Saltar para o conteúdo principal

“Medizin darf sich nicht gut anfühlen. Medizin ist vom sozialen Erleben zu trennen.”

Dies ist Teil 3 von 3 der kleinen Prohibitions-Narrative-Reihe.

Cannabis ist eine vielseitige und vielseitig wirksame Pflanze. Ihr Gebrauch wird als heilend, inspirierend, bespaßend und mitunter herausfordernd oder nicht gut erfahren. Für manche, wohl die große Mehrheit, sind Konsummotivationen oder die Erfahrungen zwischen Heilsamkeit und sich nicht weiter erklärendem Konsum fließend miteinander verwoben. Wo hört Heilung auf und wo fängt “Freizeitzweck” an?

Was ich mit diesem Artikel bestärken möchte1: Heilung und Spaß sind keine Gegensätze und mit dem vielfältigen Wirkungsspektrum der Cannabispflanze schon gar nicht. Heilung und Spaß sollten nicht zu Gegensätzen gemacht werden. Medizin darf sich gut anfühlen.

Aber genau solch eine Trennung scheint oft unhinterfragt für richtig gehalten oder gar als erstrebenswert verfolgt werden. Eine ideelle Trennung vermitteln und bestärken zum Beispiel die 7 medizinisch-psychiatrischen Fachgesellschaften mit ihrer Stellungnahme (Abre numa nova janela) für den Gesundheitsausschuss im Januar 2026.2

Ihr seht gleich: Die Argumentation der Stellungnahme gelangt von einer Aufzählung dokumentierter Erkrankungen, Beeinträchtigungen und biografischen Nachteilen zur Schlussfolgerung, dass eine klare Trennung von medizinischer Anwendung von Freizeitkonsum nötig sei. Ich will vorsichtig sein, in die Stellungnahme nichts hineinzuinterpretieren, was da nicht konkret steht. Ich will aber hervorheben, was in ihrer Argumentation für eine klare Trennung in diese zwei Sphären unangesprochen bleibt:

  1. Die mehrheitlich erlebte Freude und Lebensbereicherung durch Cannabis bleibt unerwähnt.

  2. Auch fehlt eine Einordnung in den direkten politischen Kontext: die Prohibition und das Stigma. Als ob die Kriminalisierung und die schädlichen Vorurteile und Beschämungen keinen Einfluss auf Gesundheit und Biografien von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hätten bzw. vor der Teil-Entkriminalisierung vor dem 1.4.24 hatten.

In der Stellungnahme heißt es:

“Die Risiken des Cannabisgebrauchs zu Rauschzwecken sind gut belegt (Hoch et al., 2025). Chronischer Konsum, besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ist mit Lernstörungen, kognitiven Beeinträchtigungen, geringerer Bildung, höherem Risiko für Missbrauch und Abhängigkeit, Psychosen, Stimmungs- und Angststörungen sowie Suizidgedanken verbunden. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, die medizinische Anwendung klar vom Freizeitkonsum abzugrenzen.” (S. 3) (Abre numa nova janela)

Die Schlussfolgerung springt von einer Aufzählung von Schädigungen zu einer “vor diesem Hintergrund” “notwendigen” klaren Abgrenzung der medizinischen Anwendung vom Freizeitkonsum. Es fehlt ein Teil in der Argumentation.

Wenn die Risiken bei Rauschzwecken gut dokumentiert sind, warum braucht es dann eine medizinische Abgrenzung?

Aber ist eine Abgrenzung möglich?

Ich frage mich immer, wie das gehen soll, wenn bestimmte Medikamente wie Opioide, Cannabis und Beruhigungsmittel doch psychoaktiv wirken. Was ist das für ein Streben nach zwei Kategorien, wenn die Erfahrung der Wirkung es so schwer macht, sie zu kategorisieren? Cannabis und andere psychoaktiv wirkende Stoffe unterscheiden nicht zwischen medizinischer Wirkung und Freizeitwirkung. So funktioniert weder die Pflanze, das Gehirn, noch das persönliche und soziale, kulturelle Erleben.

Als Medikamente verschriebene psychoaktive Substanzen fühlen sich manchmal schlicht gut an und, wenn man es zulässt, können sie Spaß bereiten, und entscheidend ist: Sie tragen so zur Heilung bei. Spaß trägt zur Heilung bei. Nicht verlässlich, nicht immer, es kann kompliziert sein. Nur man selbst kann sich dabei am besten kennen.

Es kann für manche und in vielen Situationen erstrebenswert sein, das psychoaktive Medikament so zu dosieren und anzuwenden, dass es kaum spürbar wirkt, aber dann bleiben auch die potenziell heilenden Effekte durch das ganze Wirkungsspektrum aus. Psychoaktive Substanzen funktionieren eben nicht wie eine Kopfschmerztablette, sondern haben diese besonderen Eigenschaften, sich im Kopf einzumischen.

Was Spaß macht, kann gleichzeitig heilen. Diese Medikamente können sich gut anfühlen oder gar Spaß machen. Das Tabu, darüber offen und ehrlich zu reden, muss gebrochen werden. Die Psychiatrie und Medizin sollte sich für die Heilsamkeit im medizinisch nicht-kontrollierten und nicht-kontrollierbaren “Freizeitbereich” interessieren, um die Wirkungsspektren besser zu verstehen und anzuerkennen statt eine medizinische, geordnete Teilversion von Cannabis zu konzeptionieren.

Hinzu kommt: Nicht alle Fachgesellschaften3, aber ein Teil scheint die Prohibition und die von der CDU/CSU angestrebte Rekriminalisierung von Cannabis außerhalb eines streng definierten medizinischen Bereichs4 leider hinzunehmen oder gutzuheißen.

Die Trennung von medizinischem und Freizeitgebrauch in der Entkriminalisierung-Bewegung

Eine klare Trennung zwischen medizinischem und anderem Gebrauch als

  • legitimierten vs. nicht-legitmierten,

  • als überwachten vs. problematischen, weil durch Autoritäten unkontrollierten Gebrauch

wird auch in der Bewegung für die Entkriminalisierung von psychedelischen Substanzen häufig bemüht. Nicht immer aus Überzeugung, dass das der Wirkung und dem Gebrauch gerecht werde, sondern aus einer strategischen Überlegung heraus, was politisch erreichbar sei. Ich glaube, das schafft nur Hürden und bringt uns nicht zu einem aufgeklärtem, ehrlichen, offenem (und die Privatsphäre respektierenden) Umgang mit dem Gebrauch psychoaktiver Substanzen in der Gesellschaft, den wir nunmal, ob als Medizin, als legaler oder illegaler Stoff haben.

Das strategische Abwägen, erst den medizinischen Gebrauch zu entkriminalisieren, damit dann eine allgemeine Akzeptanz steigen könne, behält das Stigma und die Abwertung eines Teil des Gebrauch und der Gebraucher*innen bei. Die Prohibition sei grundsätzlich schon legitim, aber es müsse eine Ausnahme geschaffen werden.

Oder es wird argumentiert: Die Substanzen seien grundsätzlich zu riskant für einen Gebrauch ohne die Einmischung des Staates, deswegen brauche es eine streng kontrollierte Überwachung des Gebrauchs im medizinischen Setting.

Argumentiert und kämpft man so für Veränderungen, verpasst man, die Realität von Drogengebrauch, Traditionen, Umgang mit den Risiken, gemeinsames Erleben in Gruppen, verschiedenen Settings sowie lebensbereichernen Erfahrungen zu erzählen. Und davon, wie sich bestimmte Stoffe nicht in die Kategorie einer Kopfschmerztablette pressen lassen und auf keinen Fall sollten.

https://steady.page/de/philineedbauer/posts/5b3550f5-0d0f-4ccd-bf42-637bac9c4de2 (Abre numa nova janela)https://steady.page/de/philineedbauer/posts/fc397759-b792-4b2d-af42-4169ef0fd4b6 (Abre numa nova janela)
  1. Inspiriert vom Buch “Healing Justice Lineages” von Cara Page and Erica Woodland: healingjusticelineages.com/ (Abre numa nova janela)

  2. Das Es-braucht-mehr-Daten-Narrativ der Stellungnnahme habe ich in Briefing 036 (Abre numa nova janela) kritisch eingeordnet.

  3. Siehe: Suchtexpert*innen für die Cannabislegalisierung (Abre numa nova janela) und Drogenpolitik: Was Expert*innen sagen (Abre numa nova janela)

  4. Drogenpolitik Briefing 035: CDU/CSU-Parteitag Special (Abre numa nova janela)

Tópico Narrative

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Drogenpolitik Briefing von Philine Edbauer e comece a conversa.
Torne-se membro