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Wenn das Schattenthema mitspielen will

Gefühle, die wir wegdrücken, machen gern in der ungünstigsten Situation auf sich aufmerksam. Daher hilft es, zwischen Turnieren mal in die Selbstreflexion zu gehen.

In vergangenen Texten habe ich mich viel damit beschäftigt, Gedanken im Wettkampf zu unterbrechen und die Pfade in Richtung positives Mindset zu stärken. Das könnt ihr nachlesen in den Texten Gedankenmonster & Soforthilfen (Opens in a new window)und Ich irre mich nie, wenn ich mich nicht irre (Opens in a new window). Negative Gedankenspiralen im Spiel zu unterbrechen ist wichtig und hilfreich. Wir verändern dadurch den negativen Fokus, der bei uns Menschen schnell eingestellt ist. Außerdem haben wir im Spiel weder die Zeit noch die Kapazität, uns in aller Tiefe mit dem zu beschäftigen, was in uns hochkommt.

Bei 14:14 im dritten Satz meldet sich das Thema

Um Themen wirklich zu lösen, müssen wir sie aber ansehen. Wenn wir sie wiederholt wegdrücken, schieben wir nur das Symptom zur Seite, unser Thema aber strampelt dagegen an und kommt an anderer Stelle wieder hoch. Gefühle, die wir ohnehin haben und mit denen wir uns nicht beschäftigen, haben die Tendenz, in Extremsituationen eindrucksvoll auf sich aufmerksam zu machen. Dann meldet sich das Schattenthema ausgerechnet beim Stand von 14 zu 14 im dritten Satz, ganz toll. Daher macht es Sinn, diesen Gedanken und Gefühlen vor und nach einem Turnier Aufmerksamkeit zu schenken und sie kennenzulernen. Wenn ich nicht weiß, womit ich es zu tun habe und diese Teile meines Wesens verdränge, werde ich immer wieder solche Situationen erleben, da kann ich so viel positiven Fokus üben wie ich möchte. 

In der Selbstreflexion geht es darum, sich mal ganz ehrlich zu betrachten. Die Teile, die sich in kritischen Momenten melden, sind nämlich meist die, die wir nicht besonders an uns mögen. Die wenigsten Menschen konfrontieren sich gern mit ihren Schatten, es kann aber auch ganz lustig sein. Ein guter Start ist, einmal zu analysieren, wie ich über ein vergangenes Spiel spreche. Kann ich eine Partie aus mehreren Wahrnehmungspositionen reflektieren oder fällt es mir leichter so etwas zu sagen wie: „Am Ende haben sie auf meinen Partner gespielt und dann konnte ich nichts mehr machen.“ Beliebt ist auch: „Ich konnte nicht angreifen, ich habe so schlechte Pässe bekommen“ oder: „Unsere Gegner hatten so viel Glück, dabei haben wir viel besser gespielt.“ Solche Gedanken haben wir alle mal. Wichtig ist zu erkennen, was da passiert.

Eine ausgewogene Selbstreflexion macht den Kopf frei

In dem Moment, in dem man im Außen den Grund sucht für das eigene Scheitern, stiehlt man sich aus der Verantwortung. So lange andere für meine Niederlage verantwortlich sind, muss ich mich ja auch nicht mit meinen Themen auseinandersetzen, das ist eine wunderbare Vermeidungstaktik. Es geht allerdings nicht darum, ins gegenteilige Extrem zu gehen und für alles, was nicht geklappt hat, die Verantwortung oder die Schuld bei sich selbst zu suchen. Wenn Menschen sich am laufenden Band für jede Bewegung auf dem Feld entschuldigen, ist das auch kein Zeichen für ein gesundes Selbstwertgefühl. Es geht darum, den Mittelweg zu finden. Eine ausgewogene Selbstreflexion macht Kopf und Herz frei. Welches Thema kam in mir hoch, das mich eingeschränkt hat? Was kann ich beim nächsten Mal besser machen? Was war gut?

Wenn du dich zum Beispiel über das Zuspiel deines Partners ärgerst und das als Grund für ein verlorenes Spiel siehst, bist du vermutlich auch daran gescheitert, aus schwierigen Situationen gute Bälle zu spielen oder deinen Frust darüber zu überwinden und weiterzumachen. Im Olympia-Finale von Rio 2016 haben Laura Ludwig und Kira Walkenhorst mindestens drei Mal den Pass versehentlich auf die andere Seite gestellt. Der Ballwechsel war danach aber nie vorbei, weil beide in der betreffenden Situation alles gegeben haben, um den Fehler wieder auszugleichen, indem sie geblockt oder den von den Brasilianerinnen angegriffenen Ball abgewehrt haben. Wenn wir uns über Aktionen unserer Mitspielerin ärgern, hängt das meist damit zusammen, dass etwas in uns getriggert wird.

Wenn die Spielsituation auf einen Schmerzpunkt trifft

Ich bin zum Beispiel eine eher kleine Angreiferin. Wenn der Pass auf die andere Seite fliegt, habe ich Probleme, mich gegen eine große Blockspielerin durchzusetzen oder überhaupt den Ball zu berühren. Das ist einfach nicht meine Stärke. Wenn meine Partnerin mir also die Pässe auf die Netzkante oder rüber stellt, lässt mich das nicht gut aussehen. Das macht sie aber nicht mit Absicht und sie kennt auch meine Historie nicht als Spielerin, die von Kindesbeinen an für ihre Annahme und Abwehr gelobt, aber nie wirklich als Angreiferin ernst genommen wurde. Für mich fliegt nicht einfach nur der Ball rüber, ich bin plötzlich wieder die Zwölfjährige die nicht an die Netzkante kommt und sich unzulänglich und machtlos fühlt. Solche persönlichen Komponenten schwingen in einem Spiel mit. Die aktuelle Spielsituation ist nur der Auslöser. Man könnte den Ball ja auch einfach abhaken. Wenn eine Spielsituation aber auf einen Schmerzpunkt trifft, ist es hilfreich, den in einer ruhigen Minute zu betrachten und dort auflösen, wo er entstanden ist. 

Re-Imprinting heilt alte Wunden

Eine schöne Methode dafür ist das Re-Imprinting. Dabei heilt man alte Wunden, indem man auf der Zeitlinie zurückreist bis zum Prägungsereignis, in jede beteiligte Person der Szene noch einmal hineinschlüpft und ihr die Ressourcen mitgibt, die sie gebraucht hätte, damit deine jüngere Version die Szene anders hätte einsortieren können.

Erfahrungen, die wir innerhalb der ersten 21 Jahre unseres Lebens machen, merken wir uns codiert mit der Perspektive unseres damaligen Entwicklungsstandes. Das heißt, wenn wir heute etwas erleben, das uns daran erinnert, werden wir in das jeweilige Alter zurück katapultiert. Deshalb sind manche Erfahrungen auch so wahnsinnig schmerzhaft, obwohl wir es uns logisch überhaupt nicht erklären können.

Wenn du eine Re-Imprinting-Session bei mir buchen oder einfach im 1:1 mal über deine Situation sprechen möchtest, schreib mir gern eine Nachricht. (Opens in a new window)

Was ist meine Erwartung an mich selbst?

Wenn du mitten im Spiel von so einem Trauma eingeholt wirst, macht es Sinn, aufmerksam wahrzunehmen, welche Situation das triggert und dann außerhalb des Feldes an diesen Themen zu arbeiten und auch mit deiner Spielpartnerin/deinem Spielpartner darüber zu sprechen. Stell dir vor, eine Person mit Angriffstrauma spielt mit einer, die ein Zuspieltrauma hat. Beide kennen die Hintergrundstories nicht und wundern sich, warum sie so viel Stress auf dem Feld fühlen.

Wichtig finde ich auch, meine Schwächen zu kennen und diese für den Moment zu akzeptieren. Die Frage ist: Was ist meine Erwartung an mich selbst? Welcher Spielertyp bin ich? Worauf konzentriere ich mich in diesem Moment? Oft bringen wir uns selbst aus dem Spiel, weil wir uns so darauf fokussieren, die eine Sache zu fixen, die gerade nicht funktioniert. Beispiel: Was bei uns kleineren Teams oft wackelt, ist das Side Out. Und je mehr wir uns darauf konzentrieren, jetzt endlich direkt nach der Annahme den Ball auf den Boden zu bringen, desto mehr Fehler machen wir auch in der Abwehr oder dem Aufschlag, obwohl wir da eigentlich die Punkte wieder reinholen könnten.

Was ist unsere größte Stärke?

Ich habe es schon häufiger in einem Spiel erlebt, dass wir uns angesehen und kurz rekapituliert haben: “Was ist unsere größte Stärke?” In unserem Fall war es die, dass der Ball nicht herunterfällt. Wir sind aber nicht 100 Prozent in der Abwehr gegangen, weil wir uns jedes Mal über das nicht gemachte Side Out ärgerten. Also haben wir uns entschieden, für den Moment hinzunehmen, dass das Side Out ist wie es ist. Aber der Ball danach, der darf nicht herunterfallen, damit wir aus der Abwehr heraus die Möglichkeit für einen Punkt erhalten. Schon oft haben wir uns auf diese Weise zurück in ein Spiel gekämpft.

Wenn das Zuspiel Probleme bereitet, kann man auf zweite Bälle umstellen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Am wenigsten hilfreich ist aber vermutlich die, sich mehr und mehr auf die eine Schwäche zu fokussieren, so dass das Selbstbewusstsein immer weiter schmilzt und auch die anderen Elementen schlechter werden. 

Die wesentlichen Dinge im Spiel

Ein klares Bild von sich selbst und den eigenen Fähigkeiten zu haben, hilft dabei, sich auf die wesentlichen Dinge im Spiel zu konzentrieren. Was sind meine Stärken, meine Schwächen? Welche Story erzähle ich mir schon lange? Wir müssen aufhören, uns über die Dinge aufzuregen, die wir in dem Moment nicht ändern können. Im Training können wir an Elementen arbeiten, Schwächen müssen keine Schwächen bleiben. Während eines Wettbewerbs werden wir aber weder 30 Zentimeter wachsen, plötzlich weiche Zuspielhände bekommen oder die perfekte Schlagtechnik. Wenn wir uns auf unsere Stärken konzentrieren und gleichzeitig die Schatten annehmen können, kommen wir in unsere Kraft.

Übung zum Aufschreiben oder in Gedanken:

1. Wo liegen meine Stärken im Beachvolleyball?

2. Wo liegen meine Schwächen?

3. Was denke ich über mich, wo kommt das her? 

4. Könnte ich auch etwas anderes denken?

5. Woran möchte ich im Training arbeiten, um mich in diesem Element zukünftig besser und sicherer zu fühlen?

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