Saltar para o conteúdo principal

Verbitterung: Die Herabwürdigung der unangepassten Frau

„Du bist verbittert geworden.“ Autsch, das saß, als eine Person, mit der ich schon viele Jahre zu tun hatte, mir diesen Satz entgegenschmetterte. Wie meinte sie das? Was wollte sie damit sagen? Um einen ernst gemeinten Einstieg in ein tiefer gehendes Gespräch handelte es sich dabei kaum, viel mehr schien es darum zu gehen, mir eins vor den Latz zu knallen – so zumindest meine (zugegeben: angekratzte) Interpretation. Aus dem Kopf geht mir dieser Satz bis heute nicht, denn er beinhaltete eine Zuschreibung, die ich gegenüber mir selbst niemals vornehmen würde. Ich lehne mich sogar so weit aus dem Fenster, dass niemand in meinem direkten Umfeld auf die Idee kommen würde, mich „verbittert“ zu nennen.

Solche Äußerungen lassen sich nicht ohne Kontext einsortieren. In meinem Fall heißt das: Sie wurde in einer Zeit getroffen, in der ich zum Schutz meiner Ressourcen damit begann, „Nein“ zu sagen, mich abzugrenzen. Ich entsprach nicht mehr jeder Bitte, ohne darüber nachzudenken, sondern checkte erst mit mir ein: Was geht noch und was nicht? Und ich begann damit, persönliche Reibereien und Machtspiele anzusprechen – und mich davon zu distanzieren. Ich sprach an, dass sie es waren, die mir u. a. die Freude und die Leichtigkeit im Umgang mit dem entsprechenden Umfeld nahmen.

Diese Zuschreibung als „verbittert“ erfolgte somit, als ich damit begann, unbequem zu werden. Als ich aus meiner jahrelang etablierten Rolle als Everbody‘s Darling und People Pleaserin ausstieg. Genau dieser Kontext ist es, der der Äußerung einen besonders herben Geschmack verleiht - denn damit eröffnet sich eine misogyne Ebene. Dass der Satz von einer anderen Frau ausgesprochen wurde, ändert daran nichts: Auch wir haben Misogynie (Frauenfeindlichkeit) verinnerlicht und können sie weiter transportieren, wenn wir nicht dazu bereit sind, sie zu reflektieren. Wenn wir Frauen, die ihre Ressourcen sorgfältig einsetzen, sich abgrenzen, „Nein“ sagen und Missstände - vielleicht sogar, man stelle sich nur einmal vor, auf wütende Weise – ansprechen, als „verbittert“ bezeichnen, dann werten wir sie ab, halten sie klein, gestehen ihnen keine Stimme zu – und spielen am Ende wieder nur dem Patriarchat in die Hände.

Was meint „Verbitterung“?

Um herauszustellen, dass eine solche Fremdbezeichnung auch als frauenfeindlicher – wie auch immer gestalteter – Angriff verstanden werden kann, müssen wir uns erst ein wenig mit ihrer Herkunft befassen. Sprachgeschichtlich leitet sie sich vom Wort „bitter“ ab, was einerseits so etwas wie „unangenehm im Geschmack“, im übertragenen Sinn aber auch „schmerzlich“ oder „beißend“ bedeuten kann. Hier finden wir also schon einen Hinweis darauf, welche Gefühle und Zustände on der Verbitterung stecken: Verletzung, Wut, eine gewisse Erregtheit.

Das Verb „verbittern“ war noch im Mittelhochdeutschen ein eher aktives Verb und stand unter anderem für „etwas bitter machen“ (also z. B. eine Speise), aber auch für den aktiven (!) Vorgang des Verärgerns. Heute ist das Verbittern hingegen eher etwas Reaktives. Und weiter unterscheiden Sprachforscher*innen in die Verwendung der Zuschreibung „Verbitterung“ im 16. Jahrhundert („augenblickliche, vorübergehende Gemütserregung“) und heute („andauernder Zustand bitteren Grolls“). 1

Es hat also sprachhistorisch eine Entwicklung stattgefunden, bei dem die Verbitterung von etwas Aktivem, kurz Anhaltendem, zu etwas Reaktivem, Dauerhaftem von großer Intensität (Resignation, Unzufriedenheit, Wut) wurde. Auslöser der Reaktion sind dabei z. B. eine große Enttäuschung, eine Herabwürdigung, eine Verletzung oder auch die Erfahrung, unfair behandelt worden zu sein. So wird es zumindest in den Diagnosekriterien für eine posttraumatische 2 Verbitterungsstörung (PTED; ja, das gibt’s wirklich) benannt.

Das bedeutet: Eine Verbitterung kann damit auch eine Reaktion auf eine Diskriminierung sein. Muss sie natürlich nicht und schon gar nicht zwangsläufig – aber sie ist möglich und hat in der Ausprägung der PTED dann sogar Krankheitswert. Diese Art der Verbitterung soll hier nicht weiter betrachtet werden. Mir geht es vielmehr um den Alltagsgebrauch des Wortes, für die Einordnung finde ich es aber dennoch wichtig, zu zeigen, dass Verbitterung auch im klinischen Bereich eine Rolle spielt.

Mir ist es an dieser Stelle sehr wichtig, hervorzuheben, dass Verbitterung nichts ist, was man sich aktiv aussucht wie ein Accessoire oder ein Heißgetränk von der fancy Menükarte im neuen Café um die Ecke, so nach dem Motto „Och, heute möchte ich mal ein wenig verbittert sein.“ Es ist im persönlichen Kontext eine mögliche Reaktion darauf, dass andere Menschen die eigenen Grenzen überschritten haben – egal, ob wir vom pathologischen Bereich sprechen oder nicht.

Wen nennen wir „verbittert“?

Vor diesem Hintergrund stellt sich mir die Frage: Wen nennen wir eigentlich verbittert? In meiner Wahrnehmung schreiben wir das Attribut vor allem weiblich gelesenen Personen zu. Vielleicht Personen, „denen etwas im Leben fehlt“: der Mann (denn in der Betrachtungsweise, über die ich spreche, sind heteronormative Beziehungen immer noch das Nonplusultra), der Sex, die Kinder, die finanziellen Mittel für schöne Kleidung, stylische Wohnungen und teure Urlaube, die Schönheit, die Jugend, der schlanke Körper. Patriarchat, ik hör dir trapsen!

Nur selten ist mir begegnet, dass ein Mann explizit als verbittert bezeichnet wurde – und wenn doch, handelte es sich dabei um sehr alte, alleinstehende (!) Männer, die weder Macht noch Einfluss hatten. Einen zornigen, verletzten Mann würde man vermutlich weniger als „verbittert“ als vielleicht eher als „rachsüchtig“ oder Ähnliches bezeichnen.

Eine kurze (und nicht repräsentative!) Umfrage auf meinem Instagram-Kanal hat gezeigt: Wenig mehr als die Hälfte der Personen, die daran teilgenommen haben, denken, dass Verbitterung geschlechtsunspezifisch zugeschrieben wird. Die zweite (knappe) Hälfte denkt, dass insbesondere Frauen so gelabelt werden. Keine einzige Person hat angegeben, dass wir Verbitterung vor allem als Etikett für Männer nutzen. Und das finde ich sehr bezeichnend.

Bei meinen Recherchen ist mir jedoch auch aufgefallen, dass auch dann von Verbitterung gesprochen wird, wenn bestehende Konflikte zwischen Gruppen zu verschärfen drohen, etwa durch eine Handlung oder Äußerung eines Vertreters*einer Vertreterin einer Seite.

Ausgehend davon, dass wir also insb. einzelne Frauen, die gewisse „Normen“ nicht entsprechen und Rollenerwartungen nicht erfüllen, „verbittert“ nennen, drängt sich mir der Verdacht auf, dass diese Bezeichnung aus der gleichen Intention wie die Zuschreibung der „wütenden Frau“ erfolgt. Es geht darum, herauszustellen und sogar zu verurteilen, dass sie unbequem ist. Nicht brav und leise das erfüllt, was von ihr (gesellschaftlich oder persönlich) erwartet wird. Dass sie ihren Ärger, ihre Verletzung zeigt. Dass sie Dinge für sich einfordert: Respekt, faire Behandlung. Dass sie die Nase voll hat davon, herabgewürdigt zu werden oder eine Rolle erfüllen zu sollen, die sie sich nicht ausgesucht hat.

Männer finden verbitterte Frauen nicht begehrenswert (klar, es geht am Ende immer um die Fuckability), unterstellen, dass sie in diesem Zustand nicht Ernst zu nehmen seien. Frauen wollen einerseits auf keinen Fall verbittert wirken und andererseits selbst nichts mit anderen Frauen zu tun haben, die sie so bezeichnen würden. Vor allem aber wollen sie zeigen: So wie die da, so bin ich nicht. Und damit wird die Verbitterung auch zu etwas, das wir nur denjenigen zuschreiben, die „irgendwie nicht dazugehören“, am Rand stehen und neidvoll all jenen mit den glücklichen Leben zusehen.

Wer darf entscheiden, ob eine Reaktion angemessen ist?

Nun ist doch aber klar geworden, dass Verbitterung viel mehr eine Reaktion ist als eine Aktion. Wer darf nun also darüber entscheiden, ob sie angemessen ist? Und wer trägt die Verantwortung dafür, wie diese Reaktion ausfällt? Sicher, wir selbst entscheiden bestenfalls, wie wir mit Situationen und Erfahrungen umgehen, wie wir darauf reagieren. Doch ich glaube, das ist zu kurz gedacht, denn damit findet eine Verschiebung von Verantwortung statt, wie wir sie auch aus diskriminierenden Kontexten kennen: „Sie wurde belästigt? Soll sie doch einen längeren Rock tragen.“ – „Ihr wird kein Gehör geschenkt? Kein Wunder, sie ist aber auch so verbittert.“

Und das halte ich für grundsätzlich falsch. Denn einerseits kann die Verbitterung als eine Antwort auf das verstanden werden, was einer zuvor widerfahren ist. Und diese vorangehenden Aktionen gehen allzu häufig von den Menschen aus, die im Nachgang nicht mit der Reaktion umgehen können, bzw. dazu neigen, sie abzuwerten. Andererseits stimmt die Fremdbezeichnung als verbittert in sehr vielen Fällen sicher nicht mit dem überein, wie die so bezeichnete Person sich selbst beschreiben würde.

Und in exakt diesen Fällen lautet meine Hypothese, dass die Wortwahl als bewusst verletzend, diskreditierend herangezogen wird. Als wollte damit gesagt werden: „Reiß dich zusammen, sei leise. Sei gefällig. Sei ein bisschen angenehmer. Geh zurück auf deinen Platz. Stell keine Anforderungen. Ich entscheide, wie du zu behandeln bist, nicht du selbst.“ Spätestens hier bewegen wir uns dann in einer Ausübung von Macht und Überlegenheitsdemonstrationen.

Es wird also deutlich: Die Antwort darauf, wie wir miteinander umgehen, liegt nicht allein in der Verantwortung der Person, die sie gibt – sondern auch bei der Person, die sie hervorgerufen hat. Genau dieser Verantwortung scheinen Menschen, die dieses Label für Andere nutzen, aber nicht bewusst zu sein – oder sie bewusst nicht übernehmen zu wollen.

Pathologisierung, Vereinzelung und Sexismus

Egal, ob bei der „verbitterten“ oder der „wütenden“ Frau: Ihre Emotionen werden pathologisiert und damit als „krankhaft“  und in der nächsten Konsequenz als „nicht Ernst zu nehmen“ herabgewürdigt. Unsere Gesellschaft steht allen Personen, die Nicht-cis-Hetero-Männer sind, keine negativen Gefühle zu, denn dann müsste sie sich ja an die eigene Nase packen, sich eingestehen, dass Wut, Zorn und ja, auch Verbitterung, verursacht werden und dass damit auch Verantwortung übernommen werden müsste.

Stattdessen werden diese negativen Gefühle nicht nur pathologisiert, sondern auch vereinzelt. Vereinzelung ist ein wirkmächtiges Instrument, das ebenfalls genutzt wird, um Machtverhältnisse und patriarchale Strukturen zu erhalten. Es sagt: „Deine Wut, deine Verbitterung - sie sind allein dein Problem. Du reagierst so, weil du so bist“. So werden die Emotionen als Reaktionen einzelner dargestellt – und die Verantwortung von sich gewiesen. Was nicht geschieht, ist hingegen die Anerkennung gesellschaftlicher Strukturen und Machtgefälle, ein Verständnis für Diskriminierung und dafür, dass auch Reaktionen einzelner Personen aus struktureller, kollektiver Herabwürdigung entstehen können.

Vor all diesen geschilderten Hintergründen bleibe ich dabei: Das Etikett „Verbitterung“ dient am Ende wieder nur dem Erhalt bestehender Verhältnisse und dazu, Personen, insbesondere Frauen, klein zu halten, sie einzuschüchtern und sich über sie zu erheben.

Wie gehen wir damit um?

Es bleibt nun die Frage: Wie können wir es besser machen? Wie können wir mit den Gefühlen anderer - und unseren eigenen – umgehen?

Nun, as simple as that: In erster Instanz würde ich, außer vielleicht im klinischen Kontext (und selbst dort würde ich gerne näher hinsehen), davon abraten, jemanden als „verbittert“ zu bezeichnen. Denn es ist mir noch nie begegnet, dass sich hinter dieser Bezeichnung ein Wohlwollen, ein aufrichtiges Interesse oder ein Supportangebot verborgen hat.

Wir müssen uns klar machen, dass Worte Macht haben - und aus machtvollen Positionen heraus gesprochen werden. Begegnet uns also eine solche Zuschreibung (egal, ob sie uns selbst über die Lippen kommen möchte, wir über andere so denken oder beobachten, wie jemand durch eine weitere Person so benannt wird), dürfen wir uns fragen: Ist sie gerechtfertigt? Wie kommt es zu dieser Äußerung? Soll damit jemand abgewertet werden? Warum verhält sich die Person, die so bezeichnet wird, wie sie es tut – und was würde sie evtl. brauchen? Kann ich offen mit ihr darüber sprechen? Ihr Verhalten vielleicht sogar nachvollziehen?

Wenn wir selbst als verbittert beschrieben werden, dürfen wir uns selbst fragen: Würde ich dieses Attribut auch für mich selbst wählen? Falls die Antwort „Nein“ lautet, dann können wir uns getrost davon lösen und überlegen, ob wir es an der Stelle tatsächlich mit einer Herabwürdigung zu tun haben. Aber auch, wenn wir uns selbst als verbittert bezeichnen würden, dürfen wir prüfen, ob es sich um eine echte Reaktion handelt oder ob wir Zuschreibungen von Außen ungeprüft übernommen haben. Selbst dann, wenn wir uns ehrlich so beschreiben würden, dürfen die Fragen lauten: „Warum? Was hat mich hierhin gebracht?“

Genau für diese Fragen wünsche ich uns allen, dass wir liebevolle, mitfühlende und ehrliche Begleitungen haben. Menschen, die nachvollziehen können, was passiert ist – und warum eine Verbitterung eine angemessene Reaktion auf tiefe Verletzungen sein kann. Menschen, die solidarisch miteinander sind, Gefühle anerkennen und aufrichtig Unterstützung anbieten. Denn am Ende des Tages sind es aus meiner Sicht immer Mitgefühl und Solidarität, die uns sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene so vieles überwinden lassen könnten.

Wie bin ich nun persönlich damit umgegangen, „verbittert“ genannt worden zu sein? Im ersten Moment war ich geschockt, verletzt und traurig. Ich war aber auch ziemlich empört, vor allem, als meine internalisierte Misogynie kickte: So eine Frau wollte ich auf keinen Fall sein. Ich bin sehr froh, dass ich für mich sexistische Mechanismen heute ziemlich klar habe, denn so konnte ich mich wieder schnell von diesem Gedanken lösen.

Kurz nach diesem Gespräch nahm ich mir ein wenig Zeit für mich, um ehrlich mit mir einzuchecken: Empfinde ich mich selbst als verbittert? Ist meine Wut angemessen? Habe ich unangemessen Forderungen gestellt oder Äußerungen getätigt? Ja, ich hatte mich vermehrt wütend geäußert – aber niemals gegen die Person, mit der ich sprach, gerichtet. Ja, ich hatte versucht, mich abzugrenzen und z. B. um mehr Zeit gebeten. Aber diese Bitten hatte ich immer ruhig und sachlich vorgetragen. Ich kam also zu dem Schluss, dass ich der anderen Person unbequem geworden war, nicht mehr „so leicht im Umgang“ wie früher war. Ich war aus meiner alten Rolle herausgetreten. Klar, so etwas sorgt für Irritation. Die Zuschreibung als „verbittert“, da war ich mir sicher, wollte ich nicht annehmen und bei der anderen Person belassen, denn sie war nur eine Reaktion darauf, dass ich mich weiterentwickelt hatte - in eine Richtung, die nun nicht mehr ganz so easy going für mein Umfeld war wie zuvor.

Side Note: Ich darf mir übrigens auch an die eigene Nase packen: Auch ich habe früher bereits andere Frauen als verbittert bezeichnet. Deshalb möchte ich keinen Zeigefinger erheben, sondern Aufmerksamkeit wecken, damit wir alles es zukünftig anders machen können.

  1. https://www.dwds.de/wb/Verbitterung (Abre numa nova janela)

  2. https://www.bpm-ev.de/images/_relaunch/Gegen_die_Verbitterung_-_Weisheitstherapie.pdf (Abre numa nova janela)

Tópico Feminismus

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Ann.Eck.Doten e comece a conversa.
Torne-se membro