Während manche den Feminismus längst für “nicht mehr nötig” halten, passiert auf den Straßen dieser Welt etwas völlig anderes. Frauen demonstrieren heute häufiger, internationaler und in deutlich größerer Zahl als noch vor wenigen Jahren. Aus einzelnen Protesten sind Massenbewegungen geworden – verbunden durch dieselbe Botschaft: Es reicht. 7 davon stelle ich euch hier einmal im Detail vor.
Wer sich intensiv mit feministischer Theorie beschäftigt - so wie ich nun seit einiger Zeit - und wer dazu auch noch viele passende Erfahrungen selbst gemacht hat, läuft Gefahr, irgendwann nur noch auf das zu schauen, was nicht funktioniert.
Ich schreibe hier oft über das, was Frauen im Patriarchat begegnet. Über Ungleichheit, Sexismus und all die Baustellen, die wir lieber gestern als morgen hinter uns lassen würden.
Nun möchte ich aber einmal einen Schritt zurückzutreten. Denn neben all dem Backlash gibt es gerade auch eine Entwicklungen, die Hoffnung machen:
Frauen protestieren! Und zwar mittlerweile häufiger, sichtbarer und international vernetzter als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Und nicht nur die Zahl der Proteste hat in den vergangenen 15 Jahren deutlich zugenommen. Auch ihre Größe, ihre Reichweite und ihr gesellschaftlicher Einfluss sind gewachsen.
Während Demonstrationen in den 2000er-Jahren meist einige Tausend oder Zehntausende Menschen mobilisierten, gingen seit Mitte der 2010er-Jahre immer häufiger Hunderttausende oder sogar Millionen auf die Straße. Digitale Netzwerke haben feministische Bewegungen zudem über Ländergrenzen hinweg miteinander verbunden und aus lokalen Protesten globale Debatten gemacht.
Zudem verändert sich die Dynamik: Es werden stärkere öffentliche Debatten über Femizide, Care-Arbeit und reproduktive Rechte geführt.Zudem haben im vergangenen Jahr Fälle wie der Prozess gegen Gisèle Pelicot, die Auseinandersetzung mit den Netzwerken rund um Jeffrey Epstein oder die Vorwürfe von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen Fragen aufgeworfen, die weit über die Einzelfälle hinausgehen. Es geht um Macht. Um Gewalt. Um Täter, die lange geschützt wurden. Und um Frauen, die immer seltener bereit sind, darüber zu schweigen.
Vielleicht erklärt genau das, warum derzeit nicht nur mehr über Feminismus gesprochen wird – sondern warum auch immer mehr Frauen auf die Straße gehen.
Unterschiedliche Sprache. Eine Botschaft.
Die Themen der Proteste unterscheiden sich von Land zu Land. Die Ursachen erstaunlich wenig. Es geht um Gewalt gegen Frauen, reproduktive Selbstbestimmung, gleiche Rechte, gleiche Bezahlung, politische Teilhabe und die Frage, wie viel Freiheit Frauen über ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben tatsächlich haben.
Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt, wie groß diese Bewegung inzwischen geworden ist.
1. Frauenstreiks in Island (2005, 2016 und 2023)
Island knüpfte in den Jahren 2005, 2016 und 2023 an den historischen Frauenstreik von 1975 an. Frauen verließen ihre Arbeitsplätze und legten bezahlte wie unbezahlte Arbeit nieder, um sichtbar zu machen, wie selbstverständlich ihre Arbeit für das Funktionieren einer Gesellschaft geworden ist. 2016 beteiligten sich Schätzungen zufolge rund 90 Prozent der isländischen Frauen, 2023 folgte erneut ein landesweiter Streik mit Hunderttausenden Teilnehmerinnen.
2. „Ni Una Menos“ – Argentinien (ab 2015)
Aus Protest gegen Femizide entstand 2015 in Argentinien die Bewegung Ni Una Menos („Nicht eine weniger“). Millionen Frauen demonstrierten gegen geschlechtsspezifische Gewalt und machten Femizide weltweit zum politischen Thema. Innerhalb weniger Jahre breitete sich die Bewegung über weite Teile Lateinamerikas und darüber hinaus aus.
3. Women's March – USA (2017)
Am Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump gingen weltweit schätzungsweise vier bis fünf Millionen Menschen in mehr als 600 Städten auf die Straße. Der Women's March gilt bis heute als eine der größten koordinierten Demonstrationen der Geschichte und wurde zum Symbol eines neuen internationalen feministischen Selbstverständnisses.
4. #MeToo (ab 2017)
Was die Aktivistin Tarana Burke bereits Jahre zuvor ins Leben gerufen hatte, wurde 2017 durch Schauspielerin Alyssa Milano zu einer weltweiten Bewegung. Innerhalb von nur 24 Stunden nutzten mehr als zwölf Millionen Menschen den Hashtag #MeToo in sozialen Medien. Millionen Frauen berichteten erstmals öffentlich über sexualisierte Gewalt und Belästigung. Die Bewegung führte in zahlreichen Ländern zu Rücktritten, Gerichtsverfahren und einer gesellschaftlichen Debatte, die bis heute anhält.
5. Schwarzer Protest – Polen (2016 und 2020)
Hunderttausende Frauen protestierten gegen massive Verschärfungen des Abtreibungsrechts. Allein 2020 beteiligten sich nach Schätzungen bis zu 430.000 Menschen in mehr als 400 Städten. Die Demonstrationen entwickelten sich zu einer der größten Protestbewegungen in der jüngeren Geschichte Polens.
6. „Woman, Life, Freedom“ – Iran (Beginn 2022)
Nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die nach ihrer Festnahme durch die sogenannte Sittenpolizei starb, entwickelten sich in mehr als 150 Städten landesweite Proteste gegen das iranische Regime und die systematische Unterdrückung von Frauen. Unter dem Slogan „Woman, Life, Freedom“ wurde die Bewegung weltweit zu einem Symbol für Freiheitsrechte, Selbstbestimmung und den Widerstand gegen patriarchale Gewalt.
7. Frauen*streik in Deutschland (2026)
Am 9. März 2026 rief das Töchterkollektiv erstmals zu einem bundesweiten Frauen*streik auf. Unter dem Motto „Enough“ (Genug) demonstrierten Frauen in zahlreichen deutschen Städten gegen die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, patriarchale Gewalt sowie die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit. Hunderte bis Tausende Menschen beteiligten sich an den Protesten und machten deutlich, dass auch in Deutschland viele Gleichstellungsfragen längst nicht abgeschlossen sind.
Unterschiedliche Sprache. Eine Botschaft.
Ob in Reykjavík, Buenos Aires, Warschau, Teheran, Berlin oder Washington: Die Sprache, die politischen Systeme und die konkreten Forderungen unterscheiden sich. Der Kern dieser Proteste jedoch ist erstaunlich ähnlich. Frauen machen sichtbar, was lange unsichtbar blieb – Gewalt, Ungleichheit, Abhängigkeiten und strukturelle Benachteiligung.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieser Proteste. Nicht, dass Frauen heute häufiger demonstrieren als früher. Sondern dass sie sich weltweit immer seltener damit zufriedengeben, Missstände still auszuhalten.
Foto von Molim Karbalaei (Abre numa nova janela)
*Hinweis der Autorin: Wenn dir meine Texte etwas geben – Klarheit, Einordnung oder das Gefühl, nicht allein zu sein – freue ich mich über deine Unterstützung. Ich starte gerade in die freie Arbeit: Abonniere gern meinen Newsletter oder werde Mitglied hier. Damit kannst du meine freie Arbeit unterstützen. Dankeschön.
Und wenn du dich mit deiner eigenen Prägung noch etwas stärker auseinandersetzen möchtest, mein Buch - ein Journal - ist gerade erschienen: EMPOWERT: 77 Fragen für Frauen (Abre numa nova janela)- zwischen Anpassung und Aufbruch. Daraus stammt auch dieser Text hier.
Quellen zum Text
International Institute for Democracy and Electoral Assistance (IDEA): Global State of Democracy Reports – Entwicklungen sozialer Bewegungen und Proteste.
UN Women – Berichte zu Frauenrechtsbewegungen und globalem Aktivismus.
World Economic Forum – Analysen zu Geschlechtergerechtigkeit und feministischen Bewegungen.
Women's March Foundation – Dokumentation der Women's Marches 2017.
Ni Una Menos – Offizielle Dokumentation der Bewegung.
Amnesty International – Berichte zu den Protesten im Iran und der Bewegung „Woman, Life, Freedom“.
Human Rights Watch – Dokumentationen zu Iran, Polen und Frauenrechten.
BBC News, Reuters und The Guardian – Berichterstattung zu den Frauenstreiks in Island, den Protesten in Polen und #MeToo.