SACHBUCH-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
True Crime in und an Natur(e): Julia Shaw arbeitet in GREEN CRIME sechs große Umweltverbrechen auf und schildert (psychologische) Mechanismen, Hintergründe und Lösungen.

Am Montag beginnt im brasilianischen Belém offiziell die UN-Klimakonferenz 2025 – kurz: COP30 Brazil Amazônia. Gastgeber ist der Präsident der Föderativen Republik Brasilien, Luiz Inácio Lula da Silva. Der versprach im Wahlkampf und zum Amtsantritt die Abholzung und ruchlose Ausbeutung des Amazonas Regenwaldes, die sein rechtsextremer Vorgänger Jair „Nandu“ Bolsonaro massiv vorangetrieben hatte, zu stoppen. Diesem Versprechen ist er bisher durchaus nachgekommen. (Und doch hat Brasilien Probebohrungen nach Öl nahe der Mündung des Amazonas im Bereich diverser Mangrovenwälder genehmigt, wie zuletzt heute berichtete (Öffnet in neuem Fenster).) Noch anders sieht das im weit weniger bekannten Cerrado-Urwald im zweitgrößten Bundestaat Minas Gerais aus. Ein Gebiet allerdings, das eigentlich kein Urwald, sondern die artenreichste und mit etwa zwei Millionen Quadratkilometern bedeutendste Savanne der Welt ist.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/29f6b000-e082-4838-8afe-b86f379f6c20 (Öffnet in neuem Fenster)Um diese allerdings wird es bei uns erst zur Mitte der kommenden Woche gehen, wenn wir diese aus dem verschollenen (grünen) Gedächtnis zurückholen wollen. Es wird dabei allerdings genau wie im Folgenden um Umweltverbrechen gehen. Die Rechtspsychologin und Bestsellerautorin Julia Shaw setzt sich mit diesem in ihrem neuen Buch Green Crime dezidiert anhand von sechs sehr verschiedenen effektvollen und erschreckenden Beispielen auseinander. Eines davon sind „Tote im Amazonas und die Frage, ob die Natur Rechte braucht. Eine Frage, die nicht erst zuletzt immer häufiger und relevanter erscheint und inzwischen auf Präzedenzfälle verweisen kann, was auch Shaw ausführt und worauf beispielsweise der Begriff „Ökozid“ verweist. Recht ist natürlich ohnehin relevant in einem Buch mit diesem Titel. Der Begriff Green Crime werde vor allem von Sozialwissenschaftler*innen benutzt, Jurist*innen allerdings bevorzugten den Begriff der Umweltkriminalität,
„der 2024 vom Europäischen Parlament in bemerkenswerter Klarheit definiert wurde. […] Ein Umweltverbrechen ist ein illegaler, vorsätzlicher oder grob fahrlässiger Akt, der die Erde schädigt, aber auch das Unterlassen einer Handlung, die ihren Schutz bewirken würde. Es muss entweder Menschen nachhaltig schädigen oder gar töten oder signifikante Schäden an der Qualität von Luft, Boden und Wasser, an Flora und Fauna verursachen. Auch eine erhebliche Belastung eines gesamten Ökosystems zählt dazu.“ - Julia Shaw, Green Crime, S. 11
Sechs-Säulen des Verbrechens
Die Autorin baut ihre Kapitel zu Umweltverbrechen und -zerstörung, den Täter*innen und deren Gegenspieler*innen (oder „Helden und Schurken“, wie Shaw sie nennt) sowie Maßnahmen zu Schutz und Wiederaufbau immer gleich auf: Sie steigt mit einer sehr True Crime-haften Schilderung eines dramatischen Ereignisses im Rahmen eines Verbrechens ein, gibt den Leser*innen ein wenig Kontext, stellt im Verlauf weitere Protagonist*innen vor, benennt ihre Quellen, zitiert Wissenschaftler*innen, Jurist*innen, Politiker*innen, et al. Ebenso wichtig ist das während ihrer jahrelangen Arbeit am Buch aufgestellte Sechs-Säulen-Modell, das „die psychologischen Faktoren, die Umweltkriminelle antreiben“ charakterisiert: Bequemlichkeit, Straffreiheit, Gier, Rationalisierung, Konformität und Verzweiflung.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/2b645d20-d1a7-43fe-936e-2b9a1d0dcaed (Öffnet in neuem Fenster)In ihren Ausführungen zum (allseits bekannten) Abgasbetrug in der Autobranche aka Dieselgate, zu brutalen Wildererbanden aus China, Piratenfischern in der Antarktis und einem guten Tag zum Schiff-Versenken (Öffnet in neuem Fenster), den Zama Zamas in Südafrika und einer hilflosen bis populistischen Polit-Kaste sowie der abartigen Ölpest im Golf von Mexiko (Stichworte British Petroleum, BP, und Deepwater Horizon) greift sie ebenfalls auf weitere psychologische Konzepte zurück und erklärt diese. Etwa unethisches prosoziales Verhalten und epistemische Böswilligkeit, Disconfirmation Bias (Leor Zmigrod lässt grüßen (Öffnet in neuem Fenster)), Ökologischer Trauer und psychologisches Eigentum, Korrumpierbarkeit oder das Feedback-Problem.
COPs'n'Crimes
Wir treffen während der nicht immer leicht zu verkraftenden, dafür flüssig lesbar von Ingrid Ickler ins Deutsche übertragenen Lektüre somit nicht nur auf die „großen“ Täter*innen und Strippenzieher*innen, sondern ebenso auf bequeme Beamte, korrupte Kolleg*innen und ausgebeutete Arme – die nicht selten ihre Köpfe hinhalten müssen. An die Hintermänner und -frauen ranzukommen entpuppt sich häufig als schwierig. Bedeutet, wenn dann allerdings einen großen Erfolg im (gar nicht so) Kleinen. Immer wieder kommt sie dabei mit Gesprächspartner*innen auch auf die (nicht zuletzt an uns gerichtete) Frage, wie sinnvoll harte Strafen gegen Laufburschen und Jäger, festgehaltene Fischer und belogene illegale Minenarbeiter sind, wenn diese vor allem um das eigene Überleben kämpfen und über dieses hinaus keinerlei Absichten hegen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/695b81d2-f779-419c-89fc-ece8731cc5da (Öffnet in neuem Fenster)Shaw berichtet von unserer dreifachen planetaren Krise (Verlust der biologischen Vielfalt, die weltweite Umweltverschmutzung plus Klimakrise) und Schritten in die richtige Richtung, Extraktivismus und astronomischen Dunkelziffern, Narrativen und Perspektivwechsel, Abkommen und Zielsetzungen, etc. Wobei Papier natürlich geduldig ist. Wie wir am 1,5-Grad-Ziel sehen können, an dem wohl nur noch für die Recycling-Tonnen festgehalten wird. Ob der nun anlässlich der COP30 ins Leben gerufene Tropenwald-Fonds „Tropical Forest Forever Facility“ (TFFF) (Öffnet in neuem Fenster) etwas bewirkt oder nicht, werden wir sehen. Nach der Meinung des Autors dieser Zeilen klingt der Milliarden-Fonds in der Theorie, auf „dem Papier", wie eine gute Idee, gleichwohl nach einer soliden Option, sich die Hände rein und womöglich zusätzlich etwas Geld zu waschen.
Zukunft und Perspektive
Womöglich lesen wir im Nachfolger dieses kurzweiligen und eindrücklichen, wahren Umweltthrillers voller Hoffnung mehr darüber. Zum Ende ihres im August im Ullstein Verlag erschienenen Bandes erwähnt Julia Shaw noch die eine oder andere Dystopie sowie Climate-Fiction, wie den 2023 in der Kategorie Unterhaltung als Wissensbuch des Jahres ausgezeichneten, originellen Roman Der Gemeine Lumpfisch von Ned Beauman (Öffnet in neuem Fenster), Kim Stanley Robinsons Das Ministerium der Zukunft sowie Octavia Butlers Die Parabel der Träume, denen ich eben erst in Zukunft ohne Angst begegnet bin (Öffnet in neuem Fenster).
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/ba8b6f09-1ebe-4a7f-8e8e-ad72c88826d1 (Öffnet in neuem Fenster)„Es ist die Aufgabe von Wissenschaftlern, verborgene Wahrheiten aus der Realität ans Licht zu holen“, schreibt Julia Shaw kurz vor Schluss. Gerade im „Kampf gegen die Kampagne des Nichtwissens“, wie sie zuletzt etwa die Trump-Project 2025-Regierung betreibt (Öffnet in neuem Fenster), brauche es auch die Überzeugung, „aus Wissen Verantwortung werden zu lassen.“ In Green Crime treffen wir auf Überzeugungstäter*innen und Wahrheitsfinder*innen der besten Sorte (die durchaus gezwungen sind, manchen Graubereich zu nutzen). Häufig werden sie abgetan als Panikmacher und Alarmistinnen, wie etwa Ian MacDonald, der öffentlich diskreditiert wurde, als er auf die schiere Größe des Öllecks und -teppichs im Golf von Mexiko hinwies.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/c3a44233-3f9c-4120-82b7-02b5e82a4ebf (Öffnet in neuem Fenster)Wir dürfen den Wegschauenden und Leugnenden, den Lügenden und Verhindernden nicht das austrocknende Feld überlassen, sondern sollten auf die Umweltwissenschaftler*innen und deren oft unbequeme Nachrichten hören. Jenen Klima-Realisten, zu denen sich viele gut informierte Laien ebenfalls zählen dürften. Menschen also, die die Probleme erkennen, Folgen einsehen und Maßnahmen nachvollziehen und unterstützen können. (Öffnet in neuem Fenster) Nicht nur, wenn mal wieder eine Klimakonferenz ist.
AS
PS: Apropos Jair Bolsonaro: Der Oberste Gerichtshof Brasilien hat dessen Berufung vorerst abgelehnt. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus, wie u. a. die politische Illustrierte Spiegel berichtete (Öffnet in neuem Fenster). Dem Ex-Präsidenten drohen bis zu 27 Jahre Haft.
(Öffnet in neuem Fenster)PPS: Serienvorschlag: „Law & Order: GBCU“ aka „Green and Blue Crime Unit“!
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Julia Shaw: Green Crime. Was Umweltverbrecher antreibt und wie man sie aufhält (Öffnet in neuem Fenster); August 2025; Aus dem Englischen von Ingrid Ickler; 320 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-5502-0258-2; Ullstein; 24,99 €