Hallo. Dieser Text thematisiert sexualisierte Gewalt. Bitte lies mit Bedacht.
Der Fall: Was ist passiert?
Laut einer Spiegel-Recherche soll der deutsche Schauspieler und Regisseur Christian Ulmen über Jahre hinweg KI-generierte Nacktbilder und pornografische Deepfakes seiner Ex-Frau Collien Fernandes verbreitet haben. Er kontaktierte dafür gezielt Männer aus ihrem privaten und beruflichen Umfeld. Sein mutmaßliches Motiv: Ein Fetisch, bei dem die Erniedrigung der Betroffenen zur sexuellen Erregung diente.
Was bedeutet das?
Ich möchte hier nicht viel über diesen einen Fall schreiben, die Recherche spricht für sich, es haben sich bereits sehr viele Menschen dazu geäußert. Ich möchte hier vor allem auf ein bestimmtes Aspekt eingehen: Die Tatsache, dass in der Vergewaltigungskultur Sexualität und Gewalt ineinandergehen und untrennbar scheinen und die Lösung leider nicht so einfach ist.
Wir holen aus
In unserem Gesellschaftsverständnis wird Männlichkeit oft mit Herrschaft gleichgesetzt. Es ist undenkbar, dass dieses Verständnis vor unseren persönlichen und romantischen Beziehungen Halt machen soll. Statistiken belegen, dass der gefährlichste Ort für eine Frau oder ein Mädchen das eigene Zuhause ist, wenn sie dieses mit einem Mann teilen. Sehr viele Frauen und Mädchen erleben sexualisierte Gewalt, die überwiegende Mehrheit der Täter*innen sind Männer. Auch wenn Männer von sexualisierter Gewalt betroffen sind, sind die Täter*innen in überwiegender Mehrheit Männer.
Sehr viele Männer finden es sexuell erregend, andere zu erniedrigen und zu dominieren. Es geht mir nicht darum, einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen zu verurteilen. Es geht um Gewalt und darum, inwiefern sie unser Begehren prägt. In einer Welt, in der Männer die Menschlichkeit anderer ausblenden sollen, um als Männer zu gelten, ist es nicht verwunderlich, dass Gewalt allgegenwärtig ist. Verwunderlich ist, dass wir immer noch erklären und einordnen müssen. Verwunderlich sind die Abwehrreflexe und das Schweigen vieler Männer.
Wenn Männer keine Verbundenheit empfinden sollen – wenn das einzige, was zählt, Macht ist – dann sprechen wir hier nicht von vermeintlich biologischen Eigenschaften, sondern von einer Lehre, von einer Kultur. Menschen, auch Männer, sind soziale Wesen, die aufeinander angewiesen sind. Es ist daher keine angeborene Eigenschaft, dass Menschen Macht einen größeren Stellenwert beimessen als Verbundenheit und Solidarität. Es ist nicht normal, dass Männer ihre Nächsten auf so brutale Weise vergewaltigen und verraten. Es ist gelernt und kann verlernt werden. Dafür muss aber eine Gesellschaft bereit sein.
Was muss geschehen?
Feministische Newsletter wie dieser reichen nicht aus, um diese Missstände zu korrigieren. Social-Media-Posts reichen nicht aus. Spiegel-Recherchen reichen nicht aus. Auch Gesetzesänderungen reichen nicht aus – Vergewaltigung ist bereits strafbar und dennoch wurde alleine 2024 rund 128.000 Fälle sexualisierter Gewalt registriert. Die Dunkelziffer ist sehr hoch, das heißt die reale Zahl ist viel, viel höher. Viele zeigen nicht an, weil der Beweislast bei Betroffenen liegt, und handfeste Beweise vorlegen zu können schwer ist, weil Vergewaltigung oft im privaten Raum ausgeübt wird. Das System erniedrigt und demütigt Betroffene, was viele davon abhält, anzuzeigen. Das System schützt also Täter und liefert Betroffene aus.
“Einige Körper sind dazu da, dass andere mit ihnen Sex haben. Einige Körper sind für die Lust anderer da, dafür, von anderen besessen, konsumiert und angebetet zu werden, anderen zu Diensten zu sein und sie aufzuwerten.” – Amia Srinivasan
Männer können ihre Ehefrauen, Freundinnen und Töchter anderen Männern zur Vergewaltigung “anbieten”, weil sie diese Frauen und Mädchen nicht als Menschen mit Rechten und Bedürfnissen sehen, sondern als Gegenstände, die man einfach so herumreichen kann. Ich war 18, als ein ebenso junger Mann, mit dem ich ein Verhältnis hatte, versucht hat, mich seinem besten Freund “anzubieten”. Ich hatte Glück, dass es nicht zu einer Vergewaltigung kam und ich gehen durfte. Ich war keine ängstliche Jugendliche, aber in dem Moment war ich regelrecht terrorisiert. Und das Gefühl, das diese Erfahrung bei mir hinterlassen hat, kann ich nur als Verletzung meiner Würde beschreiben.
Aus intimen Gesprächen mit Männern weiß ich, dass sehr viele tatsächlich darüber phantasieren, die Sexualität ihrer Frauen anderen Männern zur Verfügung zu stellen. Wenn Christian Ulmen also gesagt haben soll, dass er einen Fetisch habe und ihn die Erniedrigung angemacht habe, dann glaube ich das sofort. Er wäre damit nicht allein, sondern in Begleitung von sehr vielen anderen Männern.
Die Erniedrigung, von der hier die Rede ist, ist allerdings nicht seine eigene, sondern die Erniedrigung eines anderen Menschen, der keine Möglichkeit hatte, Nein zu sagen: Die von Collien Fernandes. Er stand also auf die Erniedrigung seiner ehemaligen Frau, verbreitete die mit KI generierten Bilder jahrelang heimlich, vermutlich weil er wusste, dass sie nicht einverstanden wäre, und setzte seinen Willen durch – wie ein richtiger Mann es eben macht. Das ist die Erniedrigung, auf die er stehen soll. Das ist kein Rollenspiel, bei dem alle Beteiligten wissen, dass das nur ein Spiel ist und sie es stoppen können, wann sie wollen. Das ist eine Vergewaltigung. Darauf soll er gestanden haben.
Also nochmal: Wie kann sich eine Gesellschaft ändern, damit so etwas nicht nochmal passiert?
Am Sonntag ist in Berlin eine Kundgebung geplant, um 16 Uhr am Brandenburger Tor. Wer kann, sollte hingehen. Die Bundesjustizministerin Stefanie Hubig hat zudem angekündigt, ihr ohnehin geplantes Gesetz zum Schutz von Frauen vor digitaler Gewalt früher vorzulegen. Anne Roth erinnert (Abre numa nova janela): “Schon das FDP-geführte Justizministerium der Ampel hat an so einem Entwurf gearbeitet. Der war so schlecht, dass von allen Seiten Kritik kam, und wurde nie fertig. (…) Weil in diesem Entwurf lediglich darum ging, Täter leichter zu identifizieren – damit die Betroffenen sie dann selbst und auf eigene Kosten verklagen können. Das dauert lange, ist teuer und hilft den Betroffenen im übrigen kaum.” Wir wissen noch nicht, mit was für einem Entwurf wir diesmal zu tun haben. Anne Roth schlägt vor, dass wir uns stattdessen auf die Umsetzung der EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen konzentrieren.
Derzeit werden Stimmen laut, dass mit Anonymität im Netz Schluss sein soll. Aber wäre das wirklich die Lösung? Wir wissen aus bereits vorhandenen Daten, dass weiß-männliche Täter viel seltener angezeigt und dazu vor Gericht mild bestraft werden, während marginalisierte Männer eher angezeigt und im Verhältnis viel härtere Strafen bekommen – von Todesfällen im Kontakt mit deutschen Behörden ganz zu schweigen. Gleichzeitig werden weiße Betroffene eher ernst genommen als nicht-weiße. Das System schützt eher sich selbst als betroffene Menschen. Für viele ist es aus diversen Gründen nicht möglich, die Polizei zu rufen oder zu verklagen. Wo finden diese Menschen Schutz?
“Bewirkt Strafe gesellschaftlichen Wandel? Was braucht es tatsächlich, um patriarchales Denken von Grund auf zu verändern?”, fragt Amia Srinivasan in “Das Recht auf Sex” (Abre numa nova janela) und fügt hinzu: “Ein sinnvoller Feminismus muss dafür andere Wege finden als die reflexartige Neuauflage von Verbrechen und Strafe mit flüchtiger Genugtuung und vorhersagbarem Preis. (…) Ein sinnvoller Feminismus muss – nicht zum ersten Mal – von den Frauen fordern, dass sie besser sind, als es die Männer bislang waren – und zwar nicht nur fairer, sondern auch einfallsreicher.”
Aber ist das nicht eine Umkehr des Opfer-Täter*innen-Verhältnisses? Muss schon wieder die betroffene Frau gütig sein und verzeihen, Arbeit aufnehmen und die Last schultern – anstatt Männer zur Verantwortung zu ziehen und zu fordern, dass sie sich ändern? Das mag zuerst einmal so klingen. Aber ich denke es lohnt sich sehr, darüber nachzudenken, was sie hier versucht zu sagen.
Srinivasan schreibt zwar “besser”, meint aber nicht “gut”, im Sinne von einem Menschen mit einem guten Herzen. Die Passage ist nicht als ein Aufruf für ein tugendhaftes Dasein zu verstehen – das erkennen wir daran, dass wir fairer und einfallsreicher sein sollen. Fair ist unser Rechtssystem derzeit viel zu oft nicht. Daher sollten wir über Alternativen sprechen: Über Community, über Perspektive, über Schutz, über den Aufbau gemeinsamer Werte. Das erfordert Dialog, Zeit und Mühe und ist mit einer schnellen Gesetzesänderung nicht getan.
Was laberst du?
Mithilfe künstlicher Intelligenz pornografische Inhalte zu generieren ist in Deutschland bisher noch nicht angemessen strafbar. Dennoch wissen ALLE, dass man so etwas nicht macht, dass das nicht nur eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten ist, sondern eine Gewalttat. Alle wissen, wie moralisch verwerflich das ist. Dass es eine Grenzüberschreitung ist. Alle wissen es, auch die Täter. Und dennoch findet das statt. Warum?
Weil es geht. Weil die Gesellschaft es erlaubt. Weil Männer um die Ecke kommen mit: “Nicht alle Männer sind so!” und “Warum hat sie sich nicht getrennt?” Weil vor diese Gewalt keine rote Linie gezogen wird. Seit der Fall Ulmen bekannt wurde, füllen wütende Männer die Kommentarspalten, aber sie sind oft nicht auf Ulmen wütend. Es gibt Männer, die Fernandes fragen, wie viel Geld sie bekommen habe; Männer, die ihr Lügen unterstellen. Warum?
Weil sie es können. Weil das die Gesellschaft ist, in der wir leben.
Wird ein neues Gesetz diese Gesellschaft schlagartig ändern? Werden Frauen und Mädchen plötzlich sicher? Natürlich nicht.
Was muss geschehen?
Ein neues Gesetz muss von einem gesellschaftlichen Wandel begleitet werden. Man muss mit System an das Problem herangehen und nicht mit isolierten, schwachen Reaktionen. Ich habe das Gefühl und die Sorge, dass die Bundesregierung aus PR-Gründen ganz schnell reagieren und quasi die Gunst der Stunde für sich nutzen möchte.
Meinetwegen kann ein neues Gesetz kommen, aber es muss bedürfnisorientiert gestaltet werden, im Dialog mit der Zivilgesellschaft. Ein voreiliges, nicht genug überlegtes Gesetz hilft uns nicht, es schadet uns eher. Und wir alle müssten mit den Folgen leben, während die Justizministerin sich entspannt zurücklehnen und behaupten kann, alles in ihrer Macht getan zu haben, um uns zu schützen.
Das war Saure Zeiten, mein monatlicher Newsletter. Wenn du meine Arbeit gut findest, unterstütze mich mit einer Mitgliedschaft (Abre numa nova janela).
Hast du schon mein neues Buch (Abre numa nova janela) da? “Mein Körper – wessen Entscheidung?” kannst du jetzt bei der Buchhandlung deines Vertrauens bestellen. Es handelt nicht nur von meiner ungewollten Schwangerschaft, an deren Komplikation ich fast gestorben wäre, was nicht als medizinische Indikation für einen Abbruch galt. Ich beschäftige mich darin auch mit der Frage, was sich ändern muss, damit wir uns für Kinder entscheiden und sie ohne Gewalt und Diskriminierung aufziehen können.
Bis demnächst, bleibt sauer
Sibel Schick 🍋