Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Was eine dänische Psychologin, ein Selbsthilfe-Klassiker von 1948 und meine Freundin E. gemeinsam haben.

Hi!
Neulich bekam ich die Nachricht, dass ich wahrscheinlich ziemlich viel Geld verloren habe – weil eine Anlage, die ein sympathischer und seriöser Berater mir empfohlen hat, gründlich schiefgegangen ist. Danach ging es mir nicht so gut. Ich habe ziemliche Ängste beim Thema Geld. Geholfen hat mir ein Buch, das 1948 erschienen ist und bei dem ich niemals ernsthaft gedacht hätte, dass es für mein heutiges Leben relevant sein könnte.
✨ Neu hier? Abonniere den Newsletter kostenlos (Öffnet in neuem Fenster).
Den Titel kennst du vermutlich – es ist ein Klassiker. “Sorge dich nicht, lebe” von Dale Carnegie. Die Süddeutsche Zeitung hat Carnegie wegen seiner enormen Reichweite und Wirkung mal den „Jesus der Bestsellerlisten“ genannt (Öffnet in neuem Fenster). Ich ging mit maximaler Skepsis ran. Dann habe ich es gelesen – und verstanden, was an diesem Buch bis heute funktioniert.
Kein Schwafeln über positives Denken
Carnegie wuchs auf einer ärmlichen Farm in Missouri auf. Jahr für Jahr starben die Schweine der Familie an Cholera und mussten verbrannt werden. Sechs von sieben Jahren überschwemmte der nahe Fluss die Felder und vernichtete die Ernte. Weil er sich das Internat nicht leisten konnte, ritt er mit dem Pferd zur Schule. Dort schämte er sich für seine geflickten Klamotten. Als er nach New York zog, lebte Carnegie in einem Zimmer voller Kakerlaken. Mit zwanzig Jahren hatte er noch nicht verstanden, wie ein Bankkonto funktioniert. Er schrieb seinen Eltern: „Wenn ich das Geld da reingetan habe, wie kriege ich es dann wieder raus?“
Carnegie war kein Instagram-Guru, der bei einem Protein-Shake über positives Denken schwafelt. Seine späteren Bücher entstanden, wie die Washington Post schreibt, (Öffnet in neuem Fenster) nicht aus der Gelassenheit eines Philosophen, sondern aus der Not eines Mannes, der ums Überleben kämpfte, der immer wieder beinahe scheiterte und dem Tod nahe kam. Das trieb ihn für den Rest seines Lebens an.
Er schrieb aus Erfahrung. Und eine seiner Beobachtungen war wirklich genau das, was ich brauchte.
In „Sorge dich nicht, lebe“ erzählt Carnegie von einer Frau, deren Sohn im Zweiten Weltkrieg kämpft. Sie versucht, sich mit Hausarbeit von ihren Sorgen um ihn abzulenken. Es hilft nicht. Auch beim Bügeln kann man weiterbangen. Erst als sie eine Stelle als Verkäuferin annimmt, hört sie mit dem Grübeln auf. Nicht, weil ihr Problem kleiner geworden ist. Sondern weil der Job sie mental so sehr fordert, dass sie nicht mehr ständig nachdenken kann.
Du nennst es Tiefgründigkeit – die Forschung nennt es Grübeln
Zuerst war ich gegen diese Strategie. Ich dachte, das klingt nach Verdrängung und Flucht vor Themen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Nach kapitalistischer Selbstbetäubung.
Dann aber passierten zwei Dinge: Ich erzählte meiner Freundin E. beim Spazierengehen davon. Sie nickte sofort und sagte: „Ja. Genau so bin ich durch meine schlimmsten Phasen gekommen. Ich habe einfach wie wild gearbeitet.“ Als nächstes fiel mir meiner Therapeutin ein, die mir in einer Sitzung mal wie beiläufig gesagt hatte: „Ablenkung wird unterschätzt“.
Ich gehörte bis dahin zu den Menschen, die Grübeln für Tiefe halten. Die denken, dass es immer gut ist, intensiv über Probleme nachzudenken. Ablenkung habe ich als Schwäche gesehen, vielleicht sogar als Unehrlichkeit sich selbst gegenüber.
Diese Überzeugung hat einen Namen in der Forschung. Der Psychologe Adrian Wells, Begründer der Metakognitiven Therapie, nennt sie „positive Metakognition über das Grübeln“: die implizite Annahme, dass Grübeln nützlich ist.
Eine norwegische Längsschnittstudie (Öffnet in neuem Fenster) nennt als typische Beispiele für diese Überzeugung Sätze wie: „Wenn ich über die Vergangenheit grüble, verhindere ich zukünftige Fehler“ oder „Sorgen helfen mir, mit schwierigen Situationen umzugehen“.
Klingt erstmal vernünftig? Ja. Aber: Es gibt einen Unterschied zwischen Sorgen, die tatsächlich sinnvoll sein können, und einem Nachdenken, das alles noch schlimmer macht.
Warum passiert mir das? Warum bin ich nicht glücklich?
Sorgen sind zukunftsgerichtet – wir fragen uns, was passieren könnte, und versuchen, Gefahren vorauszusehen. Grübeln dagegen kreist um Vergangenheit und Gegenwart: Warum passiert mir das? Warum bin ich nicht glücklich? Was stimmt mit mir nicht? Beides sind Formen des repetitiven negativen Denkens, aber sie funktionieren verschieden. Und sie hängen auf eine Weise zusammen, die die Studie sehr gut dokumentiert hat.
482 Teilnehmer wurden über drei Monate begleitet. Das zentrale Ergebnis: Wer viel grübelt und gleichzeitig die Überzeugung hat, die eigenen Gedanken nicht kontrollieren zu können, produziert damit zuverlässig mehr Sorgen in der Zukunft. Das Grübeln hält das Gedankenkarussell nicht nur am Laufen hält, sondern lässt es sogar schneller laufen. Besonders riskant ist dabei das, was die Forschung „Brüten“ nennt – ein düsteres, immer wiederkehrendes Vergleichen der eigenen Situation mit dem, was man eigentlich sein oder erreichen wollte.
Während gedankliches Reflektieren tatsächlich helfen kann, Probleme zu verstehen, machte „Brüten“alles noch schlimmer.
Ich gestehe: Brüten ist meine Spezialität. Als Teenager trug ich ein paar Jahre lang schwarz, malte Nietzsche an meine Zimmerwand und gründete einen Philosophieclub mit (ehrlich gesagt interessierten mich die grüblerischen Jungs darin mindestens genau so wie Nietzsche).
Ich habe lange gedacht, dass ich meine Probleme ernst nehme, weil ich so viel über sie nachdenke. Das stimmt so nicht. Was mich an der Forschung am meisten überrascht hat: Entscheidend ist nicht, worüber wir nachdenken, sondern etwas anderes.