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“Friedliche Sabotage”, solidarisches Preppen und der Brandanschlag in Berlin

Foto: Michael Ukas/dpa. https://taz.de/Notunterkunft-nach-Stromausfall/!6142933/

8/1/25

Liebe Leute,

wie schon letztes Jahr hatte ich gehofft, dass ich nach einer mehr oder minder erholsamen Weihnachtspause – ich habe viel Zeit in einer Art kassandrischem Selbstmitleid verbracht, das mich selbst ziemlich genervt hat, aber dazu ein andermal – einen geruhsamen Wiedereinstieg in die Politarbeit haben könnte, aber die Realität einer Welt im Kollaps hat mir wieder mal einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Zuerst kam der amerikanische Überfall auf Venezuela, der – hat tip Jan Leidecker – eine Art globales Coming Out (Opens in a new window) der Arschlochgesellschaft (Opens in a new window) markiert: es ist ja nicht so, dass der westliche Imperialismus in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg eine Auszeit nahm, er begründete sich vor allem anders, er sprach nicht von “Einflusszonen” und direkter Kontrolle über Öl- und Gasreserven, sondern (zum Beispiel) von Menschenrechten und Massenvernichtungswaffen. Und jetzt ist die Zeit dieser Begründungen, dieses Verdrängens-und-Schönredens des westlichen Imperialismus vorbei, jetzt wird ganz offen klassische Großmachtpolitik gemacht, und alle Arschlöcher auf der globalen Bühne freuen sich, weil sie endlich dazu stehen können, was sie ohnehin immer schon getan haben, und weil sie manche Sachen jetzt tun können, die sie immer schon tun wollten. Aber auch dazu komm' ich ein andermal.



Friedliche und real-existierende Sabotage

Denn für einen Blog namens “friedliche Sabotage”, der sich immer mehr auf die Analyse von “Katastrophe (Opens in a new window)” fokussieren will, kann es diese Woche eigentlich nur ein Thema geben, und zwar die real-existierende Sabotage von Stromleitungen im Südwesten Berlins, die mitten im tiefsten Winter zu einem Stromausfall in mehreren Berliner Bezirken führte, der Samstag morgen begann, und in manchen Gegenden erst am gestrigen Mittwoch nach vier Tagen behoben wurde.

Es geht also einerseits um Sabotage, andererseits um Katastrophe, zwei Themen, über die ich schon länger schreibe, und ohne jetzt zu reklamieren, einen besonders hotten “hot take” zu der Sache zu haben, wollte ich ein paar meiner Gedanken dazu mit Euch teilen – die sind notwendigerweise noch etwas vorläufig oder unfertig, aber wenn ich über Sabotage und Katastrophe reden will, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür, und dieser Blog im besten Fall einer der Orte, wo wir diese wichtigen Debatten führen können.

Die erste Frage, die mich vielleicht mehr interessiert, als Euch, wurde mir am Montag von Erik Peter von der taz gestellt: ist das, was da im Westen Berlins passierte, die “friedliche Sabotage”, von der ich seit ein paar Jahren schreibe? Antwort: natürlich nicht. Wer auch immer die Sabotage durchgeführt hat, hat zumindest billigend in kauf genommen, dass mitten im Winter zehntausende Menschen ohne Strom, oft ohne warmes Wasser, manchmal ohne Heizung blieben. Und das bei Schnee und Temperaturen um oder unter dem Gefrierpunkt. D.h., dass das Grundprinzip der „friedlichen Sabotage“ - jede derartige Aktion muss peinlich genau darauf achten, dass bei ihr keine Menschenleben gefährdet werden, sonst muss die Aktion abgeblasen werden (Opens in a new window) – hier nicht eingehalten wurde. Nein, das war nicht meine Art der Sabotage. Wenn in Berlin das Kapital einer Mieterin im Winter den Strom abschneidet, kritisieren wir das. Wenn ein Anschlag in Winter Tausenden den Strom abschneidet, kritisieren wir das. Ich halte das für offensichtlich.



Whodunnit?

Jetzt zur Schuldfrage, mit der die öffentliche Debatte wie üblich viel mehr Zeit verbringt, als mit der Frage, was denn nun aus der jetzigen Situation zu lernen sei. Also, whodunnit, wer hat den Anschlag verübt?

Ich habe wirklich keine Ahnung, und werde darüber auch nicht spekulieren, das ist nicht meine Aufgabe. Auf der einen Seite wird “Linksterrorismus” gerufen, auf der anderen Seite “der Russe war's, wir waren's nicht!”, aber außer den Menschen, die den Anschlag durchgeführt haben weiß das niemand, weshalb ich die Sicherheit, mit der viele aus dem linken Spektrum jetzt auf “den Russen” zeigen, etwas irritierend finde. Erlaubt mir an diesem Punkt ein Zitat aus einem der widerstreitenden Indymedia-Posts (“Bekennerschreiben” und “Distanzierung”), die einer “Vulkangruppe” zugeschrieben werden: “Diese Spekulationen sind nichts weiter als der Versuch, die eigene Ohnmacht zu kaschieren... Also wird ein äußerer Feind konstruiert. Das ist bequem, entlastet und verschiebt die Debatte (Opens in a new window).” Also: wir wissen nicht, wer es war, und darüber zu diskutieren offenbart in der Abwesenheit belastbarer Fakten nur die eigenen politischen Instinkte und Bedürfnisse, und ist as such redundanter Bullshit.



Was wir eigentlich diskutieren sollten: how to friedliche Sabotage?

In aller Kürze, weil die Medienarbeit der letzten Tage mich ein wenig in Beschlag genommen hat, und ich noch nicht wirklich wieder auf voller Betriebstemperatur bin:

Erstens glaube ich, zusammen mit Scully (Opens in a new window) und manchen anderen Linksradikalen, dass wir endlich mal ein offenes und öffentliches Gespräch über legitime Sabotageakte führen sollten: unter welchen Bedingungen ist welche Art von Sabotage legitim, unter welchen gar notwendig? Was müsste beachtet werden, um solche Aktionen auf eine ethisch akzeptable Art durchführen zu können? Das linksliberale “die Russen waren's!” soll u.a. genau so eine Diskussion verhindern, weil ein großer Teil der dt. Linken immer noch nicht akzeptieren will, dass wir schon lange über die Zeit von einfachen Petitionen, appellativen Demos und symbolischen Blockaden hinaus sind.

Um das zu wiederholen, was ich gestern im Interview für die heutige Ausgabe von Kontraste (ARD) gesagt habe: es gibt auf jeden Fall Situationen und Kontexte, in denen Sabotageakte legitim sind, zum Beispiel wenn ein paar hundert Nazis in einem Regionalzug sitzen, um irgendwo in Franken oder Sachsen nen CSD aufzumischen... dann wäre eine friedliche Gleissabotage sowohl aus gesinnungs- wie aus nutzenethischer Perspektive der optimale Weg, Gewalt zu verhindern; oder zum Beispiel die nächtliche Sabotage der Baustelle eines fossilen Gaskraftwerks, und, und, und. Auf solche Aktionen müssen wir uns auch über öffentliches Storytelling vorbereiten, weil erst das dieser Art von Aktion einen Sinn zuweist, sie attraktiv oder unattraktiv machen kann... Wer jetzt sagt “das waren unmöglich wir” sagt nichts über die Realität, verstellt uns aber den Weg zu einer wichtigen Debatte.


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Und was lernen wir daraus? SoliPrepping!

Zweitens erinnert uns diese Katastrophe, wie schlecht wir als Gesellschaft auf Katastrophen vorbereitet sind – egal ob „natürlich“ oder menschengemacht. Das Leid, das Menschen in einer Katastrophe erleiden, ist eben auch das Resultat schlechter, oder mangelhafter Vorbereitung auf solche Katastrophen. Denn es kann eigentlich überhaupt nicht angehen, dass ein Brand an zwei Stromkabeln in der Bundeshauptstadt zu einem viertägigen Stromausfall für Zehntausende Menschen führt. Das ist ein totales Versagen gesellschaftlicher – was in diesem Fall vor allem heißt staatlicher und öffentlicher – Katastrophenhilfestrukturen.

Was wir aber auch erleben: wie viele Berliner*innen mit einer Welle der Solidarität und Unterstützung reagieren, und so die Grundthese der entstehenden „Kollapsbewegung“ bestätigen: Menschen helfen sich in einer Katastrophe gegenseitig, statt einander die Köpfe einschlagen zu wollen. Berliner*innen haben vollkommen „fremden“ Menschen angeboten, bei ihnen in der Wohnung zu schlafen. Ehrenamtliche Helfer*innen aus ganz Deutschland reisten an, um Kaffee zu kochen, Brötchen zu schmieren, und auf allerlei andere Arten und Weisen zu helfen.

Das Spannende an dieser Art gesellschaftlicher Katastrophenhilfe ist, dass sie nicht nur horizontale soziale Beziehungen stärkt und ganz konkret menschliches Leiden reduziert. Sie vermittelt den Helfenden außerdem ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, von praktisch wirksamer Solidarität, das so ganz im Gegensatz steht zu den Gefühlen, die gerade in der Gesellschaft zu dominieren scheinen: Machtlosigkeit, Angst, Vereinzelung. Wer in einer Katastrophe anderen hilft, erlebt, dass wir in einer Katastrophe nicht handlungsunfähig sein müssen, sondern, mit der richtigen Vorbereitung, in der Lage sind, selbstwirksame, solidarische Menschen zu sein. Und wem in einer Katastrophe solidarisch geholfen wird, erlebt, dass Katastrophen nicht das Ende der Menschlichkeit sind, sondern Momente, die das Beste in Menschen hervorbringen können.

Genau in diese Richtung weist die entstehende „Kollapsbewegung“: Wir als Bewegung akzeptieren, dass es immer mehr „Katastrophen“ geben wird, welcher Art und wie verursacht auch immer. Wir wissen, dass in solchen Katastrophen Menschen leiden werden, und wollen dieses Leid reduzieren, gleichzeitig aber auch Pfade zu Hoffnung und Handlungsfähigkeit trotz Katastrophe anbieten. Die Strategie, die wir hier vorschlagen, nennen wir „solidarisches Preppen“. Das bedeutet nicht, massenhaft Vorräte in privaten Bunkern zu sichern, sondern zuallererst soziale Beziehungen und Netzwerke zu stärken. Das bedeutet, Nachbar*innen und Mitglieder der eigenen „Community“ (in meinem Fall wäre das unter anderem die queere/schwule Community Berlins) aktiv kennenzulernen, herauszufinden, wer welche (besonderen) Bedürfnisse hat, wer welche Fähigkeiten und Ressourcen mitbringt. Es bedeutet, Treffpunkte und Kommunikationsweisen festzulegen, für den Fall, dass keine Telekommunikation funktioniert. Solidarisches Preppen bedeutet, Gemeinschaften zu stärken, und somit solidarisches Handeln in der Katastrophe praktisch möglich zu machen.

Und je besser wir uns solidarisch auf Katastrophen vorbereiten, desto resilienter werden wir als Gesellschaft – egal, ob bei Stromausfall oder Hochwasser, trotz Kollaps und Faschismus. Solidarische Katastrophenvorbereitung ist der Weg nach vorne. Berlin hat das in diesen Tagen wieder sehr eindrücklich bewiesen.

Mit jahresanfangsmüden Grüßen,

Euer Tadzio

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