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Bugonia (Yorgos Lanthimos)

Brian Thompson, Charlie Kirk, Melissa Hortmann - die Zahl der politisch motivierten Attentate scheint sich zu häufen. Doch wie kommt es, dass sich die Einzeltäter so radikalisieren, dass sie bereit sind, zur Waffe zu greifen? Diese Frage stellt sich Yorgos Lanthimos in seinem neuesten Film Bugonia.

Michelle Fuller (Emma Stone), CEO eines großen Pharma-Konzerns, wird eines Tages von Teddy (Jesse Plemons) und dessen Cousin Don (Aidan Delbis) entführt. Von der Überzeugung getrieben, dass es sich bei Fuller um ein Alien handelt, versuchen die beiden Einsiedler, die Erde von den bösen Andromedanern zu befreien. 

Trust me, Bro

Anders als allzu oft in der Realität, ist Teddy nicht alleine. Zusammen mit seinem Cousin Don plant er akribisch die Aktion. Dieser ist geistig gehandicapped und daher auf die Führung Teddys angewiesen. Teddy übernimmt hier entsprechend Opfer und Täterrolle in der Indoktrination der Verschwörungsmythen. Das klassische Con-Artist-Narrativ sieht vor, dass ein Con-Artist niemals jeden, sondern immer nur diese eine Person vor sich überzeugen muss. Entsprechend brühwarm kann Teddy alles, was er im Internet aufgeschnappt oder sich selbst zusammengereimt hat, Don eintrichtern. Die Frage, die uns als Zuschauer nun noch umtreibt, ist, ob Teddy seinen eigenen Erzählung glaubt, oder nicht.

Die Bienen sterben. Mit dem Tod der Bienen kann es auch keine Menschen geben. Doch wieso sterben die Bienen? Wieso lassen die Arbeiterinnen ihre Königin im Stich? Der Titel des Films verweist auf einen Aberglauben aus dem Mittelalter, wonach Bienen aus dem Schädel einer toten Kuh wachsen. Ähnlich haltlos sind die Theorien von Teddy und allen voran die Erkennungsmerkmale, nach denen er Andromedaner von Menschen zu unterscheiden vermag. “Wenn du es schon so oft gesehen hast, wie ich, dann weißt du es einfach”, erklärt er. Ähnlich wie der Voigt-Kampff Test aus Blade Runner geht es vordergründig um eindeutige Merkmale, aber beim genaueren Hinschauen wird klar, dass das alles nur haltloses Gelaber ist.

Doch wer ist Teddy eigentlich? Bienenzüchter, Geringverdiener, Verschwörungstheoretiker. Nach eigener Aussage hat er es schon mit allen politischen Identitäten versucht: alt-right, conservatism, new left. Nirgends hat er sich repräsentiert gefühlt, weswegen er sich jetzt nur noch im Internet und bei seinen Bienen rumtreibt. Schnell wird klar, dass Teddy in keiner Gemeinschaft überleben kann; er ist der geborene Einzelgänger - mit Ausnahme von Don.

Michelle ist auf der anderen Seite des Spektrums. In ihrer großen Villa ist sie ganz alleine, auf der Arbeit muss sie sich dem Zeitgeist unterwerfen und eine Werbekampagne im Sinne von DEI fahren. Auch sie passt in keine politische Untergruppe, einzig, was sie von Teddy unterscheidet, sind ihre finanziellen Möglichkeiten. In Gegenschnitten sehen wir, dass selbst die Fitnessroutine im Grunde genommen dieselbe ist.

Altruismus - Egoismus

Teddy verfolgt ein hehres Ziel: Die Menschheit vor den Aliens zu schützen. Ähnlich wie in John Carpenters They Live weiß nur Teddy von der Unterwanderung der Erdbevölkerung durch die parasitären Aliens und es ist an ihm, diese in die Flucht zu schlagen. Als Luigi Mangione den CEO einer Krankenversicherung erschoss, ging man Anfangs davon aus, dass der Täter den Klassenkampf in den USA ausrufen wollte, dass er sich zum Wohle aller in die Schusslinie brachte, um den Systemsturz herbeizuführen. Doch schon bald wurde klar, dass es ein ganz persönliches Ziel war, den Namen des Opfer via 3D-Drucker in die Patrone gedruckt, war Brian Thompson dann am Ende doch nur Opfer eines Racheakts.

Ähnliches finden wir auch in Bugonia. Teddy gibt vor, Michelle als Alien entlarvt zu haben, die er leider dazu bringen muss, ihn auf ihr Mutterschiff zu bringen. Jedoch wird später deutlich, dass Michelle als CEO eines Pharmakonzerns maßgeblich an einer klinischen Studie beteiligt war, die Teddys Mutter fast das Leben gekostet hat. Die Grenze zwischen selbstlosem Kampf David gegen Goliath zum Wohle der Menschheit und einem kleinlichen persönlichen Racheakt verschwimmen zunehmends. Insbesondere, wenn Teddy Michelle an einen Stuhl fesselt und mit Elektroschocks so lange foltert, bis er ihre Alien-DNA entschlüsselt hat. Don glaubt - zurecht - dass hier lediglich niedere Beweggründe ihn zu dieser Tortur hinreißen.

Don, auf der anderen Seite, hält nichts vom Klassenkampf. Einzig Teddy hat noch einen Zugang zu ihm. Der Plan, nach den Verhandlungen auf dem Raumschiff wieder auf die - nun befreite - Erde zurückzukehren, schreckt ihn ab. Hier wird deutlich, dass Don so sehr abgehängt ist, dass für ihn eine “befreite” Erde, die einen Platz für ihn bereit hält, selbst in seiner Phantasie undenkbar bleibt. Entsprechend sieht er seinen einzigen Ausweg, wenn er von Michelle konfrontiert und herausgefordert wird, im Suizid.

Michelle, als CEO des Pharmakonzerns, versucht selbst, ein “guter” Chef zu sein. Ständig ermahnt sie ihre Angestellten, doch bitte um 17:30 Uhr Feierabend zu machen. Es sei denn, sie haben noch was zu tun. Sie sollen das selbst entscheiden. Und man müsse ja die Quote erfüllen. Aber bitte nicht aus Zwang. In gewisser Weise spiegelt sie auch hier wieder Teddy. Er möchte ja nicht quälen, er sei ja kein Unmensch. Aber die Situation gebiete es nun einmal. Teddys Kollegin mit ihrem gebrochenen Arm wird sich auch nicht gegen ihren Arbeitgeber wehren, genauso wie die Angestellten von Michelle auch weiterhin Überstunden machen werden.

Der Pharma-Konzern gibt sich selbst altruistisch. Akribisch wird darauf geachtet, dass man Diversität vorlebt und auch, dass die medizinischen Erkenntnisse am Ende jedem Menschen helfen werden. Man muss allerdings kein Anhänger Verschwörungstheorien sein, um zu erkennen, dass in der kapitalistischen Marktlogik in allererster Linie Profitmaximierung das Handeln des Konzerns diktiert. Der Film lässt die inhaltliche Fragestellung, ob die Studie tatsächlich Menschen hilft, unbeantwortet.

Fazit


Bugonia zeigt uns eine Welt ohne Mitte. Teddy und Michelle sind zwei extreme am entgegengesetzten Ende des Spektrums und damit beide unwiederbringlich aus der der Gesellschaft verbannt. Als CEO einer Firma, die mit der Gesundheit und dem Leben unzähliger Menschen ihr Geschäftsmodell zieht, kann Michelle gar nicht verstehen, wie es den Menschen, die sie vorgibt zu repräsentieren, geht. Entsprechend ist es nur konsequent, wenn wir am Ende erfahren, dass Teddy mit allem Recht hatte und Michelle tatsächlich eine Andromedanerin ist. Superreiche haben mit unserer Welt tatsächlich so wenig gemein, dass sie genauso gut vom Planeten Andromeda kommen könnten. Und genauso sollten wir sie auch behandeln. Blöd nur, dass sie die Macht haben, mit einer Handbewegung unser aller Leben auszulöschen. Aber wenigstens kommen dann die Bienen wieder.


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