
11/12/25
Liebe Leute,
das Jahr 2025 neigt sich dem Ende zu, und anstatt mit diesem Text neue Konfliktlinien aufzumachen, von denen ich glaube, dass sie nächstes Jahr einen erheblichen Teil der Debatte um das Thema “Wie weiter im Kollaps?” bestimmen werden – vor allem diese: ich möchte mit der deutschen Linken ein Gespräch darüber führen, dass sie zunehmend eine ethisch vollkommen inkohärente Position vertritt, die ich mit “imperiale Lebensweise, aber für Alle (in Deutschland, außer den Milliardären)!” übersetze, oder etwas einfacher: “Billiges Wohnen, billiges Autofahren, billigen Urlaub fürs Volk!” - sollte ich das Jahr vermutlich auf einer etwas versöhnlicheren Note beenden.
On the other hand, was meint jetzt “versöhnlich”? In der Realität heißt das meistens “verdrängend”, weil die meisten von uns, auch Linke, auch Ökos, sich in einer immer widerlicher werdenden Realität oft auf die Position zurückziehen, dass die Person für die Störung unseres Seelenfriedens verantwortlich ist, die auf Probleme hinweist, die wir nunmal ignorieren wollen.
Probleme des kalten Entzugs
Ist ja auch klar: wir sind eine Gesellschaft von hopium-Junkies, auch das Kollektivsubjekt “Spätimperiale deutsche Beutegemeinschaft” ist ein hopium-Junkie, und wer versucht, Junkies ihren Stoff wegzunehmen, stößt damit meist nicht auf Gegenliebe. Und wenn wir das Problem politischer Kommunikation im Kollaps mal durch die Brille dieser Metapher (naja, Metapher: ehrlich gesagt halte ich die These “Hopium/Verdrängungskommunikation wirkt wie eine Droge, und Menschen verhalten sich dazu wie zu einer Droge” für derartig stark, dass sie keine Metapher darstellt, sondern die direkte, präzise Beschreibung der Wirkungsweise von Verdrängungsdiskursen) betrachten, wie ich das kürzlich im Gespräch mit einem alten Freund und Klimagenossen tat, dann zeitigt das recht schnell ein paar sehr interessante Einsichten.
Erstens: die radikale “Kein Hopium für Niemand, nirgendwo!”-Forderung überfordert die meisten Menschen, MUSS sie überfordern, weil... naja, wir sind halt fast Alle Hopium-Junkies. D.h. aber nicht, dass diese Abhängigkeit sich für uns krisenhaft darstellt, tatsächlich ist ständig high auf hopium zu sein erstmal angenehmer, als der Entzug, und die Situation nach dem Entzug. Dann gibt's zwar keine allzu schlimmen cravings mehr, das Hirn zittert nicht ständig wegen der Erfahrung, nüchtern durch diese Dreckswelt stiefeln zu müssen, aber dieser hübsche Schein, der über allem liegt, ist weg, die Farben sind weniger intensiv, die Realität glitzert weniger (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wenn wir sie ohne Drogeneinfluss betrachten (believe me, I know).
Daraus lässt sich etwas ableiten, das ich zwar weiß, aber viel zu selten berücksichtige: dass die Forderung, sofort Alles ohne Verdrängungsbrille zu betrachten, eine Verdrängungsgesellschaft überfordert, dass auch linke und Ökobewegungen Teil der Verdrängungsgesellschaft sind, und ich deshalb mit dieser Forderung nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine eigenen Leute überfordere. Wäre das hier ein Gespräch über Drogen im Sinne illegalisierter Rauschmittel, wäre ich no doubt verständnisvoller, weil ich weiß, dass Menschen, die von Drogen abhängig sind, zu bestimmten Dingen überhaupt nicht der Lage sind. Zum Beispiel, dass sie nicht der Lage sein werden, ihre Droge nicht mehr zu wollen, wenn sie absolut jeden Tag in jeder Kommunikation mit dem Angebot konfrontiert sind, doch wieder an der Hopium-Pfeife zu nuckeln, weil high sein angenehmer ist, als nicht high sein. Diese Tatsache gilt in einer hopiumabhängigen Verdrängungsgesellschaft auch für Klimas, auch für Linke.
Wie würde ein Entzugsprogramm aussehen?
Gestern hatten wir in einer Bewegungsvernetzungsgruppe ein Gespräch, das sich zwischen diesen zwei Polen bewegte: einerseits die radikale “Kollaps und Katastrophe sind die Zukunft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”-Position, die glaubt, dass Kollaps eine neue Phase der Weltgeschichte darstellt, andererseits die “sozio-ökologischer Kollaps ist ein Thema unter vielen, weshalb wir auch nur sehr begrenzt unsere bisherigen Strategien und Praxen anpassen müssen”-Story, die... naja, die sich halt ziert, die neue Welt im Kollaps als solche zu akzeptieren, weil dies zu tun einfach zu schwierig und unangenehm wäre.
In diesem Gespräch wurde noch einmal klar, dass der mangelnde Uptake der Kollapsgeschichte im linken und ökologischen Bewegungsfeld auch daran liegt, dass wir auch unsere aktivistische Basis (aus Klima- und anderen linken Bewegungen) mit unserer Story überfordern: zu sagen “Alles ändert sich, Alles, was ihr macht, muss sich ändern, und Ihr müsst euch komplett ändern!” ist einfach zu sehr... kalter Entzug, das KANN diskursiv nicht gutgehen, da ist es völlig logisch, dass die Leute sich in Schutzkonstruktionen flüchten, die es einem erlauben, einen Teil der Realität anzuerkennen, erhebliche Teile davon aber weiterhin zu verdrängen.
Das stellt die Frage: wie würde eine Intervention, wie könnte ein Entzugsprogramm aussehen? Erstens, apropos Intervention (Kommunikationsstrategie) muss ich eingestehen, dass ich in meiner Kommunikation nicht hinreichend sicherstelle, dass die Menschen, mit denen ich kommuniziere, sich sicher und wertgeschätzt fühlen – eine Intervention mit einer drogenabhängigen Person kann unmöglich funktionieren, wenn diese sich angegriffen, unsicher und nicht wertgeschätzt fühlt (Dynamiken, die sich auch in diesem Text nachweisen lassen, also mache ich den Fehler, den ich beschreibe, sogar während ich ihn beschreibe – was zeigt, dass natürlich auch ich in dieser Debatte emotional agiere, und mein eigenes Wissen über Verdrängung verdränge).
Zweitens, apropos Entzug (Kommunikative Inhalte) erdachten mein oben erwähnter alter Klimagenosse und ich einen politischen Diskurs, der zwei Ansprüche erfüllen müsste: er müsste einerseits so ehrlich sein, dass er es den Teilnehmenden nicht erlaubt, sich in irgendeine Art von magischem Denken (ob linkem, marktgläubigem, grünem oder welchem auch immer) zu retten, andererseits aber so weichgespült, dass er Menschen nicht allzu sehr abschreckt oder überfordert. Wäre es möglich, diesen Diskurs zu basteln, wäre er sozusagen das Methadon des Hopium-Entzuges, eine Art half way house der Kollapsakzeptanz, der perfekte Mittelweg zwischen Verdrängung und Überforderung.
Leere Menge
Allein: ich glaube, dass es diesen Diskurs nicht gibt, und wenn es ihn gäbe, würde die Stärke der Verdrängungsgesellschaft, die Allgegenwärtigkeit von Hopium und seinen Dealer*innen (denn in einer Verdrängungsgesellschaft kann Jede*r Dealer*in sein!), ihn überlagern und besiegen.
Erstens glaube ich nicht, dass es möglich wäre, eine Erzählung (einschließlich Policy- und Strategievorschlägen) an den Start zu bringen, die hinreichend ehrlich, aber nicht zu überfordernd ist – die letzten Jahre legen nahe, dass das im eskalierenden gesellschaftlichen Kollaps nicht möglich ist, weil die beiden Mengen (ehrliche Diskurse / nichtüberfordernde Diskurse) sich einfach nicht überlappen. Die Linke und das ökologische Feld haben in der Hinsicht genau das selbe Problem, wie der Rest der Gesellschaft: auch wir sind von den Transformationsanforderungen, die an uns gestellt werden (u.a. von dieser nervigen neuen Kollapsbewegung, aber auch – Scully und ich erleben jetzt auch im Kollaps-Space, wie sich dort die Verdrängung immer wieder neu herstellt – in der neuen Kollapsbewegung), total überfordert, vor allem mit der Auseinandersetzung damit, dass unsere, die aktivistische, also die gute und richtige Art und Weise, Dinge zu tun, nicht mehr funktioniert. Klimaaktivisti reagieren nicht anders, als Kohlearbeiter, wenn sie mit der Kritik konfrontiert werden, dass das, was sie tun, nicht mehr funktioniert, dass es geändert werden muss: sie fühlen sich persönlich angegriffen, und tendieren dazu, die Quelle dieser Aussage mit Verdrängung, Abwertung und Abwehr zu strafen.
Zweitens, und das ist eine etwas neuere Einsicht, stellt sich Verdrängung auch bei denen immer wieder her, die schon einmal gegen sie vorgegangen, sie zurückgedrängt haben. Stellt Euch das so vor: jedes bisschen Agitation von uns Kollapsis ist eine Art Intervention, bei Menschen, die mehr oder minder große Probleme mit ihrem Hopium-Konsum haben (sonst würden sie dieses Gespräch mit uns gar nicht führen), und wenn sie gut gemacht ist, hat sie vielleicht sogar den gewünschten Effekt – die Person mit dem Drogenproblem hat es geschafft, dieses Problem anzuerkennen, und zu sagen, dass sie sich jetzt auf den Weg macht, das Problem anzugehen (z.B. mit den berühmten zwölf Schritten der Alcoholics Anonymous).
Das Dumme ist nur, dass diese Person, sobald sie die Intervention verlässt, von überall her wieder mit der Möglichkeit konfrontiert ist, Hopium zu rauchen, weil jedes Gespräch, jede Zeitungslektüre, jeder nicht-dystopische Roman wieder zum Konsum einlädt – und, weil high zu sein, wie gesagt, zumindest kurz- und mittelfristig deutlich angenehmer ist, als nicht high zu sein. Wenn Ihr seit Jahrzehnten regelmäßig Hopium raucht, Euch dann entscheidet, das nicht mehr zu tun, Euch daraufhin aber in jedem Gespräch wieder eine Pfeife angeboten wird, dann ist es völlig nachvollziehbar, dass mensch sich da gelegentlich wieder der alten Sucht hingibt, ihr nicht unbedingt wieder vollkommen verfällt, aber doch merkt: “naja, mit ein bisschen Hopium ist schon netter, als ohne.”
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Vorausschau
Das bedeutet also, dass ich derzeit keine Möglichkeit sehe, einen im Grunde und strukturell “versöhnlicheren” Diskurs an den Start zu bringen, weil einer der Funktionen meines politischen Sprechens weiterhin sein wird, aus meiner Perspektive sein muss, die im linken und ökologischen und eben auch im neuen Kollapsfeld existierenden Verdrängungserzählungen zu bekämpfen. Ihr könnt mich da, ganz realistisch, als alten aber nunmehr geläuterten langjährigen Hopium-Junkie und -Dealer betrachten, der nach ganz langer Zeit ganz tief im Hopium-Rausch da mit viel Aufwand rausgekommen ist, und der es nun als seine Aufgabe sieht, allen Anderen, die er beim Hopium-Rauchen erwischt, die Pfeife aus dem Mund zu reißen, egal, ob das in der Situation als übergriffig wahrgenommen wird (was es manchmal auf jeden Fall ist): weil, wie gesagt, auch ich bin total irrational, und kann in der Diskussion über Hopium nicht von meinem eigenen jahrzehntelangen Extremkonsum abstrahieren.
Ich verstehe also, dass es Mittelwege zwischen der Abhängigkeit und dem kalten Entzug geben muss. Aber erwartet nicht von einem Ex-Junkie, der den Weg des kalten Entzugs gegangen ist, und auf dem wieder Glück und Handlungsfähigkeit gefunden hat, dass er Euch irgendwelche weichgespülten Mittelwege vorschlägt – maybe that's someone else's Job. Vielleicht taucht bald auch im Kollapsdiskurs eine Person auf, die in der Lage ist, die Kollapsgeschichte so zu erzählen, dass sie niemanden allzu negativ berührt, und deswegen auch mehr gehört wird (wie wir es beim Klimadiskurs erleben konnten).
Aber meine Geschichten sind designed, schnell und durch Crash aus der Abhängigkeit zu entkommen, und basieren nicht auf dem Glauben, dass es für diesen Entzug noch viel Zeit gibt, für Übergangsphasen, in denen ein bisschen Verdrängung noch ok ist. Diese Zeit gibt es nicht mehr, Ende nächsten Jahres werden Teile Deutschlands wahrscheinlich von Faschist*innen regiert/kontrolliert werden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der Klimakollaps ist da, die Katastrophen kommen, und trotz allem “lasst uns sowohl Klimaschutz, als auch Klimaanpassung machen!” zeigt sich vom Klimagipfel bis zur Klimademo, dass zwar jetzt ganz viel über Anpassung geredet wird, sich aber niemand wirklich anpasst.
Deswegen werden die Geschichten, die ich erzähle, oft anstrengend und herausfordernd sein. Auch im nächsten Jahr. Versprochen.
Mit entschlossenen Grüßen
Euer Tadzio