LITERATUR-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)-&-KOMMENTAR (Öffnet in neuem Fenster)
Frieden: Ein Wort, das einer Utopie gleichzukommen scheint. Verwöhnt davon, in alles in allem friedlichen Zeiten zu leben, sind vor allem wir (West-)Europäer*innen zuletzt bass erstaunt darüber, welche kriegerischen Konflikte uns umgeben. Putin will zunächst die Ukraine erobern und/oder zerstören (Öffnet in neuem Fenster). Die Hamas greift feige einen israelischen Kibbuz und das Nova Festival an, was zum Krieg in und um den Gazastreifen und zu lautem Antisemitimus in ganz Europa (Öffnet in neuem Fenster) führt. Der Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha kocht wieder hoch, Thailand scheint Tempel mit Köpfen machen zu wollen. China schielt nicht mehr nur nach Taiwan und US-Präsident Donald Trump scheint willens, Teile der Welt anzuzünden, wenn es denn nur seinem „Friedensplan“ nützt (Öffnet in neuem Fenster).
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/76bb8120-7ed9-4b7f-905d-614c64f71c96 (Öffnet in neuem Fenster)Die Politiker*innen hierzulande wünschten uns vor der Weihnachtspause, dass wir einige Tage Ruhe vor ihnen haben. (Schauen wir mal.) Und doch waren die Nachrichten des gestrigen Abends voller Meldungen von Gewalt und Katastrophen, zwischendurch ging es um vermeintlich verbundenen Gesang von vielen Menschen in einem Dresdner Fußballstadion. Wenn die mal alle wüssten, wie sich da wohl auch der rassistische Nachbar mit der friedensbewegten BSW-ler*in, der AfD-Beamte mit dem SPD-Grundschullehrer in den Mund sangen...
Der Autor dieser Zeilen muss sagen, dass ihn dieser künstlich gezimmerte Verbindungs-Kitsch irgendwie abstößt. Irgendwelche Weihnachtslieder zu Tausenden in einem Stadion zu trällern, erinnert mich eher an dunkle als an besinnliche Zeiten. Zumal das Folgen einer Inszenierung friedlicher Zusammenkünfte letztlich immer etwas von einer gewissen Obrigkeitshörigkeit hat (Öffnet in neuem Fenster). Was sich nicht organisch ergibt, scheint mir selten echt, kaum „nah am Menschen“.
(Öffnet in neuem Fenster)Tatsächlich gab es ein echtes Miteinander ausgerechnet während des Ersten Weltkrieges 1914 unter zu Feinden gemachten Menschen an der Front in Flandern. Dies ist belegt in Regimentsberichten sowie vor allem in Feldpostbriefen von Soldaten als „Weihnachtsfrieden“ oder zu englisch als „Christmas Truce“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Ein kleiner Frieden, der an „verschiedenen Frontabschnitten spontan, unkoordiniert und trotzdem fast entlang der gesamten Front, wo sich Deutsche und Briten gegenüberstanden“ entstand, wie wir im kurzen Nachwort der Erzählung Der Weihnachtsfrieden von Kirsten Boie erfahren.
Die im jungen Nachkriegsdeutschland (Öffnet in neuem Fenster) geborene Boie ist als eine der bedeutendsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen (Öffnet in neuem Fenster) nicht zuletzt dafür bekannt, dass ihre Geschichten Generationen verbinden und über Altersgrenzen hinweg funktionieren (was im Übrigen die meisten wirklich guten Bücher für jüngere Leser*innen auszeichnet (Öffnet in neuem Fenster)). So auch der gerade einmal gut vierzigseitige Weihnachtsfrieden, der im Arche Literatur Verlag erschienen mit gemütvollen doch nicht kitschigen Illustrationen der Britin Claire Harrup abgerundet in literarisch-zärtlichen Worten vom, nun, menschlichen Wunder eines kleinen Friedens berichtet (und doch mit manchem Satz an den eher weniger hoffnungsvollen Remarque-Klassiker Im Westen nichts Neues erinnert.)
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/bf7deae6-3cdb-4485-95dd-3df6bc62f718 (Öffnet in neuem Fenster)Steht eben noch die Frage im Schützengraben, wen die Ratten denn nun im „Niemandsland“, das die die Deutschen und Briten trennenden achtzig bis einhundert Meter ist, fressen, kommt es statt zu Schüssen zunächst zu Stille. Bäume in Schubkarren (!) und ein erster Ton, der statt Verzweiflung Hoffnung auszudrücken vermag, sorgen für Verwirrung und schließlich eine Art Mut zum Miteinander. Ein Waffenstillstand auf Zeit, das gemeinsame Bestatten der Toten (“Die haben doch sowieso schon so lange zusammengelegen im Niemandsland.”), ein Trauergottesdienst, sogar Haareschneiden und Fußballspielen – zwischen den Fronten, unter jenen, die zur Gegnerschaft gezwungen wurden. Eine Brücke der hoffnungsfrohen Menschlichkeit (Öffnet in neuem Fenster).
(Öffnet in neuem Fenster)An diesen wie erwähnt belegten Geschehnissen können wir einmal mehr sehen, dass das Leben Geschichten schreibt, die unglaublicher klingen als irgendein Avatar-Film oder ein Söder-Interview. Auch dass dieser feinfühlig beschriebene Weihnachtsfrieden, der teils bis in den Januar dauerte, vor allem zwischen dem „Fritz“ und „Tommy“ und weniger den Deutschen und Belgiern oder Deutschen und Franzosen stattfand, ergibt historisch gesehen – leider – Sinn. Ebenso, dass „übergeordnete militärische Stellen ihn zu unterbinden versuchten.“
Ein kurzer Moment der Hoffnung, in einem Stellungskrieg, der noch vier Jahre andauern und unzählige junge Männer das Leben kosten sollte. Nun soll hier nicht auf die bittere Frage, wofür Krieg gut sein soll, eingegangen werden. An diesem sonnigen Vormittag des 24. Dezember 2025 bleibt der Teilzeit-Berufszyniker einmal unter der Decke. Und wünschen (uns) neben frohen, ruhigen und friedlichen Tagen vor allem dies: Eine Zukunft ohne Angst (Öffnet in neuem Fenster).
AS
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Kirsten Boie (Text), Claire Harrup (Illustrationen): Der Weihnachtsfrienden; Oktober 2025; 48 Seiten, mit div. Illustrationen; Hardcover; ISBN: 978-3-7160-0020-5; Arche Literatur Verlag; 13,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/20564bc0-92b6-49f3-b52c-a1914ee055f6 (Öffnet in neuem Fenster)