Zur kanadischen Serie rund um zwei schwule Eishockey-Profis im Vergleich zum ostasiatischen "Boy Love"-Kult - und allerlei Kontext drumherum

Es erscheint eine kanadische Serie über vier Schwule im Profisport – Eishockey, “Heated Revalry” heißt sie – mit viel recht explizitem Sex zwischen Männern, und alle reden anschließend über Frauen.
So erstaunlich ist das nicht: Ob in am Erscheinungsort extrem erfolgreichen ostasiatischen “Boy Love” (BL)-Serien, im Falle des Films über die Liebe zwischen einem englischen Thronfolger (”Royal Blue”) oder auch hinsichtlich der Fancrowd rund um “Heated Rivalry”: Das Interesse regt sich in teils exzessiver Form (zu betrachten bei Youtube) vor allem bei jungen Frauen. Wikipedia weiß zu berichten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass im Falle des ostasiatischen, bereits Jahrzehnte währenden BL-Trends bis zu 85 % der Rezipient*innen weiblich sind. Diese Produktionen sind so geschrieben, dass sie junge Frauen erreichen. Auch die Romanvorlage für “Heated Rivalry” schuf die Autorin Rachel Reid - ganz so wie Casey McQuiston die zu “Royal Blue”. Selbst Softporn-Romane bei Amazon, die schwulen Sex imaginieren, sind häufig von Frauen geschrieben.
Zumeist, nicht immer, unterscheiden sie sich von ihren männlichen Kollegen und deren Schreibweise insofern, dass sie stärker die Beziehung zwischen den beiden Männern in den Mittelpunkt rücken. Autoren erotischer Literatur hingegen neigen dazu, beinahe technisch Abfolgen präferierter sexueller Praxen fast wie sportliche Übungen aneinanderzureihen. Eher wie im Falle der “Einkaufslisten” in Sex-Apps haken sie Wunsch- und Konsumkataloge ab hinsichtlich dessen, was den Individuen gefällt.
Die Frage, wieso nun Heteras sich so von schwulem Sex faszinieren lassen, bewegt nun auch das deutsche Feuilleton (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der Deutungen und Interpretationen gibt es viele. Das soll aber mangels Kompetenz in Fragen weiblicher Sexualität hier gar nicht Thema sein. Klar ist: Die politische Rechte proklamiert ja immer (und will deshalb Homopropaganda-Gesetze), dass arme Jungs zu schwulem Sex verführt werden könnten, wenn sie so etwas sähen. Dabei ist es doch vielmehr so, dass hier etwas gezeigt wird, was Frauen davon abhält, sich in toxischen Beziehungen zu Männern als deren Objekt und ggf. Gebärmaschine missbrauchen zu lassen.
Es reproduziert sich, weil eben auch Schwule Männer sind, jedoch auch viel Patriarchales in diesem Genre – auch in “Heated Rivalry”. Beim Anschauen aller sechs Folgen erstaunte mich vor allem, dass weibliche Zuschauer das mögen, wie in der Serie die Frauenfiguren gezeichnet werden. Sie dienen nur als Sidesteps der männlichen Hauptfiguren, sind dazu da, vor allem verständnisvoll zu sein als beste Freundin oder auch Mutter. Noch dann empathisch zu reagieren, wenn mit ihnen vorübergehend ein wenig Sex ausprobiert wird, um den Hetero spielen und in der Öffentlichkeit darstellen zu können (was jedoch scheitert) - das ist ihre Aufgabe in “Heated Rivalry”. Eben das zu erfüllen, was Frauen allgemein gesellschaftlich als Rolle zugewiesen wird: liebe- und verständnisvoll für die Absicherung des Emotionshaushaltes von Männern Sorge zu tragen.
Es erscheinen lediglich zwei BPoC-Figuren ganz am Rande in “Heated Rivalry” (in den BL-Serien aus Thailand, Japan, Südkorea, China (!) und Taiwan, die ich gesehen habe, tauchten auch keine schwarzen Menschen – schwarz meint nicht Hautfarbe, sondern eine soziale Position – auf). Die eine Hauptfigur ist Sohn einer japanischer Mutter. Dies wird jedoch nicht als Einfluss kollektiver Stereotype auf seine Psyche diskutiert. Muss ja auch nicht.
Eine einzige im erweiterten Sinne queere Figur tritt in Erscheinung, ob non-binär, trans oder Drag wird nicht klar, und ist in “Heated Rivalry” dann gleich wieder verschwunden. Sie sorgt für einen kurzen Gag. Die beiden Hauptfiguren sind “hypermaskulin” besetzt, sehr muskulös - Ilya noch stärker als Sean. Das unterscheidet sie deutlich von den asiatischen Serien.
Für einen europäischen Blick sind die Helden in BL-Serien hingegen oft mit in Europa als “feminin” gelesenen Attributen ausgestattet. Die meisten Darsteller sehen aus wie Boygroup-Mitglieder und sind vor allem in Thailand Teil einer Industrie, die tatsächlich Casting-Shows, Band-Konzepte und Serien miteinander verbindet. Sie tragen oft Lippenstift und Kajal, sind häufig sehr weiß geschminkt, haben stylishe Frisuren. Die Storys dort sind, soweit ich das verfolgt habe, oft in Schulen angesiedelt, aber auch in Sportler-Milieus, z. B. Boxen oder Motorsport – aber auch als Gangster in hochgradig gewalthaltigen Welten aktiv. Reichtum und Armut sowie Business und Verbrechen verbinden sich in den Plots zu einem Spiel rund um soziale Hierarchien. Die “Klassenfrage” ist erstaunlich präsent, und in den Geschäftstätigkeiten der Helden geht es nie sauber zu.
Die Liebenden sind mindestens in zwei Serien Chef und Bodyguard, also quasi in einem Machtmissbrauch situiert, und es wird viel geprügelt. Es fließt Blut. Frauen tauchen manchmal gar nicht auf. Es werden viele reine Männerwelten erzeugt.
In der Serie “Wicked Game” rivalisieren drei Geschwister – zwei Männer, eine Frau, ein “legitimer” Sohn aus der Ehe des Vaters, zwei Kinder von “Konkubinen” – um das Erbe eines Krankenhausimperiums. Dessen Patriarch, der Vater, spielt dabei seine Kinder gegeneinander aus, schlägt fortwährend brutal seine Söhne, und alles, was mit Business zu tun hat, ist von akzeptierter Kriminalität durchdrungen. Die sozial erniedrigte Position der Schwester in dem Trio ist durchgängig treibendes Element im Plot; sie muss geschickt Intrigen spinnen, um ihr Anrecht auf das Erbe zu behaupten. Um final doch heroisch vom schwulen Paar besiegt zu werden – freilich so, dass einer der beiden Liebenden sich durch Finten dem ganzen Spiel um Geld, Status und Macht zu entziehen vermag und stattdessen lieber die Liebe wählt.
Die Plots sind völlig überdreht. Auf diese Art reflektieren sie in extrem artifizieller und ziemlich durchgeknallter Form jedoch gesellschaftliche Realitäten und ignorieren andere. Insbesondere die chinesischen Produktionen, jedoch abgeschwächt auch die in anderen Ländern, geraten regelmäßig in Konflikt mit der Zensur.
Expliziter Sex taucht selten als kurz angespielt und dann eine neue Szene auf, und doch, insbesondere über Analverkehr witzeln die Autor*innen oft – auch hier sind die Regisseur*innen oft Frauen. Und es wird extrem viel geknutscht und gekuschelt.
Die Hauptfiguren bewegen sich dabei kontrafaktisch in einer Welt, in der mit einer gewissen Selbstverständlichkeit gerade auch unter Gangstern Männer miteinander Sex haben und sich lieben. In Clubs mischen sich Queers, cis und Heteros. Nur in einer Serie ist mir bisher ein explizites Coming-out vor den Eltern begegnet. Ansonsten sind die “Jungs” – die Darsteller sind alle in ihren 20ern – des Helden, die Liebhaber des Topstars unter den Motorrad-Profis in der Serie “Pit Babe”, auf der Rennbahn eine Selbstverständlichkeit.
Diese filmischen Welten mit “Heated Rivalry” zu kontrastieren, das bietet sich tatsächlich an. Schon auf Ebene der Bildsprache. Um Unterschiede festzustellen. Zumindest einige der asiatischen Serien sind hochgradig artifiziell ins Bild gesetzt und entwickeln einen eigenen “Look”, irgendwo zwischen Videoclip-Ästhetik und einer Prise David Lynch angesiedelt.
“Heated Rivalry” setzt hingegen sehr konventionell an – ein hübsch ausgeleuchteter Realismus, viele Naheinstellungen, elegante Hotels, Restaurants und Cottages. Es zeigen sich keinerlei Ambition, das Thema über die Inszenierung muskulöser Körper hinaus mit einem eigenständigen, visuellen und auch queeren “Twist” zu versehen.
Auch in dieser Serie ist Business zentral: Die Hauptfiguren, Sean Hollander und Ilya Rozanow, sind Eishockey-Profis. Sie verfügen über viel Geld, haben Sponsoring- und Werbeverträge, leben in stylishen Wohnungen und können sich ihre Cottages am See nach eigenen Entwürfen bauen lassen. Die Angst davor, entdeckt zu werden, ist in die Ökonomie ihres Jobs eingewoben. Das wird als Druck gezeichnet, aber – anders als in den asiatischen Serien oder einst in “Dallas” und “Denver Clan” – nicht problematisiert. Attacken auf die Kommerzialisierung des Sports bleiben außen vor. Es gibt auch keine fiesen Business-Intrigen oder boshaften Spielerberater.
Die muskulösen Körper der Hauptdarsteller fetischisiert die Serie und reproduziert damit etwas, was als Körperkult schwule Szenen schon immer prägte – die ersten Gay Gazetten im Hamburg der 50er-Jahre gab Rolf Putziger (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) heraus, der später Bodybuilder-Magazine verlegte und als Entdecker und Förderer von Arnold Schwarzenegger gilt. In den USA erlangte Bob Mizer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit seiner “Athletic Model Guild” eine gewisse Berühmtheit. Er produzierte Fotoserien und kurze Filme mit am Venice Beach gestählten Körpern – sozusagen die Vorreiter schwuler Pornographie. In den 50ern wurden sie von der Post allerdings tatsächlich als solche bewertet, obgleich in ihnen nur verschämt Männer posierten oder sich im Wrestling übten. Mizer wurde dennoch verhaftet. Der Körperkult prägt schwule Szenen, überbetont als “männlich” Geltendes finden viele cool und reproduzieren so binäre Schemata einer heteronormativen Ordnung. Leider wird das in “Heated Rivalry” nicht problematisiert, allenfalls da gebrochen, wo vor allem Sean Hollander Gefühl zeigt.
“Heated Rivalry” arrangiert das Beziehungsgeschehen als Verlauf einer sich über beinahe eine Dekade hinziehenden, zunächst rein sexuellen Kontakten zwischen den Hauptfiguren. Sean und Ilya haben sich immer dann, wenn sie sich nicht gerade heimlich treffen, in die Umkleidekabinen, in das sportliche Business, in Interviews und Familientreffen hineinzulügen, dort eine Tarn-Persona zu leben. Ilya Rozanow ist Russe und obwohl konstruiert eine Extra-Persona, bei deren öffentlichen Auftritten er sogar sein Englisch verzerrt und Umgangsformen “russifiziert”. Sein Vater ist bei der Mafia und Polit-Funktionär unter Putin, zudem dement - Ilya finanziert ihn und auch seinen Bruder. In Russland könnte er sich nicht outen. Er würde im Gefängnis landen, und obendrein könnten seine Sponsoren und die Sportclubs, die ihn unter Vertrag haben, rechtliche Probleme kriegen.
Die liebevolle, kanadische Kleinfamilie Seans fungiert als Kontrast zu der russischen Lebenswelt Ilyas. Attacken von rechts tauchen in der Serie gar nicht auf. Sie spielen keine Rolle. In vielen Substacks betonen Autor*innen, dass eine Art “Sehnsucht nach der Obama-Ära” durch die Serie wehen würde, und sie spielt ja auch in dieser. Dennoch sind die Reaktionen auf ein - Achtung, Spoiler!!! - vollzogenes Coming Out eines Profisportlers beinahe schon lächerlich positiv begeistert und unterstützend. Ja, auch Serien dürfen träumen. Aber so? Schön kitschig ist es. Auch in der Hinsicht, dass die “Heated Rivalry” tatsächlich ein Coming Out im “wahren Leben” nach sich zog:
Mutig. Denn, wie Nick Rafter in seinem Substack schreibt, ist, anders als vielleicht in Kanada der Preis für das öffentliche Coming Out zumindest in den USA hoch:
Scott und Kip, das ist das zweite Paar in “Heated Rivalry”. Tatsächlich hat Donald Trump nach Erscheinen der Serie “Boots” (Netflix), in der es um schwule Soldaten in einem Bootcamp geht, die dort zu “richtigen Männern” gemacht werden, auf Truth Media gegen sie geätzt. Eine geplante zweite Staffel setzte Netflix ab.
Auch in Deutschland würde aktuell vermutlich ein schärferer Gegenwind wehen als zu jener Zeit, da Hitzlsperger sich nach Karrierende outete. Schon das “Massenouting” von 185 Schauspieler*innen, “Act Out” im Jahre 2021, zog hämische Kommentare nach sich bis in die FAZ hinein - Sandra Kegel unterstellte Kalkül, nur bessere Rollen ergaunern zu wollen durch moralischen Druck -, und auch Didi Hallervorden glaubte, gegen die Schauspieler*innen kläffen zu müssen.
Aktuell ist zudem von verstärkter Agitation der AfD und ihrer Brüder im Geiste in der CDU auszugehen, und die Social Media-Kommentarspalten sollte man eh stumm schalten bei solche Themen. Als Jackson Irvine, Fussball-Profi bei FC St. Pauli und selbst nicht queer, bei einer ansonsten strikt hetero gehaltenen Party auf dem Spielbudenplatz eine Regenbogenflagge um die Hüfte schlang, hagelte es Hasskommentare bei Instagram und Facebook. Häufig anzutreffen dabei die Unterstellung, hier handele es sich um eine “Ideologie”, die Menschen ihr “natürliches Verhalten” austreiben würde. Die Berufung auf “Nation, Familie, Tradition”, wohl von Putin inspiriert, schafft es mittlerweile als Attacke auf “Linksliberale” auch bis in DIE WELT. Was da noch so alles mit gemeint ist, das ist nicht schwer zu verstehen.
Auch der australische Fußball-Nationalspieler Josh Cavallo fragte sich nach seinem öffentlichen Coming Out 2021 , ob der Schritt denn richtig gewesen sei. Er mutmaßte öffentlich, dass er deshalb nicht mehr aufgestellt worden sei, und:
So funktioniert die gesellschaftliche Dressur “devianter Minderheiten”: vom Dauermobbing im Netz bis zu subtilen oder tatsächlichen Gewaltandrohungen, auf dass sie wieder aus der Öffentlichkeit verschwinden. “Heatred Rivalry” schildert eine Welt, in der solche Folgen nach einem Coming Out nicht eintreten würden. Schön wär’s.
Dennoch: Sich verstecken zu müssen und die daraus resultierenden psychischen Folgen ist eines der beiden zentralen Themen der 6 Folgen - und das setzt die Serie sehr gut ins Bild. Niemand darf wissen, dass die Eishockey-Helden es miteinander treiben. Zudem sie auf dem Platz auch noch Konkurrenten, zwei der besten Spieler einer fiktiven Kanada-USA-Liga, sind und bei Erzrivalen spielen. .
Die Story zelebriert den Weg von reinen Sex-Dates hin zu einer intimen, auf wechselseitiger Liebe basierenden Beziehung. Ilya und Sean öffnen sich Zärtlichkeit, statt einfach nur zu ficken. Das funktioniert gut, die Erzählweise fängt den Prozess sensibel ein; insbesondere der Darsteller von Sean Hollander, Hudson Wiliams, darf hier ein nuanciertes Spiel zeigen. Die sich über beinahe eine Dekade hinziehende Affäre verwandelt sich im Laufe der sechs Folgen hin zu einer auch Hetero-Vorstellungen entsprechenden Zweierbeziehung, beinahe wie in einer Ehe.
Tatsächlich ist das ein Analogon zu den asiatischen wie auch in den USA und Großbritannien spielenden “Verticals”, also hochkant für das Smartphone gedrehten fiktionalen Serien wie z. B. “My Secret Agent Husband”. Sie werden für Apps wie z.B. “Drama Box” mit kleinen Budgets realisiert. Auch in diesen – wie in ihren asiatischen Pendants – bilden Gangstersettings erstaunlich häufig den Rahmen; die Ehe zwischen Männern fungiert in den Plots jedoch als Zentrum. Da heiraten in Drucksituationen Figuren, die vorher reine Heteros waren, aufgrund von absurden Umständen in teils unfreiwillig lustigen, völlig abstrusen Plots einen Kerl und werden anschließend auch sexuell mit ihm glücklich. Die Legalisierung von “Homo-Ehen” produzierte so neue Plots, in denen die Bindung nicht aus sexuellen Orientierungen, sondern aus Bindungen an konkrete Personen und rechtlichen Institutionen erwächst.
Die beiden Helden in “Heated Rivalry” probieren es jeweils mit Frauen, Ilya ist auch ein wenig bi, Sean ganz schwul. Zielpunkt ist klar die bürgerliche Zweierbeziehung, auch wenn sie – Achtung, Spoiler – in den ersten sechs Folgen noch nicht in eine Ehe mündet, dafür aber in Ideen einer Wirtschaftsgemeinschaft.
Die Stärke der Serie zeigt sich vor allem im Aufzeigen der psychischen Folgen des Sich-Verstecken-Müssens in einer männlich dominierten Welt. Die anrührendsten Texte zum Thema im der weiten Welt des Internets greifen diesen Aspekt auf: Nichts ist normal, wenn man in einer Heterowelt schwul begehrt. Die Sportler-Umkleidekabine wird als traumatisierender Ort heteronormativer Einübungspraxen voller “schwul mich nicht an” und “Schwuchtel”-Rufen erlebt, während nasse Handtücher auf Ärsche klatschen. Dieses Thema taucht in diversen Reflektionen der Serie in Substacks auf. Nicht zufällig ist der “Locker Room” wie alle von Homophobie durchdrungenen Locations auch oft Schauplatz schwuler Pornografie und wird so durch schwule Sexualisierung orgiastisch überwunden.
Die Texte von Fans der Serie führen aus, wie sich ein lebenslang nie zu überwindendes Radarsystem in ihren Psychen herausbildete – wo kann ich mich zeigen, ohne dass es gefährlich wird? Wem gegenüber kann ich offen reden, wenn es aufs Private kommt, auch in neuen beruflichen Situationen - also zu solchen Begebenheiten, in denen Heteros selten darüber nachdenken, ob sie nun von Frau und Kindern erzählen oder nicht? Die Betroffenen antizipieren Reaktionen und ordnen eigenes Verhalten den heteronormativen Regimen unter. So funktioniert Normalisierung. Und: Sie empfinden sich zunehmend selbst als Lügner. Das arbeitet Jay Michaelson in seinem Substack heraus:
Eine Selbstentfremdung aufgrund gesellschaftlicher Dressur , die Menschen psychisch zerstören kann. Schwulenhasser finden das gut.
DASS überhaupt eine solche Serie produziert wurde, im kanadischen Raum, nicht in den USA, wo selbst Netflix, lange bei solchen Plots vorbildlich, eine queere Serie nach der anderen cancelt, das ist großartig. Auch, dass sie einen solchen Hype entwickelt. Dass sie Frauen so anregt und eine Art Phantasma bietet, wie Erotisches gelebt werden kann, ohne zugleich aggressiver und toxischer, potenziell gefährlicher männlicher Sexualität ausgesetzt zu sein, das ist prima – bei allen eingangs geschilderten Problematiken.
Es wird statt eines Grindr-Dates nach dem anderen eine sich hin zu Zärtlichkeit und wechselseitigem Verständnis und Unterstützung des Anderen entwickelnde Beziehung gezeichnet. Das ist auch für schwule Rezipienten gut anzuschauen. “Heated Rivalry” ist zudem, was die Sex-Szenen betrifft, extrem offensiv. Sie sind lang, detailliert und schamlos, und das ist gut.
Aber: Diese Inszenierung ungebrochener, “echter” Männlichkeit und Körperlichkeit – okay, einer lässt sich gerne ficken –, die auf all das verzichtet, was sonst noch von Queers hart erkämpft wurde, das IST ein Rückschnitt. Es IST ein Rückschritt, dass, mal abgesehen von dem japanischen Bezug Seans, die Serie annähernd rein weiß operiert.
Letztlich bettet sie an Heterobeziehungen orientierte Zweisamkeit in die Kleinfamilie ein – wenn auch am Rande so etwas wie queere Community-Erfahrungen, die seit Maupins “Stadtgeschichten” und “Queer as Folk” immer zentral in den Storys waren, wenigstens kurz auftauchen.
Sie zeichnet so auch ein Bild der möglichen Anpassung an AfD, Trumpismus und all die Attacken aus dieser Ecke und projiziert die politischen Dimensionen queeren Lebens exklusiv in russische Verhältnisse hinein.
Auch in deutschen oder us-amerikanischen Zusammenhängen, ich nenne hier namentlich keine Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, formieren sich Modelle eines “patriotischen”, bürgerlichen schwulen Selbstverständnisses, das sich in konservative Weltbilder einpflegt. Das ist auch nicht neu, das gab es immer in schwulen Szenen. Es hat nur zu Zeiten, da einer von denen in der “Denkfabrik” R21 staatlich gefördert wird und bei X den rechten Lautsprecher gibt, es so auch als Interviewpartner in ARD-Dokumentationen schafft, unter Bedingungen des Putinismus und MAGA doch eine neue Qualität.
Es tauchen Tweets auf von Menschen bei X auf, bei denen man nicht mehr weiß, ob sie nun irgendeine russische Propagandamaschine erfunden hat oder ob sie wirklich leben, die dezidiert die Regenbogenflagge zurückweisen und die Deutschland-Flagge als die ihre ausweisen (nicht die der EU) – Julia Klöckner wäre begeistert. Mein Pseudonym-Account bei X wurde gesperrt, nachdem ich einen solchen Tweet kritisch kommentierte. International situieren diese Menschen sich inmitten der Schlachtrufe eines rechten Kulturkampfes “LGB without a T” oder “I’m gay, not queer”. Klar, es geht gegen trans, gegen Drag, gegen non-binär. Manche bringen sich vielleicht auch nur vorsichtshalber in Sicherheit, damit es sie nicht allzu hart treffen möge.
Andere gehen auf ihre eigene Community los, dabei auch auf Menschen, die ihnen die politischen Freiheiten erst erkämpft haben. Über rassistische Tendenzen in schwulen Szenen nun noch zu schreiben würde zu weit führen; doch ja, es gibt sie.
“Heated Rivalry” ist keine Serie, die so wirkt, als wolle sie sich in diese Stoßrichtung einfügen. Sie bleibt schwul immanent und das einfühlsam. Es besteht aber Gefahr, dass sie so vereinnahmt werden könnte.
Anders als die asiatischen Serien verhandelt “Heated Rivalry” keine ökonomischen Konflikte und Gegensätze. Den gravierenden “Klassenunterschied” zwischen einem Eishockey-Profi und einem Kellner bei einem Benefiz-Event problematisiert die Serie nicht. Sie blendet so gesellschaftliche Machtverhältnisse aus, die über Heteronormativität hinaus gehen, suggeriert noch subtil, dass das Versteckspiel vielleicht in Russland gut begründet sei, aber doch nicht in Kanada. “Heated Rivalry” verzichtet zudem weitestgehend auf die Schilderung der dunklen Seiten von Sexualität, Beziehungen und sozialen Realitäten.
Das alles macht die Serie konsumierbarer, aber auch unterkomplex. Sie kennt keine Ambivalenzen. Das ist für mich pers
önlich enttäuschend. Aber es ist unterhaltsam, geht auch emotional unter die Haut und ist sehr gut besetzt.