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Kurze Content Note vorab: In diesem Text geht es um das Thema „Gewichtsreduktion“. Es werden verschiedene Perspektiven eingenommen, in keiner davon wird eine Empfehlung zum Abnehmen ausgesprochen. Thematisiert werden u. a. Essstörungen, „SkinnyTok“ und die „Abnehmspritze“. Solltest du dich aktuell nicht mit diesen Themen beschäftigen wollen, ist das absolute valide. Bitte lies nur weiter, wenn du die Kapazitäten dazu hast.
Ich denke aktuell viel über das Thema „dünn sein“ und Gewichtsabnahme nach. Schon wieder. Aber immerhin: Nicht (mehr) auf die Weise, wie ich es früher getan habe. Ich will nicht mehr um jeden Preis dünn sein, mache meinen Wert nicht mehr von der Zahl auf der Waage oder auf dem Schildchen in meiner Jeans abhängig. Ich habe meine Haltung zu dem Thema sortiert. Dachte ich zumindest. Denn auf das, wie Körper – insbesondere in den sozialen Medien – derzeit wieder repräsentiert, besprochen und verhandelt werden, war ich dann irgendwie doch nicht vorbereitet.
Quo vadis, Body Positivity?
Es war doch gefühlt erst gestern, dass wir – zumindest annäherend – so etwas wie Konsens darüber erreicht hatten, dass Körper nicht kommentiert werden. Wie waren uns einig darüber, dass jede*r von uns auf die ein oder andere Weise Opfer der Diätkultur sind, die unseren Blick auf Körper nachhaltig geschädigt hat. Dass einen dicken Körper zu haben nicht gleichbedeutend damit sein muss, ungesund zu sein. Dass niemand irgendwem eine bestimmte Körperform, eine Optik, einen Look, eine Zahl auf der Waage – oder sogar Gesundheit schuldet. Dass all diese Dinge Privatsache sind. Dass wir unsere Sehgewohnheiten diversifizieren wollen und dürfen. Dass dicke Körper nicht das Resultat mangelnder Disziplin sind. Dass nicht alle dicke Menschen faul oder unsportlich sind – und wenn sie es sind, dass sie es sein dürfen und nicht sind, nur weil sie eben dick sind.
Na gut, ich sehe es ein. „Konsens“ ist vielleicht etwas übertrieben. Aber zumindest war mein Eindruck, dass all diese Themen und Ansichten offen besprochen wurden und dass immer mehr Menschen zu der Überzeugung gekommen sind, dass dicke Körper nicht abgewertet werden und dass unterschiedliche Menschen eben unterschiedliche Körper haben. Simple as that. Nun stecke ich zwar auch in einer Bubble fest, in der diese Haltung seit Jahren verteidigt wird, schon klar. Aber dennoch frage ich mich: Waren wir nicht bereits an dem Punkt, an dem vielfältige Körper in Werbespots, auf Laufstegen und generell in den Medien häufiger repräsentiert wurden? Dass sogar in den Traditionsblättern offen über den Sinn und Unsinn des BMI gesprochen wurde?
Nur scheint davon seit einigen Monaten kaum noch etwas übrig zu sein. Diversitätsprogramme werden eingestampft, was nicht nur dicke Menschen von den Bildschirmen verschwinden lässt, sondern auch behinderte, PoC und weitere marginalisierte Gruppen. Auf SkinnyTok konkurrieren insbesondere weiblich gelesene Personen um die dünnsten Bäuche und Beine. Man kommt sich vor wie in den Nullerjahren, als es erstrebenswert schien, eine Thigh Gap zu haben, und als wir uns noch nicht um die feinen Unterschiede anatomischer Strukturen (z. B. Beckengröße und -stellung) gekümmert haben. Und immer mehr (ehemals dicke) Creator*innen zeigen ihre „Abnehmreise“ – ob mit der „Abnehmspritze“ oder mittels OP –, während andere (dünne) Creator*innen Medikamente (!) wie Ozempic und Co. als „einfachen Weg“ wahlweise lächerlich machen oder selbst nutzen, um noch schlanker zu werden.
Ganz ehrlich: Ich weiß manchmal nicht mehr, wo ich anfangen, was ich denken und fühlen soll. All diese Inhalte strömen auf uns ein und sie zu sortieren ist einmal mehr zur Mammutaufgabe geworden. Geschweige denn, sie zu analysieren, sie zu verstehen und das zu entlarven, was (zumindest in manchen Fällen) dahintersteckt.
Darf man jetzt nicht mehr abnehmen wollen?
Für jemanden, der sich dafür einsetzt, dass alle Körper gleichbehandelt werden und nicht kommentiert werden, scheint es ziemlich bigott zu sein, Creator*innen herauszustellen, die abnehmen, oder? Könnte es sein, ja.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich sein: Es geht mir nicht darum, Individuen zu kritisieren. Ganz und gar nicht. Ich bleibe bei meiner Haltung, dass jeder Körper sich zu jeder Zeit in die ein oder andere Richtung verändern darf. Ich fordere sogar ein, dass er das unbewertet darf.
Natürlich ist der Wunsch zur Gewichtsabnahme valide, die Gründe dafür können vielfältig sein. Vielleicht bemerken wir, dass wir in einer anderen Phase unseres Lebens beweglicher waren, weniger Schmerzen hatten. Vielleicht gibt es gesundheitliche Gründe für eine Reduktion, die eben doch im Zusammenhang mit einem hohen Gewicht bzw. der Fettverteilung im Körper stehen können. Vielleicht versprechen wir uns von einer Gewichtsabnahme aber auch einfach nur, endlich Ruhe vor einem System zu bekommen, dass uns konstant abwertet, sich über uns lustig macht und uns ausschließt. Vielleicht wollen wir beim Arzt oder der Ärztin endlich mit unseren Symptomen ernstgenommen werden und nicht bei Ohrschmerzen hören „Nehmen sie erst einmal ab.“ Vielleicht wollen wir unseren Körper auch einfach nur auf eine neue Art entdecken und erleben. All das ist okay.
Ich spreche mich ausdrücklich nicht gegen einen Abnehmwunsch aus – und ich spreche mich ausdrücklich nicht gegen die Mittel aus, die dazu herangezogen werden. Auch nicht gegen „die Abnehmspritze“ oder bariatrische OPs. Denn jeder Mensch mit Mehrgewicht, der schon einmal versucht hat abzunehmen, weiß: Es gibt keinen „einfachen Weg“, um Gewicht zu verlieren, wie es einem so oft unterstellt wird. Keiner dieser Wege ist „leicht“, weil es eben nie nur um das Verlieren von Gewicht geht. Es geht um Einstellungen, Gewohnheiten, verinnerlichte Glaubenssätze, die Vorstellung davon, was wir selbst wert sind – und um so viel mehr, womit wir uns zeit unseres Lebens beschäftigt haben und beschäftigen mussten, weil uns die Gesellschaft dazu gezwungen hat.
Also noch einmal ganz deutlich: Ich verurteile weder andere Menschen noch mich selbst für einen Abnehmwunsch.
Aber worum geht’s denn dann?
Es geht, wie so häufig, wenn wir über Diskriminierungen, Benachteiligungen und Herabwürdigungen (und nichts anderes ist fettfeindliche Stigmatisierung) sprechen, nicht um die individuelle Ebene, auch wenn so viele Aspekte auf dieser ausgetragen werden. Es ist möglich – oder es sollte es wenigstens sein – anzuerkennen, dass Individuen abnehmen möchten und dass gleichzeitig auf systemischer Ebene etwas gewaltig schiefläuft.
Dass „skinny“ zu sein gerade wieder einen so hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnimmt, ist kein Zufall. Historisch lässt sich beobachten, dass rechte und faschistische Strömungen und Staaten auf einen schlanken, gesunden und weißen Körper als „die Norm“ setzen. Er steht für Stärke und Disziplin. Abweichungen davon, sei es z. B. aufgrund von Herkunft, Erkrankung oder bzgl. des Körpergewichts, hingegen werden nicht nur als „anders“ (und damit implizit – und immer öfter auch explizit – „unterlegen“) gekennzeichnet, sondern mit Blick auf Körperformen auch als moralische Schwäche interpretiert. Was selbstverständlich nicht nur hanebüchen, sondern willkürlich, konstruiert und schlichtweg falsch ist. Es geht hierbei um nichts anders als um Dominanz, Überlegenheit und Macht.
Da wir weltweit seit einigen Jahren immer stärkere Entwicklungen hin zu rechtem Gedankengut, offenem Fremdenhass und autoritären Bestrebungen erleben, verwundert es also nicht weiter, dass die Abkehr von einer erlangten Körpervielfalt gerade jetzt passiert.
Was damit auch einhergeht: Wir sollen uns mit unseren Körpern, mit ihrer Optimierung, mit “Schönheit” beschäftigen. Vordergründig um dazuzugehören und Anerkennung zu finden. Klar, wer wollte das nicht? Diese Wünsche sind zutiefst menschlich. Aber man darf sich doch fragen, warum man schlank sein muss, um dazuzugehören. Denn im Grunde profitieren davon insbesondere der Kapitalismus, das Patriarchat und autoritäre Kräfte. Und letztendlich halten diese Themen uns vor allem eben jenes: beschäftigt. Während wir also mit Diäten, Workouts und Beauty-Routinen beschäftigt und dazu noch hungrig sind, wähnen sich jene, die davon profitieren, in Ruhe, um sich ungestört um ihre Macht und deren Erhalt oder „das Stadtbild“ zu kümmern. Bitte hier einen Kotzemoji hindenken.1
Zusätzlich geht es mir um ein sehr persönliches Gefühl: Enttäuschung. Ja, ich bin enttäuscht von (zumindest einigen) ehemals dicken Creator*innen. Ich bin nicht sauer darauf, dass sie den Wunsch hatten, abzunehmen und jetzt dünn sind. Ich bin auch nicht neidisch auf ihre neuen Körper. Ich gönne und wünsche es ihnen von Herzen, sich wohlzufühlen, Sicherheit und Zugehörigkeit zu finden – und das ist der Punkt: Genau das wünsche ich uns allen, egal, in welcher Körperform wir stecken.
Also fühle ich mich von ihnen verraten? Ja, ein bisschen – zumindest von denen, die jetzt über ihre (ehemals) dicken Körper sprechen, als seien sie bemitleidenswert. Als seien sie jetzt erst eine bessere oder „die richtige“ Version ihrer selbst. Als hätten sie erst jetzt verstanden, wie sehr sie sich selbst mit dem Dicksein geschadet hätten. Als hätten sie nicht selbst jahrelang für Akzeptanz und Vielfalt gekämpft – oder sie sich wenigstens gewünscht. Als läge die Lösung für alle Probleme im Dünnsein.
Denn genau diese Abkehr von sich selbst und dem, was einige dieser Menschen zuvor eingefordert haben, suggeriert mir: Es ist nur okay, Chancengerechtigkeit und Körperakzeptanz einzufordern, wenn wir selbst betroffen sind. Sobald wir schlank sind, hören wir auf, an eurer Seite zu kämpfen und Diversität zu fordern. Es suggeriert Überlegenheit, so, als müssten alle, die nicht schlank sind, erst noch verstehen, dass sie es nun eben doch werden wollen.
Als wäre es nie wirklich um diese Werte gegangen. Warum sonst werden sie über Bord geworfen, wenn man selbst schlank wird? Dabei brauchen wir doch alle vereinten Kräfte, egal, in welchen Körper sie jetzt stecken, früher gesteckt haben oder in Zukunft stecken werden, damit auch die in den letzten Reihen verstehen: Niemand hat das Recht, einen Körper zu be- oder gar abzuwerten. Eine menschliche Behandlung darf ebenso wenig Frage des Gewichts oder der Körperform sein, wie eine gerechte Teilhabe oder eine symptomorientierte medizinische Begleitung. Dass jemand dick ist, gibt niemandem das Recht, ihn*sie zu beleidigen, beschimpfen, herabzuwürdigen oder zu erniedrigen.
Können wir also bitte (wieder) dazu übergehen, Körperbilder nicht gegeneinander aufzuwiegen, sondern ihn allen den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen?
An dieser Stelle und zur Vertiefung empfehle ich das aktuelle Buch von Rebekka Endler: “Witches, Bitches, It-Girls” (allgemein und zu diesem Thema insb. ab ca. S. 70) ↩