder schlechte Erinnerungen beeinhalten. Seinen Dialog mit sich selbst, also diese Stimmen, die eh da sind, die wir aber so oft gar nicht mehr bewusst hören oder wahrnehmen, bewusst und kreativ zu Papier zu bringen, hat große Vorteile: Wir werden uns durch den Verschriftlichungsprozess bewusst, was wir denken – eine Form aktiver Achtsamkeit! Durch das Bewusstmachen unserer inneren Stimmen fällt es uns viel leichter, gezielt zu intervenieren und neue, heilsamere Gedanken zu implementieren. * Das wiederum erleichtert den Zugang zu unserer Intuition, ermöglicht neue Perspektiven auf alte Themen und verhilft uns zu mehr Klarheit bei anstehenden Entscheidungen. Für die meisten Menschen ist die Methode des verschriftlichten inneren Dialogs ein Weg zu mehr Frieden mit sich selbst.
Einführung in die Methode

Jetzt, wo ihr um die Vorteile eines Dialog Journals wisst, möchte ich euch kurz erklären, wie ihr diese Methode konkret anwendet, bzw. wie sie funktioniert. Dabei gilt wie immer, die Regel: Methoden zu kennen ist kein starres Korsett. Im ersten Moment kann es hilfreich sein, ihnen zu folgen, aber eigentlich nur, um seine eigenen Bedürfnisse in der Begegnung mit einer Methode zu erkennen und sie ggf abzuwandeln, damit sie ins eigene Leben passt. Methodisch ist ein Dialog Journal sehr einfach zu verstehen: Du schreibst ein Gespräch auf – so als würdest du mit jemand anderem reden, mit dem Unterschied, dass dein Gegenüber ein Teil von dir selbst ist. Starten kannst du damit, dass du dein oder eine Gegenüber wählst: Das kann ein Zukunfts-Ich sein, dein inneres Kind, dein innerer Kritiker, dein Herz, deine Angst oder auch dein Bauchgefühl. Man kann das wie ein Theaterstück mit verteilten Rollen verfassen in der Form „Ich:... /Mein Herz:...“ und beide Seiten in einen echten Dialog eintreten lassen – solange bis sich das Gespräch beim Nachlesen „rund“ anfühlt und du innerlich registrierst, dass alles gesagt ich. Ich persönlich habe gemerkt, dass ich mir diese streng alternierende Form nicht wirklich liegt, sondern es sich besser anfühlt, wenn ich in der Form etwas freier bin. Daher formuliere ich eher kurze Monologe meiner einzelnen inneren Stimmen und steige eher so ein: „Mein inneres Kind ist mit diesem Vorgehen gar nicht einverstanden und mahnt mich beständig...“, „Daraufhin meldet sich aber mit großer Vehemenz das Bauchgefühl mit folgenden Dingen, die wichtig sind....“, „ich würde so gerne auf mein Bauchgefühle hören, aber an dieser Stelle meldet sich stets meine Angst und sagt:...“ Und so weiter. Diese Vorgehensweise ähnelt keinem Gespräch im engeren Sinne, lässt aber doch nach und nach alle relevanten Stimmen zu Wort kommen. Oft führt das zu einer erstaunlichen Klarheit, sich auf diese Weise bewusst zu machen, welche inneren Anteile in einem widerstreiten. Wenn diese sich ein bloßes Gedanken-Gefecht liefern, geht oft alles drunter und drüber und durcheinander in endlosen Schleifen. Allein die Erkenntnis „das ist die Angst, die da in mir laut wird!“ ist in so vielen Momenten Gold wert. Denn wie wir alle wissen: Angst ist häufig keine gute Beraterin.
Praktischer Impuls

Für diejenigen, für die diese Technik neu ist, und für alle, die sich ihrer verschiedenen Anteile bisher noch gar nicht so bewusst sind, kann eine praktische Übung helfen, sich mit den den mehrstimmigen inneren Kanon vertraut zu machen: Wer den inneren Diolog als Übung für diese Woche mal ausprobieren möchte, der kann eine Frage oder eine gegenwärtige Sorge auf der Ich-Perspektive aufschreiben. Zum Beispiel so etwas wie „Ich mache mir Sorgen, ob es meine Kindern nachhaltig schadet, wenn ich mit ihnen schimpfe“ oder „Ich weiß nicht, ob ich mich scheiden lassen sollte“. Und dann versuche diese Frage aus der Perspektive verschiedener Anteile zu beantworten, die wir alle in uns tragen. In meinem Fall: Was würde die Zukunft-Sina dazu sagen, die 10 Jahre ältere? Was sagt mein inneres Kind? Was sagt mein Herz? Was sagt meine Vernunft? Wähle für den Anfang drei Sprecherrollen, mit denen du dich vertraut fühlst oder von denen du ahnst, dass sie zu der Angelegenheit etwas zu sagen haben. Es ist hilfreich mit verschiedenen Rollen zu experimentieren – vielleicht wirst du dir auf diese Weise bestimmter Anteile deiner Persönlichkeit bewusst, die bisher eher namenlos durch dein Bewusstsein geistern. Nehmt es als Inspiration, nicht als vollständige Aufzählung, wenn ich euch im Folgenden einige Anteile und Sprecherrollen für die Technik des inneren Dialogs vorschlage.
Klassische innere Stimmen können sein: Herz (Gefühl/Intuition), Verstand (Logik, Analytik), Körper (Bedürfnisse, Signale, Gesundheit), Seele (Spiritualität, Sinn, Tiefe), inneres Kind, Kritiker*in (strenge Stimme, Regeln, Glaubenssätze), Skeptiker*in (Zweifel, Vorsicht), Ermutiger*in, Optimisti*in/Pessimist*in (kennen die sich? Sprechen die in deinen Gedanken viel miteinander?), Vergangenheits-Ich (Erfahrung, Erinnerung), Zukunfts-Ich (Wünsche, Visionen, Möglichkeiten), die Muse (Kreativität, Inspiration), Schatten (verdrängte Gefühle und Ängste), Held*in (deine starke und mutige Seite), innere Weisheit.
Wähle für die erste Übung drei Gesprächspartner, die dir sinnvoll erscheinen. Wenn du diese Übung wiederholst und verschiedene Dialoge ausprobierst, wird dir auch beim reinen Gedanken-Dialog mit der Zeit stärker auffallen, wer da gerade seine Stimme erhebt.
Nutzen für die Leser:innen

Der Vorteil diese Übung liegt auf der Hand: seine inneren Anteile zu kennen, hilft sehr, keine dieser Stimmen absolut zu sehen. Das kann Ängste mildern, Glaubenssätze relativieren und innere Arbeit und Wachstum fördern. Der innere Dialog ist das perfekte Tool, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Möglicherweise ist deine Angst einfach gerade nur sehr laut und übertönt alle – da sämtliche anderen Stimmen zu Wort kommen zu lassen, ist erhellend. Auf diese Weise bekommst du neue Perspektiven auf Themen und machst dich ehrlicher vor dir selbst. Es gibt tatsächlich Menschen, die immer dazu neigen, ihren Körper zu überhören, egal, wie deutlich Symptome sind. Die Frage „Was sagt mein Körper eigentlich?“ ist für viele Menschen das normalste von der Welt, währen manche einen Arzt brauchen, um endlich hinzuhören – oder eben ein Journal, das erste Anhaltszeichen liefert. Der Zugang zu deiner Intuition wird stärker werden, du wirst dir selbst mehr zutrauen und dich besser kennen- und hoffentlich mit allen Anteilen lieben lernen, denn immerhin haben alle etwas zu sagen. Gerade schwere Themen werden im dialogischen Stil zu einem Schreiberlebnis, das das schwere Grübeln stoppen und in konstruktive Bahnen lenken kann.
Ausblick

Könnt ihr noch? Dann geht es nächstes Wochenende weiter mit dem Journaling Kurs und Methodenlehre. Insgesamt ist der Kurs mit seinen 52 Einheiten auf ein Jahr konzipiert und ich freue mich, wenn das Ergebnis mehr Freude am Schreiben und ein tieferes Selbstverständnis sein darf. Nächste Woche wird das Thema sein „Was wäre, wenn... - Phantasie als Werkzeug für Selbsterkenntnis“. Das Wort zum Montag, das euch kommende Woche erreicht, wird Teil 2 von „Ich wäre so gerne eine, die meditiert – der ultimative Einsteiger Guide“ - jetzt wird es richtig schön praktisch.
Es gibt immer wieder Nachfragen, was man machen kann, wenn man erst „jetzt“ in den Newsletter Kurs einsteigt und die ersten 10 Ausgaben verpasst hat. Alle bisherigen Lektionen gibt es auf Steady ohne Paywall zum Nachlesen! Folgt einfach dem Link feelslike_sina (Öffnet in neuem Fenster) und scrollt auf der Seite nach unten, dort gibt es alle Lektionen zum Nachlesen. Falls du beim Scrollen merken solltest, dass es dort noch viele weitere Themen und Texte gibt, die dich ansprechen, darfst du gerne meine Kolumne abonnieren. Das „Wort zum Montag“ erscheint wöchentlich zum Wochenanfang und ist noch etwas umfangreicher als der Newsletter und enthält stets eine Audio Version, damit alle, die wenig Zeit zum Lesen haben, sich meine Texte vorlesen lassen können. Ein Input, ein Learning, ein Fokus pro Woche ist für die meisten Menschen im digitalen Überfluss genau die Menge, die wir bewerkstelligen und umsetzen können. Wenn dir also der Journaling Kurs gefällt, werde gerne Leser und Unterstützerin meiner Kolumne.
Wer sich für die Kolumne interessiert und gerne einen Überblick über die bisher erschienenen Themen hätte, kann einfach mit dem Stichwort „Texte“ auf diese Mail antworten – ich kann euch dann eine Übersicht schicken: Alle Themen mit Erscheinungsdatum. Und würde mich freuen, euch demnächst als Teil der Wort-zum-Montags-Hood begrüßen zu dürfen.
Abschluss
Manchmal brauchen wir keine Antworten von außen, sondern nur die Geduld und die Weisheit, unserem inneren wirklich zuzuhören! Ich hoffe, dass das Dialog-Journaling dir ein wunderbares Werkzeug auf diesem Weg werden kann und wünsche dir viel Spaß beim Schreiben.
Seid behütet!
Eure Sina