Von Alltag bis Weltpolitik: Warum wir stärker fühlen, was uns nah ist und warum wir damit aufhören sollten, Leid gegeneinander aufzuwiegen.
Neulich habe ich einen interessanten Satz gelesen, über den ich seitdem immer mal wieder nachdenke: „Der eigene Schmerz wird meist für bedeutsamer gehalten als der Schmerz der anderen.“ Die Autorin und Journalistin Charlotte Wiedemann hat ihn geschrieben. Und ich stimme ihr zu. Niemand macht das absichtlich. Wir spüren den eigenen Schmerz intensiver als das, was eine andere Person fühlt. Oft kennen wir auch den Kontext nicht, die hintergründigen Verstrickungen, Erfahrungen und Erlebnisse. Das kann auch niemand verlangen. Was wir allerdings nicht tun dürfen und was trotzdem viel zu häufig passiert, ist, den Schmerz der anderen klein zu reden, zu rationalisieren oder nicht zu akzeptieren. „Den Schmerz der anderen zu empfinden, mag unmöglich sein, aber ihn zu begreifen und zu respektieren, ist ein realistisches und notwendiges Ziel“, schreibt Charlotte Wiedemann.
In ihrem Buch geht es darum, warum die Opfer des Kolonialismus oft vergessen werden, warum wir Menschen selektiv mitfühlend sind und wie es dazu kommt, dass es auf unserer Welt eine Hierarchie von Leiderfahrung gibt. Es geht um Empathie im großen historischen und politischen Kontext. Und je länger ich über den Satz nachdenke, desto mehr finde ich ihn im Kleinen, im Alltäglichen wieder, wenn zum Beispiel einem Kind die Eistüte herunterfällt und die Eltern sagen, es möge sich bitte nicht so anstellen und aufhören zu weinen. Dort fängt es an und genau dort können wir ansetzen, wenn wir selbst etwas verändern wollen.

Wir alle erleben Gefühle wie Verlustangst, Trauer, uns ausgeschlossen oder wertlos zu fühlen, Angst davor zu scheitern oder nicht gemocht zu werden. Sie stecken in den unterschiedlichsten Situationen, in sehr dramatischen und in scheinbar unspektakulären wie zum Beispiel einer abgestürzten Eiskugel. Von außen bewerten wir viel zu häufig den Kontext und vergleichen: Würde ich auch weinen, ist es ok. Würde es mich nicht stören, bin ich irritiert.
„Es ist doch nur ein Haustier“
In einem Seminar habe ich mal meine Trauer über meinen Hund bearbeitet. Die saß aus unterschiedlichen Gründen sehr tief. Als wir am nächsten Tag in Zweiergruppen den vergangenen Tag rekapitulierten, sagte mein Sitznachbar: „Also, das mit deinem Hund gestern habe ich gar nicht gecheckt. Ist doch nur ein Haustier.“ Jetzt gibt es Menschen, die selbst Tiere haben oder hatten, vielleicht auch welche, die etwas ähnliches erlebt haben wie ich. Die würden das vermutlich anders sehen.
In der vergangenen Woche ist das süße Kaninchen „Löffel“ meiner kleinen Freundin Hannah leider verstorben. Diese Trauer, ein Haustier verabschieden zu müssen, das fest in den Alltag integriert war, kenne ich, noch dazu ist mein erstes Kaninchen - wie jetzt bei Hannah - auch in den Sommerferien vor dem Start am Gymnasium verstorben. Zusätzlich zu dem Abschied von dem gewohnten Umfeld, lieb gewonnenen Freundinnen und Klassenkameraden geht noch dein treuer kuscheliger Weggefährte. Das fühlte sich für mich damals unglaublich instabil an.
Schmerz, der näher an unseren eigenen Erfahrungen und Erlebnissen ist, können wir besser nachvollziehen. Was wir nicht selbst gefühlt haben, können wir schlechter einordnen, aber das müssen wir auch gar nicht. Das Einzige, was wir lassen sollten, ist die Bewertung oder Abwertung.

Eine Hierarchie des Leids
Es geht auch nicht darum, wen es gerade schlimmer erwischt hat. Das ist auch so ein Impuls, der mir ab und zu auffällt. Auch hier greife ich aufgrund leichterer Veranschaulichung auf ein triviales Beispiel aus dem Alltag zurück: Ich hatte ja neulich über meine Erkältung geschrieben (Öffnet in neuem Fenster), die ich über mehrere Wochen nicht losgeworden bin. Das hat mich dazu verleitet, auf die Frage, wie es mir gehe und warum ich so ruhig sei, einer Bekannten zu antworten, dass es an mir zehre, seit mehreren Nächten vor Husten nicht schlafen zu können und es mir ein bisschen Angst mache, über eine so lange Zeit keine Besserung herbeiführen zu können. Die Antwort war: „Ja, und jetzt stell dir das Ganze mal mit einem kleinen Kind vor.“
Ich verstehe absolut den Sinn dahinter, Dinge in Perspektive zu bringen, und wenn jemand tagein, tagaus am Jammern ist, kann das auch mal angemessen sein. Was ich hier aber meine erkannt zu haben, ist der Impuls, eine Hierarchie des Leids aufzustellen und den eigenen Schmerz oder nennen wir es, die eigenen Alltags-Leistungen über die von anderen zu stellen. Ich glaube, das passiert meist dann, wenn die eigenen Schmerzen und Leistungen nicht gesehen oder so wertgeschätzt werden, wie man es gern hätte. Gleichzeitig führt so eine Reaktion zu einer Abwertung der Gefühle der anderen Person und man distanziert sich voneinander.
Diese Anlage, den eigenen Schmerz vor dem aller anderen zu sehen, führt auch dazu, dass wir denken, andere hätten es leichter und ihnen würde mehr gelingen. Schaut euch bekannte Persönlichkeiten an. Aus irgendeinem Grund denken Menschen oft, das wären zweidimensionale Wesen, nur weil wir sie vorrangig im TV oder auf unserem Handy-Bildschirm sehen und denken, bei denen klappt alles. Sobald wir sie aber kennenlernen, merken wir schnell: Das sind Menschen mit Gefühlen und Ängsten, sie erleben Freunde und Leid so wie wir alle. Das sehen wir aber nicht so regelmäßig wie unsere eigenen Zweifel und Schmerzen.
Empathie ist keine Zustimmung
Das Verhalten von Menschen ist eine Folge von unzähligen Erfahrungen, Emotionen und Entscheidungen. Wenn ich die Dinge erlebt hätte, die eine andere Person erlebt hat, woher weiß ich mit Sicherheit, dass ich anders gehandelt hätte, auch wenn ich mir das von außen nicht vorstellen kann? Diese Erkenntnis hat Souad Mekhennet sehr eindrucksvoll dargestellt. In ihrem Buch: „Nur, wenn du allein kommst“ hat sie den Anführer der al-Qaida und hochrangige IS-Mitglieder interviewt und nachdem ich die Gespräche gelesen hatte, konnte ich besser nachvollziehen, was in diesen Menschen vorgeht.
Verstehen oder nachvollziehen bedeutet nicht, die Handlungen von Menschen zu befürworten. Das wird kurioserweise oft gleichgestellt, also fühlen wir lieber nicht mit, sondern distanzieren uns und verurteilen, ohne eigentlich zu wissen, welche Wege andere Menschen hinter sich haben. Wir können auch Empathie haben und trotzdem eine Handlung oder ein Verhalten kritisieren oder ablehnen. Oft entsteht auch so ein Gefühl, dass Empathie begrenzt sei, so als wenn mein Mitgefühl für Menschen in der Ukraine automatisch sinkt, sobald ich Richtung Palästina und Israel blicke.
Ich glaube, wir können uns drei Dinge merken:
1. Es gibt keine Hierarchie von Leid
2. Empathie ist keine begrenzte Ressource und
3. Je nachdem, womit wir uns besser identifizieren, fühlen wir automatisch intensiver mit.
Wenn wir diese Punkte im Hinterkopf haben, fällt es uns vielleicht leichter, den Schmerz von anderen zu begreifen oder ihn zumindest im ersten Schritt nicht abzuwerten. Und wenn wir einmal tiefer in eine Geschichte eingetaucht sind, können wir besser mitfühlen. Das ist auch der Grund, warum ich so gern mit Menschen spreche, Fragen stelle und ihre Geschichten aufschreibe. Jedes Mal entdecke ich dadurch eine Perspektive, auf die ich allein durch meine Beobachtung von außen nicht gekommen wäre.
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