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SEHENDEN GLAUBENS...

SACHBUCH-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)

...ins Unglück? ... ins Glück? ...auf zum Beutezug? ...zur Macht? Irgendwie alles? Da sich der Titel dieser Rezension auf einen „aufschlussreichen Lapsus“ des rechtsextremen französischen Politikers Éric Zemmour bezieht, der ihm „während der Präsidentschaftskampagne im 2022 unterlief“, wohl alles. Dieser sagte nämlich:

<<Ich sehe nur, was ich glaube.>>

Da er wohl keine Psychose durchlitt, nennen wir es mal Freudschen Versprecher. Und der italo-schweizerische Schriftsteller Giuliano Da Empoli sieht sich in seinem Buch DIE STUNDE DER RAUBTIERE bestätigt:

„[...] Éric Zemmour [...] hat das logische Prinzip der Epoche nur bestätigt. Es wäre eine irrige Annahme, dieses Prinzip beträfe nur die anderen, jene, die nicht so denken wie wir, wir sind dem nämlich alle unterworfen, auch die Eliten, denn sie sind nicht weniger anfällig für Manipulation und Panikattacken als das wütende Volk.“

Der vielgereiste, bestens vernetzte da Empoli, Mitgründer des pro-europäischen Think Tanks Volta und ehemaliger stellvertretender Bürgermeister für Kultur in Florenz sowie Berater des einstigen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi, nutzt Ereignisse und Begegnungen der letzten Jahre in New York, Florenz, Riad und Co., um anhand von Anekdoten und Zitaten sowie historischen Parallelen von der „Macht und Gewalt der neuen Fürsten“ zu berichten.

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Natürlich fehlt in den Notizen und Gedanken zu Anpassung und Effizienz, Kapazitäten und Intelligenz (Öffnet in neuem Fenster), Populismus und dem Unterwandern demokratischer Prinzipien (Öffnet in neuem Fenster), Gewalt und Grausamkeit, schnellem und/oder überlegtem Handeln, autoritärer Intelligenz und bipolarer Sanftmut, Macht der KI (Öffnet in neuem Fenster) und des Geldes, Wirkung einfacher Worte und der (schwindenden) Macht der Presse, den „Optimaten von Davos“ und den „modernen Borgianern (Öffnet in neuem Fenster)“ auch der „Ur-Fürst“ Niccolo Machiavelli nicht. Trotz eher düsteren (Aus-)Blicks ist der Ton teils pointiert und das Buch durchweg erstaunlich unterhaltsam (immerhin beginnen wir quasi mit Veep). Ohne selbst in Zynismus zu verfallen, macht der Autor weder sich noch uns etwas vor, mit welch handstreichartigem Zynismus „die da oben“ und manches Mal „die da im Schatten“ agieren.

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Da Empoli zeigt sich immer wieder überrascht, wie autoritäre, autokratische und/oder diktatorische Staatenlenker (Öffnet in neuem Fenster), skrupellose Funktionäre und Menschenschlächter (Öffnet in neuem Fenster) am Ende doch mit Charme und einnehmender Persönlichkeit punkten können. Etwa Mohammed bin Salman Al Saud, Kronprinz und Premierminister Saudi-Arabiens, den er in einer Begegnung als „Oase der Gutmütigkeit“ beschreibt. Der aber, natürlich, dennoch bestens mit der „Technik des Staatsstreichs“ vertraut ist. (Da Empoli beschreibt erschreckend und beinahe wie in einem Thriller eine Situation im Ritz-Carlton in Riad aus dem November 2017.) Wie so viele andere Raubtiere ebenfalls (Öffnet in neuem Fenster).

Das Buch versammelt teils erstaunliche Gedanken, beklemmende Sorgen und stellt manche noch immer hochgehaltenen Glaubenssätze auf den Kopf. Vor allem mit Blick auf die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) und den teils sehr positiven Nachklapp, insbesondere zu den USA und China, eine lohnenswerte Lektüre, die zeigt, wie wenig wir trotz zunehmender Informationen in der Lage sind, die Zukunft vorherzusagen.

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Einzig das Lektorat des C.H. Beck Verlags hätte hier und da aufmerksamer arbeiten dürfen, vor allem was die Schreibweise von Namen angeht: Sergey oder Sergej? Al Walid oder al-Walid? Oder sprachliche Unschönheiten wie „er wendete sich zu“, der Fauxpas “stützen” statt “stürzen” in wichtigem Zusammenhang schmälern die Intensität ein wenig. Gerade bei diesen Themen und den vielen, vielen Playern, sind Namen eben nicht nur Schall und Rauch (wenn auch so mancher verbannt bis verbrannt wird).

AS

PS: Der deutsche Titel ist insofern ein wenig unglücklich, als dass Raubtiere aka Carnivoren nicht zuletzt auch aus (biologischer) Notwendigkeit agieren. Da ist der französische Titel “L’heure des prédateurs” treffender. Zwar ist ein Prädator im Grunde auch ein Raubtier, aber dies - im neueren Sinne - oft aus Lust an der Jagd und dem Leid. Sei’s drum: “Die Stunde der Prädatoren” klingt halt auch nicht gut, ne.

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Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).

Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gealt der neuen Fürsten (Öffnet in neuem Fenster); September 2025 (5. Auflage 2026); Aus dem Französischen von Michael Meßner; ISBN: 978-3-406-83821-7; C.H. Beck Verlag; 15,00 €

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Kategorie Sachbuch

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