LITERATUR- (Öffnet in neuem Fenster)&-FILM-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
Zwei verschiedene Odyssee-Outings, eine große Gemeinsamkeit: Sie beide sind empfohlen ab zwölf Jahren. Sowohl der Film DIE ODYSSEE von Christopher Nolan, gesegnet mit einem Budget von 250 Millionen US-Dollar, als auch die Graphic Novel des Argentiniers (Öffnet in neuem Fenster) Nicolás Schuff DIE ODYSSEE, ihrerseits gesegnet mit Illustrationen Mariana Ruiz Johnsons, sind beide ab dem Alter zwischen Kindheit und Jugend angeraten.

Ob der knapp dreistündige Film mit irgendwie willkürlich wirkender Starbesetzung (u. a. Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya – mit minimaler Bildschirmzeit und für all jene, die die Irrfahrt-Story nicht kennen einfach eine Frau in weißem Look –, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Robert Pattinson, Jon Bernthal, Elliot Page, Samantha Morton, Mia Goth, u. v. v. v. v. v. m.) und Bildern (DOP: Hoyte van Hoytema, u. a. Dunkirk, an den wir in zwei Szenen denken mussten), bei denen es sich anfühlt, als hätte mensch sie bereits in anderen Filmen und Serien gesehen, junge Jugendliche so bei der Stange hält, ist fraglich.

Nolan, der auch für die Drehbuchadaption von Homers Odyssee verantwortlich zeichnet, setzt(e) zwar auf größtmögliche Authentizität, diverse Schauwerte passen also. Ebenso wurde ein enormer Aufwand betrieben, um etwa sehr laute Kameras einzudämmen (erstmals wurde ein Film komplett mit 15-Perf-70-mm-IMAX-Kameras gedreht) und dann mit Spiegeln dafür zu sorgen, dass die Schauspieler*innen einander ansehen konnten. CGI gibt es an Dreh-Schauplätzen wie Voidokilia Beach, Aït Benhaddou oder Hjörleifshöfði eher weniger zu beobachten.

Das alles landet irgendwo zwischen beeindruckend und nervig aufgeblasen. Dieser größtenteils leider nicht besonders gut gespielten und kitschig-pathetisch geschriebenen, dazu so dunkel (Öffnet in neuem Fenster) wie die letzten Game Of Thrones-Folgen gefilmten und von unaufmerksamen Schnitt (Jennifer Lame) geprägten Odyssee scheint eine Ego-Dringlichkeit, ein pompöser Größenwahn innezuwohnen, dass nahezu jede Faszination im blutigen Sand erstickt wird. Vor allem ist der Film frei von echtem Gefühl, von Momentum.

Als Odysseus beispielsweise mit seinen noch übrigen Mannen an den Sirenen vorbei rudert, die Crew mit Wachs in den Ohren, er gefesselt am Mast und als einziger den eindringlichen Gesang wahrnehmend, derweil wir nur die teils gequälte Reaktion in Matt Damons Gesichts- und Körperwindungen sehen, müssen wohl unbedingt Töne von Ludwig Göransson (GROGU (Öffnet in neuem Fenster)!) erklingen. Wieso? Der Moment wäre viel intensiver, dürften die Zuschauer*innen ihn in Stille wahrnehmen. Aber nein, es muss der Pomp sein, die Dramatik muss unterstrichen werden. ACHTUNG! ACHTUNG! HIER PASSIERT WAS! JETZT!
Ein Film, wie eine Nummernrevue, bei der manches zu kurz kommt. Die Gefahren der sechsköpfigen Hündin Skylla und der Tochter Poseidons, Charybdis, die als gewaltiger Ungeheuer-Strudel Schiffe zermalmt, wird mal so im Zick-Zack-Kurs abgehandelt (und soll doch beinahe eine Meuterei auslösen). Da geht es in der – welch Wunder – gleichnamigen Graphic Novel (Öffnet in neuem Fenster) schon konkreter zu. Erschienen für den zum Thema passenden Insel Verlag und übersetzt von Kim Laura Franzke.

Zumal diese, im Gegensatz zum Film, ein wenig Hintergrund und Input mitgibt und eher linear verläuft. Dass Nolan sich in seiner Umsetzung Freiheiten nimmt und etwa Lotus zum Vergessen und Calypso zum „Lieben“ kombiniert, was in der eigentlichen Geschichte nicht so ist, geschenkt. Dass es ihm aber in drei Stunden Film nicht gelingen mag, den Schmerz und die Scham, die (Selbst-)Zweifel und (innere) Zerstörung, von der aller immer reden, auch fühlbar zu machen, ist schon... speziell.

Selbst das schafft die ansehnliche Graphic Novel (Öffnet in neuem Fenster), für die es weniger Zeit braucht, besser. Zwar hat auch diese Schwächen und ist an mancher Stelle unfreiwillig (?) komisch. Etwa, wenn es heißt, dass Odysseus’ Vater Laertes auf Ithaka aufs Land gezogen sei und viel über die Rückkehr des Sohnes nachdenke (Öffnet in neuem Fenster). Das liest sich lustig und bringt Bilder vors geistige Auge, die nach Sketch History aussehen. Dafür werden auf dem schönen Vorsatzpapier (Öffnet in neuem Fenster) die Figuren genannt und hinten gibt’s eine Karte mit allen Zwischenstopps von Tankstelle über Imbissbude bis Stundenhotel (Öffnet in neuem Fenster). Oder so ähnlich (Öffnet in neuem Fenster).
Auch wird die List und Täuschungskunst des (Anti-)Helden im Comic sehr viel besser skizziert, als im Film. In diesem scheint es häufiger Glück. Zumal Christopher Nolan unterschlägt, wie viel Hilfe der bärtige Schlächter aus dem Trojanischen Pferd eigentlich so von göttlicher Seite erhielt. Stichwort: Zendaya. Oder, dass er ständig Getarnt-Gezaubert oder mit Schönheit übergossen wurde (XXL-Looksmaxing). Wer nicht schon wenigstens lose Berührungspunkte mit der Geschichte hatte, dürfte sich drei Stunden lang fragen, was beim Teutates! (ach nee, falsche Richtung) da los ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Film-Odysseus unfassbar unsympathisch ist, die Dramatik hinter seiner Motivation keinen Raum findet und der eh überschätzte Zwei-Gesichtszüge-Matt-Damon eine authentische Fehlbesetzung ist. Wie auch Anne Hathaway (Öffnet in neuem Fenster). Eigentlich haben wir nur gewartet, dass Telemachus (Holland) und Antinous (Pattinson) endlich rummachen. Bei allen Eigenheiten in Nolans Film, wäre das so abwegig nicht einmal gewesen (Öffnet in neuem Fenster).

Erstaunlich ist, dass wir nach der Vorführung sehr viele kritische Stimmen gehört haben, diese sich nun aber in manch einer Review doch eher positiv äußern. Haben wir statt der Schweigespirale jetzt den Lob-Loop?! Wer weiß. Wir jedenfalls konnten dieser ODYSSEE in Filmform nicht sonderlich viel abgewinnen, so sehr wir es auch wollten. Die Graphic Novel ist eine nette Angelegenheit und dürfte in der Tat nicht nur junge Menschen an die komplexe Geschichte heranführen.
AS/HMS

DIE ODYSSEE von Christopher Nolan, ab dem 16. Juli 2026 im Kino; Laufzeit ca. 173 Minuten; FSK: 12

Nicolás Schuff (Text), Mariana Ruiz Johnson (Illustrationen): Die Odyssee (Öffnet in neuem Fenster); März 2026; Aus dem Spanischen von Kim Laura Franzke; 191 Seiten; Hardcover, gebunden; Format: 14,8 × 21,5 cm; ISBN: 978-3-458-64597-9; Insel Verlag; 18,00
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