ROMAN-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Seit gestern Abend wissen wir: Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Dorothee Elmiger und ihren Roman Die Holländerinnen (Rezension folgt). Schon seit Bekanntgabe der Longlist Ende August wussten wir (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Caroline Wahl würde ihn auch in diesem Jahr nicht bekommen, war sie doch erneut wieder nicht unter den Nominierten (wie auch sonst für keinen der Herbst-Buchpreise dieses Jahres). So mancher Vergleich wude in diesem Zusammenhang bereits gezogen, etwa mit dem für viele nur bedingt sympathischen Vorjahres-Nichtgewinner (aber immerhin Nominierten) Clemens Meyer.

Ein – zugegeben etwas hoch gegriffener, aber aufgrund der Parallelität der Ereignisse – bislang noch wenig gezogener Vergleich ist jedoch der mit US-Präsident Donald Trump. Denn auch er hat zuletzt und ganz fulminant ebenfalls am Montag in der Knesset, dem israelischen Parlament, noch einmal beteuert, dass er ja schon den Friedensnobelpreis verdient hätte (und ihn wohl nie bekommen werde). Für seine nach eigener Aussage acht beendeten Kriege. Und wer weiß wofür noch.
Egal ob es ein US-Präsident oder eine Bestsellerautorin ist, wenn jemand seine eigene Leistung öffentlich für so prämienverdächtig hält, dass er oder sie gleich den angesehensten und publikumswirksamsten Preis in der Branche für sich reklamiert, hat das doch immer ein Geschmäckle und zeugt von wenig Demut. Und auch wenn es an mancher Stelle verdient sein mag (weder für Trump noch für Wahl sehen wir dies an dieser Stelle jedoch gegeben), so lässt sich mit ebenjener Demut vermutlich mehr gewinnen als mit brachial vorgetragenem Anspruchsdenken.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/5e519537-b8cd-42a8-9824-266a378f100c (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Nach diesem Exkurs nun zurück zum eigentlichen Gegenstand dieses Textes: Caroline Wahls Roman Die Assistentin, der bereits die Bestsellerlisten erklommen hat, und nicht mehr bei Dumont, sondern erstmals bei Rowohlt erschienen ist. Übrigens: Buchpreisträger Tonio Schachinger gab kurz nach seiner Auszeichnung 2023 zu Protokoll, dass er für den erwarteten Erfolg natürlich von Kremayr & Scheriau zu Rowohlt wechselte und bekam für diese wenig bescheidene Aussage auch einen öffentlichen Rüffel.
Und ja, jajaja, ich schweife an dieser Stelle nicht nur so häufig in meinen Gedanken ab wie Donald Trump am Montag in seiner bestesten Rede ever in der Knesset, sondern auch wie Ugo Maise in seiner... nennen wir es Amtsführung. Maise nämlich ist der Verleger, dessen titelgebende Assistentin Charlotte ist, die Erzählerin in dem jüngsten Band von Wahl. Maise ist ein... komplizierter Mensch, zerstreut, unfokussiert, lässt sich wenig in die Karten schauen und natürlich, obwohl er als Verlagsleiter die Verantwortung trägt, sieht er immer alle anderen in ebendieser. „Alles Idioten außer ich“, etwa so könnte mensch sein Credo zusammenfassen.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/f2573a28-a810-4e36-9431-22d8a4d44523 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Charlotte reiht sich nun ein in den Reigen seiner Assistentinnen, von denen wir einige Vorgängerinnen kennenlernen und sie, die eigentlich Musikerin werden, es ihren Eltern mit einem „anständigen“ Job jedoch recht machen will, zieht für die Stelle nach München oder vielmehr in eine wenig angenehme Wohnung in Ismaning bei München. Sie erweist sich als erstaunlich resilient, macht die vielen Marotten ihres Chefs mit, freut sich über so manche Anerkennung und zieht auch durchaus an einigen Stellen Kraft aus ihrer Tätigkeit.

Dabei übersieht sie jedoch, wie viel mehr Kraft sie dieser Job doch kostet. Etwas mehr als ein halbes Jahr übt sie diese Tätigkeit aus, gibt sich der Aufgabe voll hin und nur der Musik nochmal mehr. Sie verliebt sich, zumindest ein wenig, aber auch diese sich anbahnende Beziehung ist nicht von Glück gekrönt. Die Stelle im Verlag ist einerseits das, was Charlotte Halt gibt, aber gleichzeitig zieht es sie auch immer weiter nach unten. Stockholm-Syndrom oder toxische Beziehung, liebe Leser*innen dieses Textes, sucht euch aus, was die Situation am besten beschreibt.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/63d95b20-7e84-4955-88ca-b953f36ad983 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Damit genung zum Inhalt. Der nämlich ist in der Tat einigermaßen fesselnd, mehr jedenfalls als die Verfilmung von Caroline Wahls erstem Buch 22 Bahnen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Überhaupt ist Die Assistentin unsere erste abgeschlossene Lektüre der Bestseller-Autorin, die auch vom Kulturstaatsminister unseres Vertrauens (wir haben ja leider keine Auswahl) offenbar geschätzt wird, zumindest das Erstlingswerk Wahls. Inhaltlich können wir der Geschichte Wahls gut folgen, sie fesselt, auch wenn sich ein gewisser Voyeurismus bei der Lektüre nicht leugnen lässt. Wir fiebern zwar mit Charlotte mit, aber ein wenig ergötzen wir uns auch an ihrem Leid (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Caroline Wahl wird ja vorgeworfen, über Armut zu schreiben, selbst jedoch nicht arm zu sein. Der Vorwurf klingt auf den ersten Blick zwar nachvollziehbar, ist jedoch Quatsch. Denn – siehe oben – so wenig man sich mit der Person identifizieren mag, wenn sie über ihr Thema gut schreiben kann (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dann sollte es egal sein, ob sie arm ist oder von Carsten Maschmeyer adoptiert wurde.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/1cb60989-0b1d-49d8-beda-0c93dfda4fb3 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Das Problem ist allerdings: Donald Trump denkt, er regiere gut, nur weil er nach eigenem Bekunden (ja, bewusste Wiederholung dieser unbelegten Tatsache) acht Kriege beendet habe, heißt das nicht, dass er ein guter Präsident sei. Dazu gehört nämlich auch, das Land innenpolitisch gut zu regieren, nicht zu spalten und internationale Zusammenarbeit zu stärken. Nicht gerade das, was er tut, oder? (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Ähnlich ist es bei Caroline Wahl. Ja, ihre Bücher mögen sich gut lesen lassen und noch besser verkaufen (Die Assistentin steht wenig überraschend auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, was auch der räudige Sticker auf Cover wie unserem Beitragsbild verrät), aber inhaltlich und auch stilistisch sind sie nicht gerade hohe Literatur. Charlotte und vor allem manche Nebenfiguren wirken wie Abziehbilder. Sie macht ohne Not Nebenschauplätze auf, die es nicht gebraucht hätte und die sie am Ende nicht auserzählt. Den Parmesan etwa hat ein Caspar-Maria Russo weit besser in seine Geschichte eingebunden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) als Wahl. Was sie schreibt, mag (galgen-)humoristisch sein, aber literarisch rund oder gar elegant ist es nicht.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/48bddbe0-53c0-4e64-a32b-23bfe83a2cbc (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Dazu kommen die bewussten Redundanzen. Ich bediene mich dieses Stilmittels in diesem Text offenkundig selbst und merke bereits beim Schreiben, wie anstrengend es selbst auf wenigen Zeilen ist. Caroline Wahl zieht es jedoch über mehr als 360 Seiten immer und immer wieder heran, will damit natürlich die bereits genannten Punkte unterstreichen. Allerdings hat es mich bei der Lektüre eher gestört als bereichert.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Literarische Klasse – und die sollte es bei dem als „Roman des Jahres“ prämierten Buch ja geben – hat Die Assistentin jedenfalls nicht vorzuweisen. Auch die Debatte, die es anstößt, dreht sich (nicht zuletzt dank der öffentlichen Interventionen der Autorin, wie hier im Tagesspiegel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) eher um das Drumherum als um den Inhalt. Bei Teresa Bückers (2023 für den Deutschen Sachbuchpreis und den NDR-Sachbuchpreis nominiert) Alle Zeit gab es eine inhaltliche Debatte um die von der Autorin aufgeworfenen Fragen der Wertschätzung von Care-Arbeit.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/e938c437-359a-44b0-9723-c83e8cba8d1c (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Assistentin böte das Potential, über Bullshit-Jobs, toxische Männlichkeit, Generationenkonflikte, gesellschaftliche Utopien oder einfach über Wertschätzung zu debattieren. Wir jedoch sprechen darüber, dass Caroline Wahl diesen verdammten Preis gerne hätte, dass sie doch nicht qualifiziert über Armut schreiben könne, weil sie selbst stinkreich sei (und das nicht als Erbin, sondern als Autorin von drei Bestsellern – sie hat ja etwas richtig gemacht). Ihr merkt: Da läuft etwas falsch. Die Debattenkultur sollte sich ändern. Und wenn Frau Wahl diesen Preis will, dann soll sie einfach mal literarisch herausragende Bücher statt reiner Unterhaltungsliteratur schreiben. Dazu gehört aber auch, sich Kritik gefallen zu lassen und anzunehmen und sich nicht beleidigt zurückzuziehen, weil „die böse Jury schon wieder nicht erkennt, was ich Tolles gemacht hab.“ Letzter Rat geht übrigens nicht nur nach Kiel, sondern auch nach 1600 Pennsylvania Avenue.
HMS
PS: Uns würde ja interessieren, wie Donald Trump reagieren würde, wenn er statt des Friedens- irgendwann den Literaturnobelpreis bekäme. Geistige Ergüsse wie #covfefe gibt es ja genug von ihm und sexueller Missbrauch sind sowohl ihm als auch der Nobeljury ja keine Fremdworte...
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/0d646633-b196-4b52-97ac-3662bc053afe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)PPS: Bitte, bitte, bitte, liebe Verlage: Erlaubt es der Presse, den Blogger*innen und Co. auch Cover zu laden, auf denen keiner der Spiegel-Sticker klebt. Sie mögen ein Grund zum Kauf sein, zum Anklicken einer Rezension verleiten sie wohl eher nicht. Zudem sind sie wirklich derart unästhetisch, dass Trumps Golfplatz-Posen sich im Vergleich schon beinahe positiv ausnehmen.
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Eine Leseprobe findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Caroline Wahl: Die Assistentin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); August 2025; 368 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-498-00770-6; Rowohlt Verlag; 24,00 €