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Newsletter - dein kreativer Journaling Kurs #26

Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #26

Reflexionsfragen schreiben lernen – mit und ohne KI

 

 

1. Warum Reflexionsfragen so kraftvoll sind

„Wenn ich meine jetzige Situation als Entscheidung formulieren müsste – welche Entscheidung treffe ich gerade?“ Ich ziehe scharf die Luft ein, während ich die Frage lesen und in meinem Journal notiere. Ich merke, dass allein die Frage meinen Fokus total verschiebt und sich plötzlich Perspektiven aufdrängen und in mir laut werden wollen, die ich vermutlich bisher sehr erfolgreich weggedrückt habe. Der erste Satz, den ich in meinem Journal notiere, lautet „Vermutlich habe ich mich bisher einfach gedanklich kreisend immer wieder mit dem Problem beschäftigt, um der Tatsache aus dem Weg zu gehen, dass eine Entscheidung dran wäre, um endlich ins Handeln zu kommen. Die Entscheidung, die ich treffen müsste, lautet...“.

Reflexionsfragen sind deshalb so enorm kraftvoll für unseren Journaling-Prozess, weil sie unsere gewohnten Denkmuster durchbrechen. Viele Themen durchlaufen in unserem Gehirn immer wieder dieselben Schleifen und eine Frage „out of the box“ wirkt da wie ein kleiner „Interrupt“. Manchmal lockt schon die Frage bei uns etwas an die Oberfläche, das bisher vielleicht erfolgreich nicht in den Blick genommen worden ist, denn gute Reflexionsfragen sind wie der Köder an einer Angel: und plörtlich zappelt da etwas in tiefen Wassern, das wir an die Oberfläche holen können. Gute Fragen öffenen statt zu schließen: Sie öffnenen einen Raum für neue Ideen, Erkenntnisse und zwingen uns dazu, manchmal auch Widersprüchliches zu denken und zuzulassen. Dabei gibt es Fragen, die uns ganz zentral auf uns selbst zurückwerfen und dazu einladen, uns zu positionieren, selbst zu erkennen und vielleicht neue Facetten unserer Persönlichkeit zu integrieren. Das ist oft der eigentliche Gamechanger, wenn wir uns nicht nur über bestimmte Themen Gedanken machen, sondern uns fragen, wer wir sind und wer wir sein wollen. Gute Fragen bringen uns vom Denken ins Reflektieren und verändern damit unsere Perspektive, die wir auf Themen und uns selbst haben. Dieser Teil des Journaling Kurses soll zum Arbeiten mit Refelxionsfragen einladen und zudem dazu befähigen, selbst gute Reflexionsfragen zu stellen, um die manchmal sehr kreisenden Gedanken, mit denen wir schreiben, sanft zu unterbrechen. Ich habe in meiner Schreibroutine manchmal so Momente, wo mir bewusst wird „Diesen Gedanken habe ich im letzten Monat in unzähligen Variationen immer wieder formuliert. Irgendwie bin ich da bisher noch nicht so recht weiter gekommen“. Das ist dann der Moment, wo ich weiß, dass mir eine neue Perspektive auf meine Gedanken weiterhelfen kann.


2. Was eine gute Reflexionsfrage ausmacht

Wie die einleitenden Gedanken sehr deutlich machen, zeichnet einen gute Reflexionsfrage aus, dass sie uns über unser eigenens Denken hinauszuheben vermag und uns in gewisser Weise „gegenüber tritt“. Zudem sollte eine gute Reflexionsfrage etwas in uns bewirken, etwas auslösen, Gefühle oder neue Denkprozesse wecken und in Gang setze. Fragen, die das vermögen, zeigen alle sehr ähnliche Merkmale aus, die es sich vor Augen zu führen lohnt. Gute und kraftvolle Fragen sind offen, nicht geschlossen. Offene Fragen lassen viel Raum für eine Antwort, während geschlossene Fragen auf eine konkrete und begrenzte Antwort abzielen, häufig ein Ja/Nein, Zahlen oder die Nennung von kurzen Fakten. Die Art, wie geschlossene Fragen gestellt werden, geben die Richtung der Antwort zudem schon sehr stark vor. Die Frage „Bin ich bereit, meinen Job zu kündigen“ ist zum Beispiel eine geschlossene Frage, die sich mit Ja oder Nein beantworten lässt und nicht wirklich einen Prozess weiteren Nachdenkens eröffnet oder dazu einlädt, über das bereits bekannte hinauszudenken. Offene Fragen laden zu ausführlichen und freien Antworten ein, zum Erzählen und Reflektieren, wodurch sich neue Perspektoven eröffnen, zum Beispiel „Wie…“ oder „Was…“ Fragen.

Die meisten guten Reflexionsfragen haben einen starken Selbstbezug statt analysierend über andere nachzudenken. Der Grund dafür ist: Veränderung findet in uns selbst statt. Das, was uns in Bewegung bringt (gedanklich und faktisch), hat seinen Ursprung in uns selbst und sich verändernden, sich wandelnden Perspektiven. Hilfreiche Fragen kennzeichnet eine Prozess- statt Ergebnisorientierung. Es ist nämlich in vielen Fällen so, dass wir uns Antworten wünschen, die Lösungen darstellen, dass wir gerne wissen würden, was am Ende steht. Oft sind Lösungen aber prozesshaft und wir leben Schritt für Schritt in sie hinein. Aus diesem Grund sollten Reflexiosfragen helfen, diese Schritte sichtbar zu machen. Außerdem sind gute Reflexionsfragen nicht rein kognitiv, sondern versuchen emotional anschlussfähig zu sein, weil echte Veränderung selten allein im Denken entsteht, sondern in einem guten Zusammenspielt zwischen Verstand und Gefühl. Vermutlich kennen wir alle so Sätze, die beginnen mit „Eigentlich müsste ich...“ oder „Ich weiß ja, aber...“ Ohne emotionale Beteiligung fehlt solchen Erkenntnissen oft die innere Bewegung. Erst wenn eine Frage etwas in uns auslöst (Irritation, Widerspruch, Betroffenheit, Widerstand), hat sie die Kraft, uns in echte Veränderung zu führen. Zudem ist ein großer Teil unserer inneren Überzeugungen und Prägungen oft für uns nicht ohne Weiteres zugänglich. Rein rationale Fragen erreichen oft nicht die Bereiche unseres Inneren, die man mit „Bauchgefühl“ oder „Unterbewusstsein“ beschreiben kann, aber es ist enorm wichtig, diese mit ins Boot zu holen, wenn es um Entscheidungen geht.
So Fragen wie „Warum läuft immer alles schief?“, die wir so in der Art ja gerne formulieren, wenn etwas in unserem Leben nicht so läuft wie geplant, ist zum Beispiel als Reflexionsfrage komplett unbrauchbar, weil sie problemzentriert, pauschal und unpersönlich formuliert ist. Demgegenüber wäre die Frage „Was genau hat mich heute überfordert und warum?“ sehr konkret, differenziert und persönlich formuliert und spricht zudem Gefühle und Verstandesebene gleichermaßen an.

3. Fragetypen für unterschiedliche Ziele

Für unterschiedliche Situationen im Leben kann es verschiedene Fragetypen geben, die sich anbieten, um zu mehr Klarheit zu kommen. Da gibt es zum Beispiel klärende Fragen wie„Was ist gerade wirklich los?“, die zum Ziel haben, mehr Bewusstsein zu schffen. Dann kann man vertiefende Fragen stellen, etwa „Was daran berührt mich gerade so stark?“, die dazu einladen, noch genauer hinzuschauen. Ressourcenorientierte Fragen fragen im Stil von „Wann habe ich etwas Ähnliches schon einmal gemeistert?“ nach vergleichbaren Situationen im Leben, die uns als Referenz dienen könnten. Ziel einer solchen Frage ist, das eigene Selbstvertrauen stärken und Mut zu bekommen, wenn wir merken, dass wir uns aus Angst und Unsicherheit nicht vom Fleck bewegen. In der Beratungspraxis sind es oft Perspektivwechsel-Fragen, die dazu einladen, outside the box zu denken und sich aus dem immerwährenden um-sich-selbst-Kreisen zu lösen. Solche Fragen kann man sich auch fur selbst stellen: „Wie würde ich die Situation als Außenstehende sehen?“ oder „Was würde ich meiner Freundin raten, wenn sie in dieser Situation wäre?“ Ziel ist hier, ein Stück zurück zu treten und bewusst eine neue Perspektive auf das eigene Problem einzunehmen. Und gerade vor dem Hintergrund, dass wir nicht nach fertigen Musterlösungen, sondern nächsten kleinen Schritten suchen, kann genau dies eine der hilfreichsten Reflexionsfragen sein: „Was wäre ein kleiner nächster Schritt?“. Handlungsfähigkeit ist das Ziel dieser Fragerichtung, denn oft ist es gerade die Lösung eines Problems, irgendwie ins Handeln zu kommen, weil sich mit jedem konkreten Schritt, den wir tun, unsere Perspektive ein kleines bisschen verändert.

Warum Fragen sind unterm Strich oft nicht wirklich zielführend, weil sie oft nicht dahin führen, wo wir hin wollen, weil sie eher eine Erklärung und Rechtfertigung liefern als uns innerlich voran zu bringen. Warum-Fragen neigen sehr dazu, zu schnellern, scheinbar logischen Antworten zu kommen und das wird unserer höchst induviduellen Gefühlslage oft nicht gerecht und verhaftet uns zu sehr in er Vergangenheit, weil es leiglich erklärt, was ich eh schon denke. „Warum kündige ich nicht einfach?“ - Antwort: weil ich Angst habe, weil ich nicht weiß, wie es dann weiter geht, weil ich das Geld doch brauche. Wusstest du schon, oder?


4. Eigene Reflexionsfragen entwickeln (ohne KI)

Wer ohne KI lernen möchte, sich selbst gute Reslexionsfragen zu stellen, sollte sich zunächst mal seines Ausgangspunkts bewusst sein: Um welche Situation geht es (gibt es einen inneren Konflikt oder muss ich eine wichtige Entscheidung treffen?), welche Gefühle kann ich ausmachen und was ist mein Wunsch in der konkreten Situation: Suche ich Klarheit oder Veränderung? Wer sein Thema benannt hat und sein Ziel klar vor Augen hat, kann versuchen, die passende Frageformel zu entwickeln, indem er der Leitstruktur „Was genau…?“, „Was daran…?“ und „Was brauche ich gerade, um…?“ folgt. Wie könnte eine klärende Frage aussehen, wie eine vertiefende und wie eine Frage nächster möglicher Schritte. Wenn wir noch mal das Beispiel Kündung nehmen, könnte das so aussehen: Die Situation ist, dass ich in meinem aktuellen Anstellungsverhältnis nicht mehr glücklich bin, aber große Angst vor dem Schritt der Kündigung habe. Statt „Warum habe ich Angst?“ zu fragen, das nur bekannte Gedanken abruft, könnte eine klärende Frage sein „Was genau befürchte ich, wenn ich mich wieder auf die Jobsuche machen müsste?“, eine vertiefende Frage ist „Was daran ist meiner grundsätzlichen Angst vor Veränderung geschildert, was eine realistisch zu befürchtende Konsequenz?“ Eine Frage, die handlungsfähig macht, wäre hier „Was kann ich tun, um meiner Angst zu begegnen?“ Eine mögliche Antwort könnte sein: Ich lese Stellenanzeigen und bewerbe mich initiativ. Vielleicht ist ja das Richtige dabei – dann werde ich kündigen.


5. Reflexionsfragen mit KI entwickeln

Neuerdings gibt es eine weitere Hilfe zum Verfassen guter Reflexionsfragen und zwar die KI. Denn selbst wenn wir gelernt haben, wie man zu guten Fragen selbst findet, besteht dennoch die Gefahr, dass man auch mit seinen Reflexionsfragen im eigenen, stereotypen Denken verhaftet bleibt. KI bietet hier eine Chance, die nicht in Konkurrenz zu eigenen klugen Fragen stehen soll, sondern sich dann und wann als gute Ergänzung anbietet. Immerhin bekommen wir durch KI schnelle Inspiration, neue Perspektiven und garantiert Fragerichtungen, die unseren eigenen Horizonz erweitern können. Das Risiko besteht bei KI-generierten Fragen darin, dass sie in Unkenntnis unserer genauen Situation zu oberflächlich sein könnten und eher generische Fragen auswerfen, die nicht zu unserer emotionalen Befindlichkeit passen. Zudem sind wir mit der vermehrten Nutzung von KI natürlich immer der Gefahr ausgesetzt, ein Stück der eigenen Intution zu verlernen und auch das Arbeiten mit dem eigenen Inneren. Dennoch kann ein gut formulierter Prompt recht gute Beispiele für Reflexionsfragen bieten und gerade in Situationen, in denen wir uns zu kraftlos und zu fest gefahren fühlen, um uns den Rettungsring selbst auszuwerfen, ist KI sicher ein gutes Mittel der Wahl.

Gute ChatGPT Promts könnten zum Beispielt sein:
„Gib mir 10 tiefgehende Reflexionsfragen zum Thema Überforderung im Alltag, die emotional differenziert sind.“
„Formuliere Fragen, die nicht lösungsorientiert, sondern eher klärend wirken.“

„Bitte entwirft zum Thema xy einen Fragenkatalog, der mir hilft, die nächsten Schritte zu erkennen, die ich jetzt gehen kann“.
Es ist wichtig, dass wir KI gezielt steuern, indem wir in unserem Prompt darum bitten, dass die Reflexionsfragen einen bestimmten Stil haben sollen, zum Beispiel herausfordernd, analytisch oder eher konfrontativ. Außerdem sollten wir das Ziel der verfassten Fragen festlegen, also „Entwirf einen Katalog an Fragen, der mir hilft, meine Motive besser zu verstehen/ins Handeln zu kommen/zu einer differenzierten Sichtweise zu kommen“. Zudem kann man die Fragen, die ChatGPT auswirft, einem „Resonanztest“ stellen: Frage dich, ob sich die Fragen echt und vielleicht sogar nach dir anfühlen, ob sie etwas in der auslösen und ob du ihr Potential spürst, neue Gedankenkreise anzuregen. Fühl dich niemals genötigt, alle KI Fragen tatsächlich zu beantworten, sondern behalte dir vor, diejenigen einfach rauszuschmeißen, die dir nicht passend erscheinen.

6. Reflexionsfragen in deiner Journaling-Praxis

Ein wichtiger Tipp für die Arbeit mit Reflexionsfragen ist: überfordere dich nicht und stelle dich nicht zu vielen Fragen auf einmal. Natürlich kann es auch seinen Reiz haben, sich ab und zu mal einer richtig langen Journaling Session zu unterziehen (ähnlich wie es die Jahres-Inventur meiner Kolumne nagelegt), aber für den Alltag reichen in der Regel 1–3 Fragen pro Einheit vollkommen aus. Dabei ist es vollkommen erlaubt, dass Fragen sich auch wiederholen dürfen. Gerade bei Themen wie Beziehungsarbeit oder Persönlichkeitsemtwicklung kann es super hilfreich sein, sich ein und dieselbe Frage immer wieder zu stellen. Journaling Fragen eignen sich in Situationen, die sich für uns festgefahren und schwer zu entscheiden anfühlen, können aber auch einfach nur eine willkommene stilische Abwechslung unserer Praxis sein. Vielleicht magst du einen speziellen Fragenkatalog mit Fragen entwerfen, die du dir jedes Jahr, jeden Monat oder jede Woche stellt. Die Arbeit mit Reflexionsfragen eigenet sich sehr auch in der Kombination mit freiem Schreiben oder anderen stilischen Methoden, wie ich sie ja bereits vorgestellt habe.

7. Bonus-Material: 20 starke Reflexionsfragen, die immer gehen (ohne Garantie ;-))

1. Welche Theme in meinem Leben sollte ich mir genauer anschauen?
2. Wovor weiche ich im Moment aus?
3. Was würde ich tun, wenn ich keine Angst vor Bewertung hätte?
4. Wo in meinem Leben bin ich gerade vielleicht nicht ganz ehrlich? Auch zu mir selbst.
5. Was kostet mich gerade mehr Energie als es mir zurückgibt?
6. Welche Wahrheit spüre ich, aber spreche sie nicht aus?
7. Was versuche ich zu kontrollieren, das ich eigentlich loslassen müsste?
8. Wann habe ich mich zuletzt wirklich lebendig gefühlt und warum?
9. Welche Rolle spiele ich gerade, statt wirklich ich selbst zu sein?
10. Was würde sich verändern, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse wieder wichtig nehmen würde?
11. Welche Entscheidung schiebe ich vor mir her und warum?
12. Was würde mein zukünftiges Ich mir heute raten?
13. Was würde ich meinem vergangenen Ich raten und warum?
14. Was brauche ich gerade, aber erlaube mir nicht, es mir zu geben?
15. Welche Geschichte erzähle ich mir über mich selbst und stimmt diese wirklich?
16. Was würde ich tun, wenn ich mir selbst vertrauen würde?
17. Welche Grenze müsste ich setzen, um mir selbst treu zu bleiben?
18. Was vermeide ich, obwohl ich weiß, dass es mir guttun würde?
19. Was ist gerade wichtiger: Recht zu haben oder in Verbindung zu bleiben?
20. Wenn heute ein Wendepunkt wäre, was sollte in Zukunft anders sein?

Kategorie Journaling Kurs

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