... oder: wie wir uns per Smartphone selbst überwachen und man mit Michel Foucault Palantir begreifen kann
Christopher Armitage verfasste am 14. Dezember für seinen Substack “Die existentialistische Republik” einen Text “Massenhaft produzierte Massenüberwachung“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der folgende Text paraphrasiert und interpretiert die Kernargumente von Christopher Armitage (2025) und stellt sie in einen systematischen Zusammenhang mit Michel Foucaults Analytik der Macht und erweitert so Armitages Diagnostik der digitalen Gegenwart.
Ein digitales Panoptikum?
Michel Foucault beschreibt in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ (1975) das Zentrum der Analytik moderner Machttechniken: das Panoptikum Jeremy Benthams. Es ist ein architektonisches Modell wie auch eine zentrale “Metapher” der Praxen anonymer Macht im Werk Foucaults. Es dient als Modell zur Illustration einer in modernen Gesellschaften wirkenden Struktur.
Das zentrale Prinzip: Gefangene sitzen in Einzelzellen, die um einen Beobachtungsposten herum angeordnet sind - und von dort aus beobachtet werden können. Sie wissen nicht, ob sich im Beobachtungsposten überhaupt jemand befindet, der sie tatsächlich gerade überwacht. Die bloße Möglichkeit der Überwachung erzeugt Selbstdisziplinierung – denn es drohen Sanktionen bei Fehlverhalten. Die Macht wird internalisiert. Personen fangen an, ihr Verhalten so zu ändern, dass sie Strafen, initiiert durch einen anonymisierten Blick, vermeiden. Videoüberwachung im öffentlichen Raum kann ähnliche Effekte haben (und sollen das ja auch).
Während sie beobachtet werden, erfahren Personen Individualisierung durch Macht erst generierende Prozesse. Es werden Daten und Informationen über sie in Akten gesammelt: Fallstudien, Testergebnisse, Expertisen von Sozialarbeitern und Psychiatern. Am Leitfaden abstrakter Wissenskonfigurationen können diese Informationen Urteile über Personen erlauben. Konzeptionen dessen, was normal und erwünscht und was zu sanktionieren, was einzusperren oder auszugrenzen sei, sind Effekt dieses Wissens über Menschen und ihr Verhalten - Foucault schreibt von “Humanwissenschaften”. Das können Psychologie, Soziologie oder auch Psychiatrie sein. Deren Wissen nutzt z.B. das Justizsystem, indem es Gutachten zu Verhaltensprognosen, Motiven und psychologischen Mustern erstellt. Es entsteht so eine Wahrheitsapparatur über Personen durch eine insofern anonyme Macht, das die Wissenssysteme und ihre Annahmen über die menschliche Psyche am Leitfaden der Unterscheidung normal/anormal, gehört dazu/gehört nicht dazu, krank/gesund usw. als Kriterien der Diagnostik Einzelner (bzw. Vereinzelter) verwenden. Und das, um ihnen ihren Ort in oder außerhalb “der Gesellschaft” zuzuweisen.
Die so hergestellte Sicht auf die 1. Person Singular aus der Perspektive der 3. Person Singular mit Objektivitätsanspruch bildet eine manifeste soziale Realität. Es wird als tatsächlich allerlei behauptet, so auch Annahmen über die “inneren Vorgänge” menschlicher Wesen - Motivationen, psychische Dispositionen, Charaktereigenschaften, Gefühlslagen, auch klinische Zuschreibungen für als pathologisch interpretierte Zustände. Das führt dazu, dass Menschen sich dazu verhalten müssen - ob sie wollen oder nicht, geraten sie in die Fänge der Macht und ihrer Institutionen.
Ein aktuelles Beispiel ist die Behauptung von “Arbeitsverweigerern” im Kontext der Grundsicherung. Sachbearbeiter in Arbeitsagenturen wenden solche Kriterienkataloge auf Einzelfälle an, um sie mittels administrativer Macht erst zu individualisieren (trifft zu/trifft nicht zu) und sodann ggf. zu sanktionieren. Auf Basis der Aktenlage.
Dass sich in verdateten Gesellschaften solche Mechanismen intensivieren, ist in Zeiten der Bewegungsprofile, der Digitalen Patientenakte, von Staatstrojanern und Chat-Überwachung offensichtlich.
Es entsteht eine Art Doppel der Person von Codes in Zeugnissen bisheriger Arbeitgeber bis hin zu Gesichtserkennung, die als Daten dann, wird er zum “Target” erklärt, als Profil sein Leben nachhaltig beeinflussen können. Ich gehe hier etwas über Foucault hinaus; bei ihm wirkt die Disziplinarmacht auch stark auf die Körper - im Militär, in Fabriken, in Schulen, in Krankenhäusern; auch diese Struktur der “Verdoppelung” entsteht durch die Hinzufügung einer Seele, der Psyche der modernen Psychologie, zum Körper. Sie wird als korrigier- und formbar angenommen, als therapierbar, in jenen Wissenssystemen, die sich um sie herum gruppieren.
Die Verdoppelung durch Daten erscheint mir aktuell jedoch noch stärker zu wirken. Wie der Fall trans zeigt, strukturieren auch weiterhin Psychiatrisierungen die Datenmengen, jedoch auch viele andere Komponenten und Faktoren.
Foucault betonte somit, dass Macht produktiv sei, nicht repressiv – sie generiert Wissensbestände, die Machtwirkung entfalten. Sie formt Subjekte und deren Verhalten, ggf. auch Selbstverständnisse, statt sie zu unterdrücken.
Bewegungen im Raum und Daten als Geschäft
In der digitalen Gegenwart zeigt sich diese produktive Dimension deutlich: Diese Individualisierungspraxen, also der Zugriff auf Vereinzelte mit Hilfe ihrer Doppel, ist zu einem profitablen Geschäftsmodell avanciert - buchstäblich ein Produktionszweig in globalen Ökonomien.
Geht man mit Foucault davon aus, dass es formale Strukturen sind, die Sinn und Bedeutung erzeugen, vollzieht sich diese Sinnfabrikation aktuell in komplexen digitalen Tools. Und das da, wo Foucault sie noch gar nicht vermuten konnte. Wir bauen uns die Zellen für den panoptischen Blick selbst. Mit unseren Smartphones.
Foucault schrub noch von der “Parzellierung des Raumes”. Um den Standort der Individualisierten in Territorien erfassen zu können, wurden ganze Städte zu Rastern geformt. Historisches Beispiel sind die Boulevards des Stadtplaners Haussmann in Paris. Wie Schneisen wurden sie durch das Gewimmel der Elendsquartiere, potenziellen Orten des Widerstandes, gezogen. Das Abreißen der Gängeviertel in Hamburg kann ebenso als Beispiel dienen. Ursprünglich begründet mit der Eindämmung der Cholera-Epidemie, diente die Sanierung dieser engen, von Fachwerkbauten gerahmten Gassen zugleich als Methode der “Sozialhygiene”. Die letzten ließen die Nationalsozialisten abreißen. Auch der Stadtplan Manhattans weist eine solche Rasterung auf.
Personalisierte Tickets in Fußballstadien sind ein weiteres Beispiel einer solchen “Individualisierungs”praxis, wenn zugleich Datenbanken zu “Gewalttätern Sport” angelegt werden. In die kann man auch geraten, wenn man z.B. im Falle einer Schlägerei nur daneben steht. Das dient der “Milieukonstruktion”. Es werden aus Individuen Gruppen erzeugt, die als potenziell zu sanktionieren oder aber als ein- oder auszuschließen behandelt werden.
Diese “Parzellierung des Raumes” ist dank der Smartphones dynamisch geworden. Nunmehr ist es möglich, mit ihnen Standorte von Personen zu orten (wie jeder Krimizuschauer weiß) oder auch Bewegungsprofile zu erstellen. Wie Armitage darlegt, sammeln alltägliche Anwendungen, angefangen von Wetter-Apps, kontinuierlich Standortdaten und verkaufen diese an kommerzielle Datenbroker. Ein Unternehmen wie Venntel verarbeitet täglich Positionsdaten von 250 Millionen Mobilgeräten – eine Datenmenge, die 15 Milliarden einzelne Standortpunkte pro Tag umfasst (Armitage, 2025, mit Verweis auf ACLU-Dokumentation).
Und das ganz legal. Das Tracking ist allen bewusst, und viele lassen, bevor sie auf eine Demo gehen, das Handy auch lieber zu Hause, kommunizieren über Signal statt über Whatsapp oder gehen getarnt ins Netz. Doch auch zunächst harmlos erscheinende Apps können potenziell oder solche Daten einsammeln; neuerdings auch KI-Anwendungen, Übersetzungstools und selbst Programme wie Word, die im Falle eines Abonnements mit Microsoft-Servern kommunizieren.
Die Verdoppelung der Person durch über sie gesammelte Daten erfolgt nunmehr mit einer Genauigkeit, von der die Stasi nur träumen konnte. Über den Gebrauch von Apps lässt sich ALLES erfassen - Geschmack und Bedürfnisse und auch Kaufverhalten, allerlei Präferenzen von der liebsten Netflix-Serie bis hin zu Pornos, Dating-Verhalten, Netzwerke, in denen kommuniziert wird, politische Einstellungen, ja, welcher Fußballverein präferiert wird und zur Ausübung welchen Hobbies man sich wo wahrscheinlich aufhalten wird. Zahlungsvoränge können ebenso erfasst werden wie SMS.
Während der Oberste Gerichtshof 2018 der USA in der Entscheidung Carpenter v. United States feststellte, dass für den Zugriff auf Mobilfunkstandortdaten ein richterlicher Beschluss erforderlich ist, umgehen nicht erst unter Trump Bundesbehörden diese Auflage durch den Ankauf identischer Daten von kommerziellen Anbietern (Armitage, 2025).
Mit Foucault kann man hier ein Beispiel für die Mikrophysik der Macht erkennen: Die Überwachung operiert nicht durch spektakuläre Repression, sondern durch subtile Verschiebungen rechtlicher Grenzen und ökonomischer Transaktionen und individualisiert so User. So können sie potenziell administrativen und polizeilichen Organen oder paramilitärischen Einheiten zugänglich zu gemacht werden. Während Foucaults Disziplinargesellschaft in geschlossenen Räumen operierte oder in parzellierten Territorien – Gefängnis, Fabrik, Schule, Kaserne – ist die zeitgenössische Überwachung grenzenlos und mobil. Sie wirkt kontinuierlich, mutiert und wuchert.
Die von Armitage beschriebenen Systeme sind Mittel zu dieser prozess- und auch auf Identiäten bezogenen Machttechniken. Automatische Kennzeichenerfassungssysteme wie jene von Flock Safety protokollieren monatlich über 20 Milliarden Nummernschilder in mehr als 5.000 Gemeinden der USA. Gesichtserkennungsdatenbanken wie Clearview AI verfügen über 50 bis 60 Milliarden Bilder aus öffentlich zugänglichen Quellen. Social-Media-Überwachungsplattformen wie Dataminr analysieren Social-Media-Beiträge in Echtzeit und übermitteln diese direkt an Strafverfolgungsbehörden (Armitage, 2025).
Was diese Systeme verbindet, ist ihre Fähigkeit zur Integration. Mindestens 80 Fusionszentren in den USA verknüpfen unterschiedlichste Datenquellen – von FBI-Datenbanken über kommerzielle Datenbroker bis zu lokalen Polizeisystemen. Real-Time Crime Centers kombinieren Live-Videostreams, Drohnenaufnahmen, Kennzeichenlesegeräte und soziale Medien in einheitlichen Dashboards (Armitage, 2025). Das Resultat ist nicht mehr die Überwachung einzelner Orte, sondern die lückenlose Erfassung von Bewegungsmustern, sozialen Netzwerken und Verhaltenstendenzen. Diese Methoden nutzen aktuell die mittlerweile berühmt-berüchtigten Einheiten der Einwanderungsbehörde ICE in den USA.
so formuliert es Juan Sebastian Pinto im “Guardian”. Es ist Software, die bereits in einigen Bundesländern zum Einsatz kommt oder zum Einsatz kommen soll und Innenminister Dobrindt zufolge auch auf Bundesebene. Das sind m.E. keine Tools für Demokraten. Eine Regierung mit verfassungsbasiertem Selbstverständnis setzt einfach nicht multiplizierte Stasi-Techniken gegen die eigene Bevölkerung ein, selbst wenn sie behauptet, dieses diene der Gefahrenprävention oder der Strafverfolgung. Weil eben potenziell JEDER zum Target werden kann und zudem nicht auszuschließen ist, dass diese Software gehackt und missbraucht wird. Demokratische Regierungen stellen nicht ihre Bürger*innen unter Generalverdacht, um sodann in Prozessen, die Computer Bedienende vermutlich noch nicht einmal selbst verstehen, von US-AI getrieben Handlungen auszulösen, die potenziell Menschenleben gefährden können.
Das sind tendenziell totalitäre Systeme. Kommt noch Drohnen-Einsatz hinzu, verselbstständigen sich die Maschinen wie in Science-Fiction-Dystopien. Es existieren bereits Prognostiken nicht etwa durchgeknallter Verschwörungstheoretiker, sondern ernstzunehmender Wissenschaftler, dass solche Entwicklungen nicht unwahrscheinlich sind.
Das Wissen-Macht-Dispositiv der Technologie-Oligarchie
Foucaults Konzept des Wissen-Macht-Dispositivs beschreibt, wie Wissensproduktion und Machtausübung untrennbar verbunden sind - siehe oben. Wer die Definitionen kontrolliert, wer klassifiziert und kategorisiert, wer Informationen über die Instrumente der Datenerhebung systematisiert und Zugänge zu ihnen verkaufen oder auch selbst nutzen kann, der verfügt über Macht.
Die Wissensproduktion folgt dabei nicht mehr “humanwissenschaftlichen” Kriterien wie im Werke Foucaults. Die Ziele freilich sind durchaus ähnlich - weil der Ethnonationalismus zur dominanten Doktrin vieler westlicher Regierungen geworden ist. “Ethnonationalismus” heißt: Nur jene gelten als einer Nation zugehörig, die zu einer auch “rassisch” bestimmten Abstammungsgemeinschaft gezählt werden. Diesen werden bestimmte Verhaltensdispositionen, eingeübte kulturelle Praxen und Internalisierung von Konventionen als psychisches Kerninventar angedichtet, Macht ist produktiv, und in der Fabrikation von Traditionslinien verortet.
Foucault analysierte in “Sexualität und Wahrheit 1: Der Wille zum Wissen” (Foucault 1983), wie in diesen Abstammungsregimen fortpflanzungsorientierte Sexualität in den “Humanwissenschaften” das Zentrum bildete - jedoch, um die Abweichungen von dieser erst wissenschaftlich zu produzieren und sodann zu sanktionieren, zu therapieren, zu internieren oder zu exkludieren.
Das ist, mit anderen Worten, der Zusammenhang zwischen Rassismus, Queerfeindlichkeit und dem Kampf gegen die Selbstbestimmung von Frauen in der Abtreibungsfrage. Nur “reine” Abstammungslinien sind erwünscht, wer sich nicht fortpflanzt, trägt zum “Volkstod” bei (so die verstrahlten Nazi-Kids in Sachsen und anderswo; christliche Kirchen in afrikanischen Ländern sprechen auch vom “Baby-Holocaust” wegen all des vergeudeten Samens und all der ungenutzten Eizellen) und ebenso Frauen der richtigen ethnischen Zugehörigkeit, die keine Gebärmaschinen sein wollen - und wenn dann noch binäre Geschlechtlichkeit in Frage gestellt wird, dann bricht das ganze Schema in sich zusammen. Nicht zufällig trifft es aktuell in der Datenauswertung auch diese Gruppen nicht nur unter dem Trump-Regime besonders stark. Und es kann sich ja jeder selbst denken, wie alleine durch die Nutzung von Apps Zugehörige zu als deviant erklärten Gruppen in Echtzeit individualisiert werden können in Zeiten all der Daten-Doppel.
Armitage nennt auch die allseits bekannten Profiteure: eine kleine Gruppe von Technologie-Oligarchen hat die Überwachungsinfrastruktur derzeit fest im Griff. Sie übt nicht nur politischen Einfluss aus, sondern mischt in der Exekutive aktiv mit (Elon Musk) und fördert politische Akteure. So Peter Thiel. Er gründete Palantir Armitage zufolge mit Risikokapital der CIA und benannte es nach den Sehsteinen aus Tolkiens „Herr der Ringe“ – jenen magischen Objekten, mit denen der dunkle Herrscher seine Feinde überwachte.
Palantir entwickelt heute die Softwareplattformen, die unterschiedliche Überwachungssysteme integrieren und durchsuchbar machen (Armitage, 2025) - und die zunehmend auch in Deutschland eingesetzt werden. Wer naiv ist, mag Verlautbarungen glauben, dass diese Systeme abgekoppelt von Thiel operieren würden - der schon in Greta Thunberg den Antichristen sah und in obskuren, von Rom getrennten katholischen Sekten aktiv ist. Ob so eine Trennung von den US-Datenbanken z.B. Palantirs technisch wirklich erfolgt, das wissen freilich nur jene, die solche Software programmierten. Ich persönlich traue deutschen Sicherheitsorganen da keinerlei Expertise zu, und die Frage ist auch, ob sie diese Daten überhaupt absichern wollen. Die Techno-Oligarchen sind zu übermächtigen Playern in der internationalen Politik geworden und gehen auch frontal - zum Teil Hand in Hand mit der US-Regierung und deren Umfeldern - gegen sich nicht fügende Regierungen vor, indem sie rechte Parteien stützen und unter dem Deckmantel der “Meinungsfreiheit” Propagandaschleudern wie X bespielen.
Die Verschmelzung von ökonomischer und politischer Macht wird besonders deutlich in der Besetzung von Schlüsselpositionen. JD Vance, Vizepräsident der USA, erhielt 15 Millionen Dollar Wahlkampfunterstützung von Thiel. Mehrere ehemalige Führungskräfte aus Thiels Unternehmensnetzwerk besetzen heute zentrale Positionen in der US-Bundesregierung. Elon Musk, der über 250 Millionen Dollar für Trumps Wahlkampf spendete, leitete das neu geschaffene Department of Government Efficiency (DOGE), das Zugang zu sensiblen Datenbanken von mindestens 15 Bundesbehörden erhielt (Armitage, 2025).
Palantir-Software dient auch der ICE zum Targeting. Zunehmend weht ein Raunen durchs Netz, dass in Gaza diese Techniken getestet wurden, die nun durch die US-Einwanderungsbehörde Einsatz finden. Tatsächlich gibt es meinen Netz-Recherchen zufolge auch eine Zusammenarbeit zwischen der Netanjahu-Regierung, der IDF und Palantir. Es gibt solche Kooperationen auch zwischen Groß Britannien und dem Software-Giganten, bevor hier jemand “Doppelstandards” ruft. Analoge Einsätze zu denen in Gaza, initiiert durch die britische Regierung, wären mir jedoch nicht bekannt.
schreibt dazu Juan Sebastian Pinto. Pinto arbeitete selbst für Palantir (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Palantir mischt also überall mit - auch in Deutschland, das ja bekanntlich Gillamoos ist, nicht Kreuzberg.
Algorithmen als Tiefenstruktur der digitalen Kommunikation
Palantir arbeitet wie alle anderen auch mit Algorithmen. Foucault operiert in seinen Analysen seit “Die Ordnung der Dinge” mit einer der Linguistik entlehnten Annahme. Sprachen besitzen durch ihre Grammatik über eine formale Tiefenstruktur, die einzelne, materiale Sätze in ihrer Oberflächenstruktur generiert. Dazu gibt es hochkomplexe Studien, wie sich nun beides beeinflusst, Tiefen- und Oberflächenstruktur.
Aber die Grundanahme ist als solche ist auch so verständlich: durch Subjekt-Prädikat-Objekt, Tempi, Verknüpfungen, zeitlichen Modi, Wortschatz, Zeichensetzung, phonetischen Regeln usw. ist eine Struktur schon da, auf der basierend konkrete Sätze entstehen und wie diese hier erst verständlich werden. Algorithmen kann man als eine solche Tiefenstruktur digitaler Kommunikation - auch das Auswählen eines Menschen als Ziel für die Hinrichtung durch eine Drohne ist Kommunikation - begreifen.
Die Algorithmen in sozialen Medien sind Sujet bereits in unzähligen Youtube-Videos - weil jene, die dort Geld verdienen müssen, von ihrem eigenen Traffic Rückschlüsse darauf ziehen, was bei Instagram oder TikTok gerade gut läuft. Bei X ist der Algorithmus, zumindest lassen Beobachtungen darauf schließen, derzeit so programmiert, dass vor allem rechte bis rechtsradikale Inhalte gepusht werden. So kommt es zur Produktion von “Weltbildern”, anachronistisch gesprochen, durch Algorithmen, die dann, wenn die Referenz politischer Entscheidungen die Massenkommunikation bei X ist, tatsächlich zu einer Verwechslung von X mit der Wirklichkeit führen können. Wenn alle dort gegen Veganer wettern, dann denken unsere Wähler*innen wohl auch so.
Diese Algorithmen produzieren auch Normalisierungsmuster im doppelten Sinne: rechte Positionen werden normalisiert, und wer sich dieser Normalisierung nicht fügt, wird zunächst im Netz, dann auch im wahren Leben als “anormal” bekämpft.
Dabei entsteht beinahe das, was die ältere Systemtheorie als “System-Umwelt”-Beziehung fasste: Die durch Algorithmen fabrizierte Kommunikation über Wirklichkeit beginnt sich zu schließen. Es bildet sich ein Kommunikationssystem, das zuerst eine “innen” und “außen” Systemgrenze definiert. Intern folgt die Operationsweise den Annahmen über die Wirklichkeit, die von Algorithmen gefiltert werden. Alles andere wird zur Umwelt, die es zu beherrschen, zu vertreiben oder zu vernichten gilt: Linke, Muslime, Queers, Veganer, Klimaschützer, neuerdings auch Linksliberale, Araber, Schwarze, selbstbestimmte Frauen, die Männer auslachen, statt zu gehorchen usw..
Innnerhalb des Kommunikationssystems bestätigen dessen Elemente, die User, sich selbst “Selberdenker” und “mündig” zu sein - während sie alle das gleiche schreiben. Die Inhalte sind vor allem durch die Systemgrenze bestimmt. “Es spricht in ihnen”, sozusagen. Sie sind nur noch Durchlauferhitzer für die neuesten Meme, Aufreger und Entmenschlichungstakes der Neuen Rechten und der fortschreitenden Faschisierung - tatsächlich angeschlossen an eine Art kognitiver Matrix der durch Algorithmen generierten Mustererkennung, auf die sie nur noch reagieren wie unter Hypnose. Diese eher flapsige Anwendungen der Systemtheorie hält Diplomarbeiten nicht stand und ist feuilletonistisch, klar. Aber etwas anderes soll dieser Text ja auch gar nicht sein. Eine solche Analyse der Ordnungsmuster von Aussagen mündete bei Foucault in die berühmte “Diskursanalyse”.
Die zeitgenössische Überwachung automatisiert diese Normalisierung durch Algorithmen. Armitage dokumentiert das Beispiel der geheimen Palantir-Partnerschaft in New Orleans, wo zwischen 2012 und 2018 Risikobewertungen für etwa 3.900 Personen erstellt wurden – ein Prozent der städtischen Bevölkerung, markiert durch einen Algorithmus, dessen Existenz selbst dem Stadtrat unbekannt war (Armitage, 2025).
Die algorithmische Kategorisierung schafft unsichtbare Hierarchien. Menschen werden als „Risiko“ klassifiziert, ohne die Kriterien zu kennen, nach denen diese Bewertung erfolgt. Sie haben keine Möglichkeit, sich zu rechtfertigen oder die Kategorisierung anzufechten, da die Algorithmen proprietär sind und ihre Funktionsweise als Geschäftsgeheimnis geschützt wird.
Besonders problematisch ist, wie Armitage aufzeigt, die rassistische Dimension dieser Technologien - siehe oben: sie folgt ethnonationalistischen Kriterien. Alle dokumentierten Fälle unrechtmäßiger Verhaftungen aufgrund von Gesichtserkennung in den USA betrafen schwarze Personen – darunter Robert Williams, Nijeer Parks und die schwangere Porcha Woodruff, die während der Haft Wehen bekam (Armitage, 2025). Foucault würde hier einen Zusammenhang zwischen der scheinbar neutralen Technologie und historisch gewachsenen Herrschaftsstrukturen erkennen, die freilich nicht wie ein Automotor einfach nur zum Fahren dient. Es sind Systeme, die Wissen, Sinn und Bedeutungen produzieren - die zu administrativen Maßnahmen führen.
Auch wenn die Entwicklung von Social Scoring Systemen wie in China, abgesehen von Bonitäts- und Kredivergabeprüfungen, noch ein wenig entfernt ist: diese Technologien formen Verhalten. Larry Ellison, Gründer von Oracle und viertreichster Mensch der Welt, verkündete öffentlich: „Die Bürger werden sich von ihrer besten Seite zeigen, weil wir ständig alles aufzeichnen und melden, was vor sich geht“ (zitiert nach Armitage, 2025). Peter Thiel schrieb 2009: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind“ (zitiert nach Armitage, 2025).
Dieses ergänzt die Anonymität der Macht, die in Apps lauert - deren ökonomische Form ist die Oligarchie. Es kombiniert Machttechnologien des Foucaultschen Typs mit neofeudalen Strukturen. Es bilden sich Aristokratien, die offen ihre Verachtung für demokratische Prinzipien artikulieren und gleichzeitig über die technischen Mittel verfügen, diese Haltung in politische Realität umzusetzen, die ihren und nur ihren eigenen Interessen dient.
Im Falle der Foucaultschen Disziplinen dienten diese historisch dazu, angesichts brutaler Gewalt z.B. bei Hinrichtungen z.B., einer Intensivierung und flächendeckenden Ausbreitung der Macht einen humanistischen Anstrich zu verleihen. Statt des punktuellen, grausamen Spektakels, bei dem die Strafe mit der Tat zu korrespondieren hatte, wirkte nunmehr die Durchdringung der ganzen Gesellschaft mit Disziplinen. Neu ist, dass diese einst durch die Suggestion (und im Vergleich mit Vierteilungen auch tatsächlich humaneren) von Menschlichkeit legitimierten Praxen in der Oligarchenwelt ihre Unmenschlichkeit offen ausstellen. Sie verzichten auf jede Tarnung, sondern stellen ihren Sadismus offen aus vor einem Publikum, das mittlerweile an Bilder der Gewalt und Qualen von “Saw” bis “Squid Game” gewohnt ist - so dass manche dem zusehen wie einer besonders abgründigen und dennoch unterhaltsamen Reality-TV-Show.
Die Aushöhlung rechtlicher Kontrolle
Eine der provokativsten Thesen Foucaults besteht darin, dass die Entwicklung des modernen Rechtsstaates auf Basis allgemeiner Grundrechte und der Gewaltenteilung von den “Disziplinen” unterlaufen würde. Mögen die abstrakten Prinzipien formal auch gelten, so werden sie dadurch, dass z.B. Gutachter mit psychiatrischen Mitteln vor Gericht das materiale Wissen bereitstellen, an die Humanwissenschaften delegiert. Oder auch durch neue Polizeigesetze, Platzverbote, Videoüberwachung und anlasslose Personenüberprüfung an Sicherheitsorgane übertragen. Die Verweigerung der Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte ist ein Beispiel für die anonyme Macht, um die es Foucault geht. Das ist alles ist für Foucault bereits Motor für die Entwicklung des Polizeiwesens im 19. Jahrhundert.
Armitage dokumentiert das aktuelle Unterlaufen des Rechtssystems durch von Algorithmen gesteuerten Disziplinen am Leitfaden gescheiterter rechtlicher Eindämmung der neuen Praxen sozialer Kontrolle in den USA. Das Total Information Awareness-Programm, das die Erfassung und Speicherung der persönlichen Daten aller US-Bürger vorsah, wurde 2003 vom Kongress gestoppt. Laut investigativen Recherchen wurden jedoch sämtliche Komponenten in den geheimen Bereich der National Security Agency verlagert und mit neuen Codenamen weitergeführt (Armitage, 2025, mit Verweis auf Shane Harris). Edward Snowdens Enthüllungen 2013 bestätigten, dass die NSA tatsächlich „fast alles, was ein Nutzer im Internet tut“, verfolgen konnte (Armitage, 2025).
Diese Muster setzen sich fort. Als US-Bundesgerichte im Jahr 2025 entschieden, dass die Datenzugriffe des DOGE wahrscheinlich gegen das Privacy Act verstoßen, hob der Oberste Gerichtshof mit einer 6:3-Entscheidung die Verfügungen auf und stellte den Zugang wieder her (Armitage, 2025). Die rechtlichen Institutionen, die als Kontrollinstrumente konzipiert wurden, werden selbst zu Instrumenten der Legitimierung.
Wahrheit?
Nun im Gegenzug allein “Wahrheit!” zu rufen greift zu kurz. Dass Foucault in seiner Kritik des Wissens/Macht-Komplexes auch gleich die Wahrheit als solche abgeräumt habe, das gehört zu den Standard-Kritiken an seinem Werk. Nur: die digitalen Regime SIND Wahrheitsregime. Es ist nicht unwahr, dass sich Person X zum Zeitpunkt Y an Ort Z befunden hat, dass die biometrischen Daten von Person B Punkte zielsicher in ihrem Gesicht erfassen oder Person A gerne Gay Porno guckt, bei IKEA an der Großen Bergstraße einkaufen geht, eine Dauerkarte beim HSV besitzt, mit einer Frau verheiratet 3 Kinder großzieht und bei Instagram die Linke liket. Es entsteht eher ein Tableau der Repräsentation von individualisierten Bevölkerungen. Es handelt sich auch um valides Wissen.
Welche Art von Wahrheit - z.B. im Sinne Hannah Arendts - dagegen ins Feld geführt werden kann und auf welche Aspekte der Wirklichkeit man sich dabei bezieht, das ist aktuell die sich stellende Frage. Und: auf Basis welcher normativen Kriterien üben wir Kritik?
Es müssen eher die Algorithmen, deren Kriterien, die Verknüpfungen und Meta-Ebenen zu den erhobenen Daten attackiert werden wie auch, DASS sie überhaupt erhoben und zur Ware werden können, von der Exekutive miss- und gebraucht.
Von Foucault kann man zudem lernen, dass es kein Außerhalb der Macht gibt. Foucaultsche Strategien setzen immanent auf deren Zersplitterung, damit sich Macht nicht so sehr verdichten kann, dass sie zu totalitärer Herrschaft sich transformiert. Auch Armitage setzt eher auf Mikropraxen, die an der Basis Machtballungen die konzertierte Aktion von Oligarchen und Trump-Regime sabotieren.
Welche das sein könnten - diese Frage stellt sich auch in Deutschland, je stärker die Regierungspolitik ethnonationalistischen Mustern folgt und dabei auch Palantir-Software einsetzt. Wohin diese Verwendung führen, bekommt die AfD sie in die Finger, dazu bedarf es keiner allzu ausgeprägten Vorstellungskraft.
Literatur
Primärquelle:
Armitage, Christopher (2025): „Die existentialistische Republik: Massenhaft produzierte Massenüberwachung“, The Existentialist Republic (Substack), 14. Dezember 2025.
Bezüge und Ergänzungen:
Foucault, Michel (1975): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses.
Foucault, Michel (1983): Sexualität und Wahrheit 1. Der Willen zum Wissen.
Pinto, Juan Sebastian (2025): Palantir’s tools pose an invisible danger we are just beginning to comprehend, The Guardian, 24. August 2025
Ausgewählte Quellen aus Armitage (2025):
Die folgenden Quellen werden von Armitage zitiert und bilden die empirische Grundlage seiner Analyse:
ACLU (2022): „New Records Detail DHS Purchase and Use of Vast Quantities of Cell Phone Location Data“, 18. Juli 2022.
Carpenter v. United States, 585 U.S. 296 (2018).
Garvie, Clare / Bedoya, Alvaro / Frankle, Jonathan (2016): „The Perpetual Line-Up: Unregulated Police Face Recognition in America“, Georgetown Law Center on Privacy & Technology, 18. Oktober 2016.
Harris, Shane (2010): The Watchers: The Rise of America’s Surveillance State. New York: Penguin Press.
Pell, Stephanie K. / Stewart, Josie / Tanner, Brooke (2025): „Privacy Under Siege: DOGE’s One Big, Beautiful Database“, Brookings Institution, 25. Juni 2025.
Winston, Ali (2018): „Palantir hat New Orleans heimlich genutzt, um seine Technologie zur prädiktiven Polizeiarbeit zu testen“, The Verge, 27. Februar 2018.
Eine vollständige Liste aller 46 Quellenangaben findet sich im Originalartikel von Armitage (2025).