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Me-time in Montréal: Wie fühlt es sich an, alleine wegzufliegen?

 

Plötzlich war die Idee da: Alleine nach Kanada fliegen. Das erste Mal seit 16 Jahren, seit ich Mama bin, völlig allein. Klar war ich mal beruflich von meiner Familie getrennt, für Lesungen, Drehs oder Moderationsjobs, aber wir reden über maximal 2 Tage, einen Hüpfer nach München, Frankfurt oder Wien. Nun stand es im Raum, denn meine ausgewanderte Tante Ingrid wollte ihr Haus verkaufen, indem ich so viele Sommer mit meiner Cousine Britta verbracht hatte, und ich wollte es zu gerne mit allen zusammen verabschieden. Eine Ära ging zu Ende- und ich wollte allein leise tschüs sagen. Echt allein?

Außerdem stand auch noch der 90. Geburtstag an, auch wenn sie erst wie Anfang 70 aussieht. Da bereits ein paar wilde Chinesen und ein lesbisches Pärchen ihr Angebot abgegeben hatten, war auch klar: Jetzt oder nie. Und: Wenn, dann allein, weil 5 Gäste einfach zu viel sind. Ich lag einige Nächte wach, war aufgeregt, negativ wie positiv. Allein beim Gedanken an den Flug raste mein Herz durch die Decke. Das Verrückte: Ich hatte schon immer Flugangst. Jahrelang stieg ich zwar für Audi alle zwei Wochen in den Flieger, um irgendwo auf der Welt zu moderieren, aber die Nervosität erlosch nie ganz mit den Anschnallzeichen. Zumindest nicht bei den langen Flügen. Die kurzen Hüpfer innerhalb Deutschlands interessierten mich tatsächlich irgendwann nicht mehr, weil sich ein Busfahrgefühl eingestellt hatte. Da lernte ich meine Texte und wartete auf das harte Aufsetzen in München, Frankfurt oder wo auch immer wir waren. Völlig egal. Nur die Flüge nach Neu-Delhi, Dubai und Istanbul konnte ich nicht so gut absitzen.

Was würden die Kinder zu diesem Plan sagen? Meine große Tochter war ohnehin für meinen Ex-Mann gebucht und fein mit allem. Nur unsere jüngeren Töchter Theresa und Sophia fanden den Plan völlig inakzeptabel, als wir es ihnen beim Abendbrot verkündeten. Gleichzeitig kam dann von Papa das Versprechen, dass sie in den Badeurlaub fahren würden, und die Kleinste sagte nur: „Alles klar. Tschüs, Mama! Wann fliegst Du?“

 Zwei Wochen später stand ich last minute am Hamburger Flughafen. Erst nach Frankfurt, dann knapp 8 Stunden nach Montréal. Ich sah sie alle immer noch winken, denn sie hatten mich zum Flughafen gebracht. Ein Gefühl von Wow-du-hast-frei-keiner-will-was-von-dir-du- bist- nur -für-dich-verantwortlich und Oh-Gott-wenn-du-abstürzt-sind-sie-Halbwaisen-und-dein-Mann-Witwer-wie-kann-man-so-eogistisch sein. Fast hätte ich meinen Handgepäckskoffer beim Scannen vertauscht. (Ja, nur ich und ein kleiner Koffer und eine Handtasche!) Gleichzeitig kamen mir ständig die Tränen. Als meine netten italienisch-kanadischen Sitznachbarn im Flieger mit mir den Platz tauschten, weil ich aus unerklärlichen Gründen am Fenster saß, obwohl ich extra einen Gangplatz gebucht hatte, als ich den Film „Wunderschöner“ guckte und mir die ganzen deutschen Liebesprobleme reinzog, als die Stewardess sich wie eine Mutter um mich kümmerte und mir Ayurveda-Tee brachte- ich heulte ein bisschen. Der Flug war unerwartet angenehm. Mein Mann hatte so gebucht, dass ich mich langmachen konnte, das Essen war erstaunlich gut und alle klimperten mit echtem Besteck. Auch wenn ich so richtig entspannt immer erst nach der Landung bin, wenn alle Muskeln loslassen, war ich tatsächlich unerwartet relaxt. Heulte noch etwas bei Bridget Jones, erfreute mich am Hochzeitsglück meiner Winnipeg-Sitznachbarn, deren kanadischer Sohn gerade seine rumänische Kollegin bei Adidas geheiratet hatte- und war plötzlich da. In kanadischer Mittaghitze, während es in meinem Kopf ja 22.00 Uhr war.

Daheim warteten schon alle bei Drinks und Snacks, ein Gefühl von nach Hause kommen. Nur eben nicht daheim zu „Mama, ich habe Durst!“, „Hausaufgaben mache ich später!“ und „Wann gibt´s Essen?“ Natürlich liebe ich das alles, aber im Dauerfeuer mit drei Kindern kann eine Pause nicht verkehrt sein. Oder wie meine Cousine es formulierte:“You need that. Or you drown.“ Ich musste kurz mal Luftholen.

Die Tage, die dann folgten, waren völlig schwerelos: Ich schlief ohne Unterbrechung fast immer 8 Stunden, wir waren ständig innerhalb der Familie eingeladen, Gedanken macht ich mir also nur um mich selbst. Ich wusch meine Haare ohne Zeitdruck. Meine Haut wurde immer reiner. Ich trank normalen Kaffee ohne Schweißausbrüche und aß Gluten ohne Brainfog. Ich ging bummeln und fand einfach eine Jeans- ohne groß rumzumachen! Eines Abends sinnierten wir bei Freunden über Fliphones, also kein Smartphone, sondern ein Oldschool- Klapp-Handy wie in den 90ern, nur zum Telefonieren und ohne Apps. Und wie gut es wäre, wenn alle so eins hätten. Besonders die Teenies. Und lachten uns über Lemoncake halbtot über den Gedanken, dass man früher mit dem Antworten auf die achso teuren 180-Zeichen-SMS gerne mal ein paar Stunden gewartet hat, weil es sonst zu teuer wurde. Heute enden ganze Beziehungen, wenn der andere Mal 5 Stunden nicht antwortet- in den 90ern war es normal, weil man nicht zu viele Nachrichten schocken wollte. Die kanadischen Teenager des Abends waren fassungslos.

 Manchmal saßen wir im Laufe des Tages über unseren Computern. Ich schrieb, meine Cousine, Bankerin, bewilligte Kredite, und es fühlte sich an, als wären wir nicht 45 und 50, sondern wieder 20 und 25. Zwischendurch bekam ich Facetime-Anrufe und stellte fest: Allen ging es bestens. Die Kinder hatten eine super Zeit, es gab im Hotel die neue Kinderbetreuung Ela, die bastelte und musizierte. Alle Kinder hin und weg von ihr und so hatte auch mein Mann frei. Mein Entspannungslevel: 100 %! Nach nur zwei Tagen! Es war, als hätte jemand mich angeschlossen, um den letzten roten Balken meiner Batterie aufzuladen. Nichts passierte in Hetze. Für alles gab es… Zeit. Wir besuchten Familie und Freunde, tranken zu viel Kaffee und Matcha, was meinen Körper nach wie vor gar nicht störte, und ich staunte über mich selbst, wie ruhig ich sein konnte und mir daheim seit einer Ewigkeit nicht mehr gelungen war. Die Gespräche taten so gut, und ich war so glücklich, Teil des Geburtstag zu sein. Sogar die neue Wohnung konnte ich angucken, die riesig und wunderschön war, was mich sehr beruhigte.

 Fazit: Inzwischen denke ich, Eltern sollten sich aktiv Auszeiten einplanen. Nicht nur, um mal abzuschalten, auch um andere Gedanken durch seinen Kopf ziehen zu lassen. Nicht die Sorge vor der nächsten Mathearbeit, nicht immer nur den Streit ums unaufgeräumte Spielschlachtfeld, nicht immer nur gefangen im Zeitdruck leben, rechtzeitig zu essen, zum Tennis und ins Bett zu kommen. Ich stellte fest, dass ich alles anders machte, selbst den Tisch decken. Mit Ruhe. Als wäre ich im Achtsamkeitstraining. Ich nahm mir sogar die Zeit, die Gabel mit einem daumenbreiten Abstand zu drapieren. Und es ist nicht so, dass ich sie zu Hause geworfen hätte. Es war vermutlich eher dieses bewusste Ich-mache-gerade-einfach-nur-das. Daheim decke ich und bin in Gedanken schon wieder bei der nächsten Geburtstagsplanung, Wäsche oder Einkaufsliste. Mütter, auch Väter, brauchen Auszeiten. Das ist weder egoistisch noch undankbar. Ich war jahrelang nie urlaubsreif, Urlaub war immer nur ein Tapetenwechsel for fun. Das hatte sich offenbar geändert. Und sich selbst mal wieder zu spüren, in den Tagen hinein zu leben, zu l-e-b-e-n- und nicht zu funktionieren, fühlte sich sehr gesund an.

Mama-Auszeit downtown: In der Marcus Bar im 4 Seasons oder im Hotel Queen Elizabeth hatten wir sensationelle Drinks mit Aussicht! Immer am Start: Zuckerfreies infused water namens Bubly. Einmal Pediküre to go musste natürlich auch sein, weil hier alle Füße einen Look haben.

 Einen Abend gingen wir ins Estelle, der neue „In-Club“ für die alte Partycrowd, mit der wir in den 2000ern gefeiert hatten. Restaurant und Club in einem, was bedeutet, man schreit sich über Trüffelpasta und Wodka an, obwohl man eh kein Wort versteht. Alle waren 40 Botox plus, die Musik war 90er. Sogar Two Unlimited und Abba kannte der DJ, versöhnt hat mich dann nur „Dirty cash“.

 Als wir gegen zwei Uhr morgens aus downtown heimfuhren, waren meine Cousine und ich uns einig: Es war witzig, aber irgendwie auch gruselig. Auf der eine Seite fühlte man sich, als wäre man in eine Zeitmaschine gestiegen und die Tatsache, dass alle ungefähr ein Jahrgang waren, machte es irgendwie wieder interessant. Denn man fühlte sich kurzzeitig wieder wie Mitte 20. Aber die meisten, die immer noch so ausufernd ausgingen, waren kinderlos, Singles oder schienen krampfhaft zu versuchen, die Zeit anzuhalten. Und nachdem wir das Gefühl hatten, fast taub zu sein, weil tanzen dann irgendwie doch nur ansatzweise passierte, fuhren wir sehr happy wieder heim. Selten war ich war so zufrieden bei dem Gedanken daran, dass ich bald wieder wegen Playmobilchaos und noch nicht geputzter Zähne schimpfen werde. Wie heilsam es sein kann, genau das zu machen, was man glaubte zu vermissen, um zu merken, dass es das Vermissen gar nicht wert war. Dass man einer hübsch blinkenden Illusion auf den Leim gegangen war zwischen Brotdose und Hausaufgabenterror. „You need that. Or you drown“ hatte meine Cousine gesagt.

So langsam konnte ich mir vorstellen, wieder mit einem Köpper in den Alltag zu starten.     

Tópico REISEN

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