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Schlagfertigkeit ist Übungssache

Ein paar Tipps von Renate Künast, einer Politikerin, die viel Anfeindungen und Sexismus erlebt hat

Renate Künast hat sich gewehrt: Sie ist juristisch gegen Hasskommentare vorgegangen. Die grüne Spitzenpolitikerin hat über Jahrzehnte hinweg auch offline Formen von Sexismus erlebt. Darüber sprachen wir diese Woche in Berlin - bei meiner Buchpräsentation von “Feindbild Frau”. Ich möchte zwei, drei Tipps von Künast zitieren:

Vorbereitung ist zentral, Spontanität wird überschätzt

Künast erzählte: Frauen haben schon große Fortschritte gemacht. Früher gab es regelmäßig das Problem, dass zum Beispiel bei Meetings lauter Männer und nur eine Frau anwesend waren. Prompt sagte jemand zur Frau: “Machst du uns den Kaffee?” Sie erzählte, wie sich Frauen dagegen schon im Vorfeld rhetorisch wappneten.

Eine Technik: Bewusstes Missverstehen

Nehmen wir an, ein Mann sagt vor der Sitzung: “Machst du mal den Kaffee?” Eine Taktik kann sein, die Frage bewusst falsch zu verstehen und zu antworten: „Puh, nein, danke! Ich kann keinen Kaffee mehr trinken. Hab gestern 5 Tassen getrunken, viel zu viel!“

Man entzieht sich der anmaßenden Frage, ohne direkt in den Konflikt zu gehen.

Ich möchte natürlich ergänzen:

Sexismus kann man auch ansprechen

Mal direkter, mal etwas mehr durch die Blume. Zum Beispiel kann man auch antworten: „Aha, soso, die einzige Frau im Raum soll also den Kaffee machen?“ Wohlgemerkt: Dieses Dagegenhalten ist eben leichter im Jahr 2026 als etwa im Jahr 1976, wo einzelne Frauen wirklich Vorkämpferinnen waren.

Noch eine Taktik: Verbündete suchen und vorbesprechen

Künast erzählte, wie sich vor einigen Jahrzehnten Frauen vor solchen schwierigen Sitzungen gegenseitig berieten. Zum Beispiel hilft oft auch, eine oder einen Verbündete:n zu suchen. Etwa kann man sich absprechen und vor dem offiziellen Beginn der Sitzung dermaßen intensiv im Gespräch sein, dass keine lästigen Fragen an einen herangetragen werden.

Das Wichtigste hier ist aber: In der Regel wird man als Einzelne die passende Technik nicht aus dem Stegreif finden – sondern es hilft, vorzuplanen.

Das Vorplanen kann zwei Dinge umfassen:

  • Erstens ist sinnvoll, sich gedanklich zu stählen. Man wird seltener am falschen Fuß erwischt, wenn man sich vor einer schwierigen Sitzung/Situation darauf vorbereitet, dass zum Beispiel sexistische Aussagen fallen könnte oder dass ein heftiger Streit in einer Runde bevorsteht. Das löst zwar nicht das Problem, aber es macht einen wachsamer.

    Ich selbst habe hierbei ganz konkret die Erfahrung gemacht: Es hilft, sich vor schwierigen Diskussionsformaten die eigene Rolle vor Augen zu führen. Wie will ich von anderen wahrgenommen werden? Welche Art der Äußerung passt zu meinem gewünschten Auftritt? Ein Bild vom eigenen professionellen Auftritt, selbst in einer konfrontativen Situation, vor Augen zu haben, hilft dann, in dieser Rolle zu bleiben.

  • Zweitens ist sinnvoll, sich auch konkrete Sätze zurecht zu legen. Vieles, was Menschen als spontan wahrnehmen, ist keinswegs spontan. Dazu erzählte Künast: Einige der besten Zwischenrufe im deutschen Bundestag waren überhaupt nicht spontan. Sondern wurden zwei, drei Tage zuvor entwickelt – etwa in einer launigen Runde mit anderen Kolleginnen und Kollegen.

Dazu eine Anmerkung: Einen großartigen Tipp zur Schlagfertigkeit hat die Rhetorik-Trainerin Nicole Staudinger geliefert – zum Beispiel in diesem Podcast (Öffnet in neuem Fenster). Sie sagt:

Oft helfen bereits zweisilbige Antworten wie “Ach was”. Oder: “Du Fuchs.” Man gewinnt mit einer kecken, zweisilbigen Antwort schnell mal wieder die Kontrolle (Öffnet in neuem Fenster) über eine Situation zurück.

Nehmen wir an, man hält eine Präsentation und ist eigentlich ganz zufrieden damit. Doch eine Kollegin sagt danach als erste Reaktion: “Na ja, das Rad hast du auch nicht neu erfunden.” Ein irritierender Moment. Das kann einem den ganzen Tag vermiesen. Aber es kann sogar schon helfen, in etwas keckem oder amüsiertem Tonfall prompt zu sagen: “Ach was.”

Ich finde diesen Tipp mit den zweisilbigen Antworten so gut, weil er enorm simpel ist: Man wird nicht immer die eloquenteste Reaktion parat haben. Aber ein erstauntes “Ach was” oder “Aha” kriegt man vielleicht doch über die Lippen.

Niemand wird es schaffen, immer souverän zu wirken: Aber man kann üben. Und sowohl Alltagssexismus, als auch andere Konfliktsituationen lassen sich zum Teil parieren. Schlagfertigkeit muss kein angeborenes Talent sein – sondern ist oft auch erlernt.

Künast erzählte, dass über Jahrzehnte hinweg viel frauenpolitische Arbeit bedeutete, gemeinsam solche rhetorischen Tricks auszutauschen – gegenseitig Verbündete in Sitzungen zu sein. Viele Tricks funktionieren auch leichter, wenn man sich nicht ganz allein im Raum fühlt.

Danke an Renate Künast, dass sie beim Abend in Berlin dabei war, dass wir über mein Buch “Feindbild Frau” sprechen konnten – und dass sie sich selbst so kämpferisch zeigte!

Und hier ein paar bevorstehende Veranstaltungen:

  • 5.3., EU-Parlament, Brüssel, 17 Uhr, Einblick ins Buch beim Presse-Seminar "International Women's Day: Digital Violence Against Women"

  • 11.3., Museum Moderne Salzburg, 18.30 Uhr, Impulsvortrag zum Thema täuschende Bilder (inklusive KI-Fakes)

  • 16.3., Buchhandlung Faktory, Wien, ab 18 Uhr, Präsentation und Diskussion zu Feindbild Frau

  • 21.3., Leipziger Buchmesse, Österreich Kaffeehaus, Gespräch zum Buch ab 13.30 Uhr

  • 26.3., Dussmann, das KulturKaufhaus, Berlin, ab 19 Uhr, Gespräch mit Veronika Kracher und Isabella Caldart

  • 8.5., Journalismusfest Innsbruck, genaue Uhrzeit wird noch bekannt gegeben, Diskussion

Danke an alle, die bis hierhin gelesen haben! Ich melde mich wieder in 2 Wochen,

schönen Gruß

Ingrid Brodnig

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