Liebe Weinfreund:in,
Du liest den WeinLetter #122. Heute gibt’s: Mal wieder den Update-Newsletter. Ich erkläre nochmal das Update-Prinzip: In mittlerweile 121 WeinLettern hat das famose WeinLetter-Team Geschichten erzählt, Weingüter und ihre Philosophien beschrieben, Branchentrends analysiert. Wie ging's aber weiter? Das erledigen die Update-Newsletter - diesmal mit Beiträgen von Helmut Dolde, Philipp Bohn und mir. Die Themen sind diesmal u. a.: +++ WeinLetter testet das neue Wein-Sortiment im Bordrestaurant des ICE +++ So geht’s im Weinberg ab gerade: Analyse von Helmut Dolde +++ Es wird weniger Adler getrunken: VDP in der Krise? +++ Streit um die besondere Wein-Subvention des CSU-Landwirtschaftsministers +++ Und ein Michelin-Stern! Viel Spaß beim Lesen!
Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte. Unterstützt den WeinLetter gerne auch finanziell und werdet aktives Mitglied! (Opens in a new window) Und übrigens: Ich mach mal ne kleine Urlaubspause. Aber vor allem:
Trinkt friedlich!
Euer Thilo

Württemberg, Pfalz, Rheinhessen, Pfalz: Sekt, Riesling, Grauburgunder und eine Rotwein-Cuvée gibt es jetzt neu im ICS-Speisewagen der Deutschen Bahn FOTO: THILO KNOTT
Neues Wein-Sortiment im ICE-Speisewagen: Das trinken die Deutschen in vollen Zügen
von Thilo Knott
Welchen Wein trinken die Deutschen? Das ist ja eine Frage, die man je nach Ort und Zeit unterschiedlich beantworten kann. Streift man durch die Discounter-Regale, erhält man ein völlig anderes Bild von deutschem Weinkonsum als wenn man sich auf der VDP-Vorpremiere in Wiesbaden durch die großen Gewächse zullt.
Ein ganz gutes Geschmacksbild kann man sich im Speisewagen der Deutschen Bahn machen. Hier werden seit Jahren vier Weine angeboten: ein Schaumwein, eher 2 Weiße, wahlweise Rosé, 1 mal Rot. Als Staatsbetrieb erfolgt eine öffentliche Ausschreibung. Es sollen ausschließlich deutsche Weine auf der Speisekarte stehen – was nicht immer so war. Das Deutsche Weininstitut unterstützt die Deutsche Bahn bei der Auswahl. (siehe meinen WeinLetter #62. So läuft das mit dem Wein im ICE-Bordrestaurant! (Opens in a new window)).
Nach drei Jahren hat jetzt wieder die Kollektion gewechselt. Ich habe sie jetzt alle verkostet:
Schloss Affaltrach: Riesling Sekt brut, 8,90, 0,2 l (Württemberg)
Weingut Keth: Grauburgunder, 8,90 Euro, 0,25 l (Rheinhessen)
Weingut Peter Stolleis: Riesling trocken, 0,25 l, 8,90 Euro (Pfalz)
Weingut Neiss: That’s NEISS Tinto Réserve, 0,25 l, 9,20 Euro (Pfalz)
Diese Vier haben sich unter 220 Bewerberinnen und Bewerbern durchgesetzt. Diesmal dominiert Pfalz mit zwei Betrieben, beim letzten Sortiment war noch Rheinhessen mit sogar drei von vier Weingütern vertreten. Der jährliche Weinabsatz beläuft sich in den Speisewagen auf 1 Million kleine Flaschen, was einen Umsatz von nicht ganz 10 Millionen Euro entspricht.
Einen ersten Hinweis auf das Geschmacksbild der ICE- und IC-Fahrer:innen gibt die Mengenverteilung: 400.000 Flaschen entfallen in der Produktion laut Deutschem Weininstitut allein auf Grauburgunder. Die drei anderen Weingüter und Weingenossenschaften produzieren jeweils 200.000 Flaschen. Also Sekt, Riesling, Tinto Reserve.
Der Tinto, also der „Rote“, ist ein erneuter Hinweis auf das Geschmacksbild „Deutsche Bahn“: Es ist eine Cuvée aus typischen Pfälzer Rebsorten wie Dornfelder und Portugieser sowie internationalen Rebsorten wie Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon sowie Merlot. Cuvées sind ja eigentlich wenig verbreitet in der deutschen Weinproduktion. Der „Tinto“ von Neiss folgt hier der Markus-Schneiderisierung einer Variante der Rotwein-Produktion, die äußerst erfolgreich (und gut) Pfälzer Rebsorten mit internationalen Rebsorten fusioniert, sie aber „Ursprung“ oder „Tohuwabohu“ nennt.
Sagen wir es so: In der Deutschen Bahn werden Konsensweine ausgeschenkt. Es sind Basisweine von ausnahmslos Qualitätsweingütern. Das ist nicht das Schlechtete!

Das ist mein Favorit im Bordrestaurant des ICE: Grauburgunder vom Weingut Keth FOTO: THILO KNOTT
Ernst Büscher vom deutschen Weininstitut beschreibt es gegenüber dem WeinLetter so: „Bei der Auswahl der Weißweine kam es darauf an, dass sie den Rebsortencharakter am Gaumen und in der Nase klar und deutlich zum Ausdruck bringen und gleichzeitig den Geschmack eines breiten Publikums treffen.“ Heißt beim Riesling zum Beispiel: „Die Säure sollte zwar präsent, aber nicht zu spitz sein.“ Heißt beim Sekt: „Mit der Geschmacksrichtung brut bewegen wir uns in einem, wie wir finden, sehr angenehmen Geschmackskorridor, der anspruchsvolleren Sektfreunden ebenso zusagt wie Einsteigern“, sagt Büscher.
Von den Konsensweinen haben mir zwei am besten gefallen: Das ist der Sekt von Schloss Affaltrach. Da kann man jetzt nicht diskutieren, ob er nach einfachem Toast, auf Stufe 2 getoastetem Toast oder auf Stufe 4 getoastetem Toast schmeckt – oder doch nach Brioche. Das ist einfach ein Spaßsekt! Und wenn man dann noch auf dem Weg zum Speisewagen an den Reisegruppen mit dem halbtrockenen Zuckerkäppchen vorbeigeht, dann freut man sich noch brut-aller.
Und dann gefällt mir tatsächlich noch der Grauburgunder vom Weingut Keth in Rheinhessen. Das entspricht so gut dem eben rebsorten-typischen Geschmacksbild: Dezente Säure, Birne, Stahltank. Das genieße ich in vollen Zügen.
Mehr zu Wein im Speisewagen: WeinLetter #62: So läuft das mit dem Wein im ICE-Bordrestaurant! (Opens in a new window)
Jetzt stressen wir die Reben durch Entblätterung. Die Weinbergs-Analyse
von Helmut Dolde
Im Weinberg geht es rund. Der Juni ist immer eine Phase mit sehr viel Arbeit. Die Stunden, in denen man bei dieser Hitze im Weinberg arbeiten kann, sind knapp und beschränken sich auf die frühen Morgen- und späten Abendstunden.
Die Reben sind in den vergangenen Wochen förmlich explodiert. Sie sind verblüht und die kleinen Beerchen sind mittlerweile fast erbsengroß. Die Rebblüte hat in diesem Jahr am Albrand besonders früh begonnen.
Wie jedes Jahr entblättern wir zum Ende der Blüte leicht die Traubenzone (von der Ost- bzw. Nordseite her). Die Entblätterung während der Blüte ist eine wirksame Methode, um gezielt etwas Stress in den Reben auszulösen: Einige Beeren „verrieseln“ dadurch und fallen wegen fehlender Zuckerzulieferung ab. Das klingt nach Verlust – ist aber gewollt.
Lockere Trauben sind gesündere Trauben, sind weniger anfällig für Fäulnis und besser durchlüftet. Ein weiterer Vorteil: Trauben, die früh an Sonne gewöhnt werden, sind im späteren Vegetationsverlauf deutlich weniger anfällig für Sonnenbrand.
Bei starker Hitze und direkter Sonneneinstrahlung können die Beeren überhitzen, werden zunächst braun und trocknen dann ein. Diese Beeren müssen bei der Ernte mühsam aussortiert werden. Eine frühe Entblätterung härtet die Beeren ab und ist also auch eine guter Schutz für den Hochsommer. Das ist bei uns reine Handarbeit. Auch müssen die Triebe laufend senkrecht in den Drahtrahmen eingeflochten und später mit der Heckenschere gegipfelt werden.
Während bis zur Blüte die ganze Energie des Rebstocks auf das Längenwachstum ausgerichtet war und Zucker von den Blättern vorzugweise in Richtung Triebspitze transportiert wurde, verändert sich diese Transportrichtung nach der Blüte - und ganz viel Kraft geht jetzt in die heranwachsenden Trauben.
Die Weinberge stehen perfekt da. Die Reben sind gesund, die Trauben werden lockerbeerig, alles deutet auf eine gute, aber frühe Weinlese hin.
Mehr Infos: WeinLetter #117: Fünf steile Thesen zur Veränderung der deutschen Rebflächen (Opens in a new window)
Rückgang beim VDP: Der Adler schützt nicht vor der Weinkrise
Die Nachrichten sind 2026 nicht gerade erfreulich für den Verband der Prädikatsweingüter (kurz: VDP). Denn am Anfang des Jahres wurde bekannt, dass das Weingut von Hövel aus Oberemmel an der Saar den Betrieb einstellt. Das traditionsreiche Weingut war immerhin Gründungsmitglied des VDP. Der Grund seien „wirtschaftliche Probleme wegen sinkender Absätze und steigender Kosten“, wie der „Trierische Volksfreund“ berichtete.
Schlagzeilen machte zudem das VDP-Weingut Markgraf von Baden Schloss Staufenberg, das den Betrieb einstellte: Es wurde jetzt verkauft, bleibt aber quasi im VDP. Neuer Besitzer wird Georg Prinz zur Lippe, ebenfalls Besitzer von Schloss Proschwitz in Sachsen. Er hat das Schloss sowie 23 Hektar Weinberge in der Ortenau von der Markgräflich Badischen Weingutsverwaltung übernommen.
Schließungen und Aufgaben: Schützt der Adler nicht mehr vor der Weinkrise?
Das Geschäftsjahr 2025 ist da klar: Es geht auch für die VDP-Weingüter erstmals bergab. Im April nämlich hat der Verband einen Lagebericht mit Rückblick auf 2024 und 2025 veröffentlicht. Demnach setzten die VDP-Weingüter im Jahr 2025 rund 33,5 Millionen Flaschen Wein ab – 2024 lag die Zahl noch bei 35,7 Milionen Flaschen. Der Absatz ging 2025 also um 2,2 Millionen Flaschen zurück. Das ist ein Rückgang von 6,2 Prozent!
Gut, die Berichte 2024 und 2025 sind Hochrechnungen. Aber das Ausmaß des Rückgangs liegt über dem der gesamten deutschen Weinbranche. Preisaufschläge konnten diesen Rückgang nur minimal reduzieren, da Winzerinnen und Winzer das nicht 1:1 an die Kundinnen und Kunden weitergeben können. Leichte Aufschläge führten dazu, dass der Umsatzverlust immerhin geringer ausfällt als der Flaschenverlust. Der Gesamtumsatz der VDP-Betriebe ging um rund 20 Millionen Euro auf 426 Millionen Euro zurück (2024: 446 Millionen Euro). Das ist ein Rückgang von immer noch 4,5 Prozent! (TOK)
Mehr Infos: WeinLetter #113: Die bittere Bilanz des Weinmarkts 2025. (Opens in a new window)
Ist der Aufstieg des VDP over? Schreib mir deine Meinung an: weinletter@posteo.de (Opens in a new window)

Michelin-Stern verteidigt, Glückwunsch! Kerstin Bauer und Max Goldberg vom „Irori” FOTO: IRORI
Stern verteidigt, herzlichen Glückwunsch, Irori!
von Philipp Bohn
Herzlichen Glückwunsch an Kerstin Bauer und Max Goldberg: Ihr japanisch-pfälzisches Restaurant Irori in Knittelsheim hat im Guide Michelin 2025 den Stern erhalten und ihn mit der Ausgabe 2026 verteidigt.
Anlässlich der zweiten Staffel der Apple-TV-Serie "Drops of God" haben wir mit den beiden über Wein-Pairing und japanische Küche gerade noch gesprochen. Es ging um die Frage, welche deutschen Weine zur japanischen Küche passen und warum Kabinett in dieser Kombination meistens die falsche Wahl ist.
Das ganze Interview findet ihr im WeinLetter #115: Deutscher Wein-Fail in Japan? Der Fakten-Check (Opens in a new window).
Stammtisch-Hilfe zur kuriosen Wein-Millionen-Spritze des CSU-Landwirtschaftsministers
Die deutsche Weinbranche kann jede Hilfe und Unterstützung gebrauchen, um die Absatzkrise zu managen. Dachte sich auch das Landwirtschaftsministerium der Bundesregierung. Geführt von der CSU. Alois Rainer heißt der Minister. Er analysierte jetzt präzise: „Nur gut 40 Prozent der in Deutschland getrunkenen Weine stammen auch von hier; in so manchem Nachbarland liegt die Quote doppelt so hoch. Hier ist noch viel Luft nach oben.“ Rainer handelte. Er empfahl seinen Bayern nicht etwa, von Bier auf Wein umzusteigen. Nein. Er spendiert der Weinbranche eine Million Euro – für eine Informationsoffensive. Damit die „Herstellung, Kennzeichnung und Vermarktung von Wein“ erleichtert werden könne.
Die Jubelstürme und Huldigungen der Winzerinnen und Winzer für die Maßnahme hielten sich in Grenzen. Im Gegenteil. „Als die Ankündigung einer ‚Informationsoffensive Wein‘ bekannt wurde, keimte bei vielen Winzerinnen und Winzern erstmals seit Langem wieder ein wenig Hoffnung auf. Hoffnung darauf, dass die Politik die dramatische Lage des deutschen Weinbaus erkannt hat und bereit ist, dort anzusetzen, wo unsere eigentlichen Probleme liegen: nicht bei der Qualität unserer Weine, sondern bei deren Vermarktung“, schreibt der Verein „Landwirtschaft verbindet (LSV)“ in einem offenen Brief an den Minister. Wie jetzt? Warum so beleidigt?
Die Informationsoffensive hat eine Einschränkung: Sie beschränkt sich ausschließlich auf alkoholfreie Weine und Bio-Weine. Das Ministerium wolle aufzeigen, heißt es in der Begründung für die Konzentration auf 15 Prozent des deutschen Weinmarktes, „wie hochwertig und innovativ deutscher Wein ist“.
Wer aber hat jetzt recht? Sind alkoholfreie Weine tatsächlich die Zukunft? Sind konventionelle Produzenten tatsächlich nicht innovativ und vergiften noch die Böden dazu? Sie wissen es nicht? Mit diesen sechs Meinungen glänzen Sie beim nächsten Weinfest:
„Ist Anton Rainer ins Gesundheitsministerium gewechselt?“ (Polemisiert gegen das Zölibatäre der Maßnahme ausgerechnet des CSU-Landwirtschaftsministeriums)
„Das hätten sich nicht mal die Grünen getraut!“ (Ironisiert Bio- und Gesundheits-Wahn als ur-grüne Lebensform und dreht es gegen die CSU)
„Richtig so! Wer jetzt nicht auf Bio umsteigt, wird den Klimawandel nicht überleben!“ (Beschreibt das Dilemma, dass CSU nicht Bio ist, aber auch nicht abseits des Bodens wissenschaftlicher Erkenntnisse stehen will)
„Nur Alkoholfreie und Bio-Weine zu fördern ist so, als wolle man die deutsche Autoindustrie retten, indem man ausschließlich E-Roller und Fahrradklingeln bewirbt.“ (Hier dokumentieren Sie, dass Sie weder von Wein noch von Mobilität Ahnung haben und am besten die „War die Neuer-Entscheidung richtig?“-Frage hinterherschieben sollten)
„Markus, das ist nicht mehr meine CSU!“ (Enttäuschung ausdrücken)
„Franz-Josef, dafür wurde die CSU nicht gegründet!“ (Noch mehr Enttäuschung ausdrücken) (TOK)
Wie lautet Deine Reaktion? Schreib an weinletter@posteo.de (Opens in a new window)
Du willst den WeinLetter und meinen Qualitätsjournalismus auch finanziell unterstützen? Darüber würde ich mich sehr freuen! Dann werde hier zahlendes Mitglied: