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queer books #1

das buch "zungenbrecher" von karina papp, erschienen bei etece buch, auf einem holzregal mit zimmerpflanze und muscheln. das cover zeigt eine person im trenchcoat mit erhobenen armen hinter einer fensterfront, das gesicht der person ist verborgen. im fensterglas spiegeln sich pflanzen  / 
the book "zungenbrecher" by karina papp published at etece buch, sitting on a shelf accompanied by shells and a house plant. cover shows a person in a trench coat with raised arms behind a huge window facade, the person's face is hidden. in the window glass you can see the reflections of plants.

(english below)

ich habe mir eine serie und einen film in der arte-mediathek angeschaut. in der serie existiert eine queere figur, im film zwei.

wer stirbt? genau.

kaum freue ich mich über repräsentation von bi_pan im film, werden die figuren umgebracht, auf bestialische weise, das wird extra betont. “sie sind nicht erstickt, sie sind bei lebendigem leib verbrannt”. fegefeuermetaphorik. es reicht auch nicht mehr, eine queere person umzubringen, es müssen beide sterben, davon eine BPOC, denn natürlich darf auch die einzige figur, die nicht weiß ist, den film keinesfalls überleben.

in der serie geht es nicht viel anders zu: die einzige queere figur ist der schwule beste freundTM, der sich für die freundin opfert und dabei einen brutalen tod stirbt. homosexualität hat hier keine eigenberechtigung, sondern dient zur verharmlosung der figur - nach dem motto: “er hat ihr nichts getan, er war schwul”.

(darüber hinaus finde ich auch die art der darstellung von hetero liebe und sexualität hier höchst problematisch, außerdem spielt das ganze in neuseeland und die einzige maori-figur ist der boyfriend der mutter, der sie im streit angeblich schlägt? excuse me?)

diese tropes, “queerer bester freund” und “queere figur muss sterben”, letzteres bekannt als “bury your gays”, sind auch in büchern verbreitet. sie tauchen häufiger in genreromanen auf, einfach, weil queerness in ihnen mehr vorkommt. romance, young adult, fantasy - oft gibt es hier ein diverseres figurenensemble, um leser_innen repräsentation zu bieten.

in der so called ernsten literatur ist das problem etwas anders gelagert. queere figuren sind deutlich seltener. falls es sie gibt, wird auch hier gern gestorben (sehr bekannte beispiele from the top of my head sind ”tod in venedig” und “brokeback mountain”). und/oder queerness wird zum einzigen erzählerischen inhalt. die auseinandersetzung mit dem eigenen begehren oder dem eigenen gender ersetzt die handlung.

es freut mich so sehr, dass in diesem jahr beim deutschen buchpreis queere bücher auf der shortlist stehen. zugleich beobachte ich ein politisches klima, das queere menschen als gefahr darstellt. das sie vernichten will. queerfeindlichkeit und -hass ziehen sich durch die jahrhunderte. verstärken sich aktuell weltweit jeden monat, jeden tag. queere menschen haben keine wahl. unser bloßes dasein ist ein politischer akt.

umso mehr wünsche ich mir queere figuren, die nicht nur die handlung überleben, sondern auch charaktereigenschaften haben dürfen. ich wünsche mir figuren, die nicht an ihrem begehren oder ihrer geschlechtsidentität verzweifeln - weil auch hetero figuren nicht daran zugrunde gehen. kein cis männlicher protagonist bringt sich um, weil er merkt, dass er generell auf frauen steht.

nach und nach möchte ich dir hier queere bücher vorstellen. die mich beeindruckt haben, von denen ich mich gesehen fühle, denen ich mehr leser_innen wünsche.

den anfang macht “zungenbrecher” von karina papp.

ich war eher zufällig auf der lesung, ich hörte der autorin zu und war augenblicklich begeistert von diesem buch. so sehr, dass ich es noch vor ort gekauft habe. ich kaufe bücher sonst nie aus einer laune heraus. aber ich war verliebt. in die sprache. in die innere zerissenheit.

es ist ein sehr poetischer, ein mäandernder roman. die protagonistin versucht sich zurechtzufinden zwischen ländern, zwischen menschen, ihren eigenen ansprüchen und denen, die ihre mutter oder ihr freund oder ihre geliebte an sie stellen. das buch untersucht sprache und zugehörigkeit, es erzählt von migration, krieg und selbstfindung. dass die protagonistin, die mit der erzählerin verwoben, aber nicht identisch zu sein scheint, verschiedene gender begehrt, ist teil ihres alltags. es gelingt papp sehr gut, auf die stellung queerer identität in der gesellschaft hinzuweisen, ohne sich selbst zu othern, und ohne diese überlegung zum gegenstand ihres romans zu machen. die widmung lautet: “an alle, deren liebe ein akt des widerstands ist”. diese widmung steht dort auf deutsch und auf russisch. sie schließt queere liebe mit ein, ohne sich darauf zu reduzieren. und sie lässt mich an den roman “im herzen der katze” von jina khayyer denken: “liebe schafft eine eigene welt, die sich der kontrolle der menschen entzieht.”

papp schreibt über den russischen angriffskrieg in der ukraine und wie es wäre, dessen ende zu erleben. was sie dann tun würde. wie sie durch die straßen liefe. wie sie mit anderen darüber sprechen würde.

“ich werde in der ferne jubel hören und versuchen zu erraten, welcher feiertag es sein könnte. dann werde ich eine nachricht erhalten”.

sie schreibt: “wenn die umarmung um uns schmilzt, werden wir nicht nach hause gehen, sondern ziellos umherwandern, in keine bestimmte richtung, es wird noch keine richtungen geben, die zukunft wird überall sein und wir werden uns durch sie hindurchbewegen.”

“zungenbrecher” erzählt vom leben in einer gewaltvollen welt. und von queerness, immer wieder. von sex mit menschen verschiedener gender, von einsamkeit und sehnsucht. vom aufwachsen in einer “hetero-monogam-und-so-weiter-normative[n] kultur”. papp benennt die wut, die entsteht, wenn wir später herausfinden, dass wir auch andere werte hätten vermittelt bekommen können. dass wir viel früher hätten entdecken können, dass wir anders leben_lieben können.

immer wieder kehrt die erzählerin zu ihrem grundthema zurück, zur sprache und dem versuch, von der einen in die andere zu übersetzen. zum versuch, gefühle zu übertragen. sie schreibt, dass ihr “fehlerhafter schreibprozess” im deutschen von ganz allein zu einer poetischen sprache führt. die poesie ihres schreibens erwächst aus fehlern, aus einem nicht-alltäglichen umgang mit fremden wörtern.

sie endet mit einem satz, über den ich lange nachdenke:

“je wichtiger es für mich ist, gehört und gelesen zu werden, desto mehr wahlmöglichkeiten des lesens möchte ich den leser*innen bieten - und auch des nicht-lesens.”

literatur:

thomas mann: tod in venedig

annie proulx: brokeback mountain, in: close range. wyoming stories

karina papp: zungenbrecher

jina khayyer: im herzen der katze

film:

top of the lake (S1), regie: jane campion, 2013

roter himmel, regie: christian petzold, 2023

danke, dass du dir die zeit für meinen newsletter genommen hast - bis bald! <3

so i streamed a series and a film in the arte mediathek. there is one queer character in the series, two of them in the film.

who is gonna die? exactly.

i hardly have time to enjoy bi_pan representation in the film before the characters are killed, in the most inhuman way, as another character explicitly stresses out: “they didn’t choke, they got burnt alive” (translation by me). a purgatory metaphor. it is not even sufficient anymore to murder one queer character, both of them have to die. one of them BPOC, because naturally the only non-white character must not survive this film under any circumstances.

no hope within the series, either: the single queer character is the gay best friendTM who sacrifices himself for his female friend, thereby dying a painful death. homosexuality has no right to exist in itself here but serves to underline the harmlessness of the character - to tell us: “he wouldn’t have hurt her, because he was gay”.

(apart from that i think the way hetero love and sexuality is displayed in this series is highly problematic, also, the whole story is set in new zealand and the only maori character is the mother’s boyfriend who allegedly hits her during arguments? ex-fucking-cuse me?)

these tropes - “queer best friend” and “queer character must die” aka “bury your gays” - are also widely used in books. more often in genre fiction simply because queerness does appear in those novels much more frequently. romance, YA and fantasy novels tend to show a much more diverse ensemble in order to offer representation to their readers.

in so called literary fiction the problem is a bit different. queer characters are significantly less common. if they exist at all, they preferably die in these stories, too (quite famous examples just from the top of my head would be “death in venice” and “brokeback mountain”). and/or their queerness is made the only topic of the whole book, the struggle with their own sexuality or gender substituting the plot.

i’m so happy that there are queer books on the shortlist of deutscher buchpreis this year. at the same time, i observe a political climate which depicts queer people as dangerous, which aims to exterminate them. hostility and hate against queer people have been passed on for centuries and are growing stronger worldwide, every month, every day. queer folks do not have a choice. our mere existence is a political act.

all the more i wish for queer characters who not only survive the plot but also are allowed to have a character arc. i want to see characters who do not despair because of their sexuality or their gender identity - because hetero characters are not perishing of it, either. no cis male protagonist is going to kill himself because he discovered that he is really into women.

in my new newsletter category, i want to introduce queer books to you that made an impression on me or made me feel seen, books i think should have more readers.

for a starter: “zungenbrecher” by karina papp (i am so sorry that afaik there is only a german version of the book available - but let me talk about it here in english nevertheless).

i kind of accidentally joint a reading, listened to the author and fell in love with this book immediately. so much so that i bought it on the spot. i don’t normally buy books on a whim but i was in love. with the language. with the inner turmoil.

it is a very poetic and meandering novel. the protagonist tries to find her bearings between countries, between people, her own standards and the ones her mother, her boyfriend or her female lover demand of her. the book analyses language and belonging, it talks about migration, war and finding oneself. that the protagonist, who seems to be entangled with the narrator without them being identical, desires people of different gender at the same time is depicted in a very casual way. papp excels in showing the social standing of queer identities without othering herself and without making this reflection the topic of her novel. the book is dedicated “to all whose love is an act of resistance” (translation by me), and this dedication is written in german and russian. it includes queer love without reducing itself to it. it makes me think of the novel “im herzen der katze” (inside the cat’s heart) by jina khayyer: “love creates its own world which defies control of the people” (translation by me).

papp writes about the russian invasion of ukraine and how it would feel to witness the war’s end. what she would do. how she would wander the streets, talking to other people about it.

“i will hear cheers in the distance and try to guess what holiday it might be. then i will receive a message”. (translation by me)

she writes: “when the hug around us is melting we will not go home, but wander around aimlessly, we will head to no specific direction, there will be no directions yet, the future will be everywhere and we will move through it.” (translation by me)

“zungenbrecher” (tongue twister, literally tongue breaker) talks about living in a world full of violence. and about queerness, again and again. about having sex with people of different gender, about loneliness and yearning. about growing up in a “hetero-monogamous-and-so-on-normative culture” (translation by me). papp names the anger which results from finding out, later in life, that we could have been raised according to other values. that we could have discovered much earlier that there is another way to live/love.

again and again the narrator returns to her main topic, to language and the attempt to translate from one into the other. to her attempt to transfer emotions. she writes that her “flawed writing process” (translation by me) in german itself leads to a poetic language. the poetry of her writing arises from mistakes, from the not used to handling of foreign words.

she ends with a sentence i keep thinking about:

“the more important it becomes to me to be heard and read, the more choices of reading i like to offer to the readers - and of non-reading, too.” (translation by me)

books:

thomas mann: death in venice, translated by kenneth burke

annie proulx: brokeback mountain, in: close range. wyoming stories

karina papp: zungenbrecher

jina khayyer: im herzen der katze

film:

top of the lake (S1), directed by jane campion, 2013

afire, directed by christian petzold, 2023

thank you so much for reading my newsletter - i appreciate it! <3

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