LITERATUR-KRITIK (Opens in a new window)
Gefächerte Sicherheitsrisiken, gesellschaftliche Konstrukte, soziokulturelle Problemstellungen, die schwierige Geschichte manch liebgewonnener „Tradition“, ideologischer Wahn, Verteidigungsmechanismen – all dies Schlagworte für die Debatten der komplizierten Zeit, in der wir leben. Wer hätte gedacht, dass sich all dies am »Essiggurkerl« manifestieren kann?

Johanna Sebauer! So zu lesen in ihrer fantastisch sarkastischen, derb treffenden Geschichte Das Gurkerl, die, garstig-heiter illustriert von Nikolaus Heidelbach, soeben im DuMont Buchverlag erschienen ist. Ausgangspunkt der herrlich abstrusen, bitter wahrhaftigen Kurzgeschichte ist ein kleiner Spritzer „dieses scheißdrecksgschissenen Hurnsgurkerlwasser“, der im linken Auge des »meinungsstarken« Lokalreporters Pertak landet.
Der wichtigtuerisch beschriebene Mann von „Unabkömmlichkeitsrang“, mit „langen Stelzenschritten“ selbst in der kleinen Redaktionsküche eilig schreitend, nutzt den „Gurkerlwasser-Vorfall“, um eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen:
„Eines musste man ihm lassen: Es brauchte schon einiges an Schreibtalent und wohl auch den Hang zur – dem Journalistischen ja der Not halber fast ständig anhaftenden – Übertreibung, wegen eines in Auge gesprungenen Essigtropfens diese Brandrede zu konstruieren.“
Denn Pertaks Rache am Gurkerlwasser ist ein ausführlicher Kommentar, den die Chefredakteurin für einen schönen Scherz inmitten der Ferienzeit aka des Sommerlochs hält. Dass dem nicht so ist, merken wir genau wie der namenlose Erzähler aus dem Chronik-Ressort schnell. Nachdem dieser dies alles als übertrieben wahrnimmt, wird er beauftragt einen Gurkerl-Verteidigungs-Kommentar zu verfassen. Dabei hasst er das Schreiben von Kommentaren, aus von Sebauer herrlich prägnant beschriebenen Gründen.

Schnell formen sich Gegner- und Befürwortergruppen, es gibt Demos und Gegendemos, Talks zum Thema und – natürlich – Sticker. Kurzum: „Diese Gurkerlsache war unter der brüllenden Hitze dieses Sommers ein Monster geworden, zu dem sich jeder irgendwie verhalten musste.“
Hmm, das kommt uns doch irgendwie reichlich bekannt vor. Zu überlegen, mit wem man wie über was und wo spricht. Und ob überhaupt! Also: Dafür oder dagegen? Ob Corona und Impfungen, die AfD oder der/die/das BSW, Merz und/oder Trump, Lindner vs. Wissing, Klima und Kleber, der Nahostkonflikt und/oder Putins Russland und dessen Angriffskrieg auf die Ukraine oder Timmy/Hope.

Es ist sowohl große Kunst als auch ein feines Fest, wie Sebauer es versteht den Verlauf von derlei Empörungen darzustellen. Wie eine Gift-Schlange, die sich erst immer im Kreis dreht, dann in sich verheddert, schließlich selbst beißt und vermeintlich elendig verreckt. Doch überlebt und den gleichen Fehler an anderer Stelle wiederholt. Ein wahrer Horror ist’s (Opens in a new window)!
Selten wurde eine Analyse von Empörung, widersprüchlicher Empfindungen bei „einer Haltung“ und der Mitwirkung »meinungsstarker« Journalist*innen, Kommentator*innen, Bloggis, Influencer*innen und Co. derart präzise und unterhaltsam präsentiert. Ja vermutlich noch nie. (Und wohl selten so ansehnlich aufbereitet wie dank der Illustrationen von Nikolaus Heidelbach und der Gestaltung des DuMont Verlags (Opens in a new window) – allein das Vorsatzpapier (Opens in a new window)!)

Dass Johanna Sebauer für ihre satirische Polemik mit einem Hauch Sadismus beim Bachmann-Wettbewerb 2024 sowohl mit dem 3sat Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, verwundert kaum. Oder doch irgendwen? Diese Person möge sich in Form eines intensiven Kommentars melden!
AS
PS: Dies unser erster Österreich-Beitrag (Opens in a new window) zum Eurovision Song Contest in Wien. Gestern Abend gab es das erst Halbfinale zu sehen (Opens in a new window). Empfehlenswert ebenso die Countdown-Show, die in diesem Jahr wirklich und endlich mal witzig war (Opens in a new window). Es muss eben doch nicht immer die Barbara Schöneberger sein.
PPS: Passend zum Erscheinen des Buches gab es gestern im Deutschlandfunk einen Hintergrund-Beitrag zum Lokaljournalismus (Opens in a new window).
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/bdcb35e7-0d4f-43f3-b06c-3305731efceb (Opens in a new window)PPPS: Apropos [Ingeborg] Bachmann #1: Am 25. Juni startet Regina Schillings Dokumentarfilm Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war, u. a. mit Sandra Hüller, Ingeborg Bachmann, Max Frisch und Co. Wir halten euch auf dem Laufenden!
PPPPS: Apropos [Ingeborg] Bachmann #2: In unserem regulären Online-Magazin, an dessen Wiederherstellung wir technisch noch arbeiten, gab es fein und scharfen Kommentar von Nora Eckert zur Notwendigkeit und Theatralik des Bachmann-Wettbewerbs.
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Opens in a new window) oder auf Facebook (Opens in a new window). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Opens in a new window), durch unseren Merch stöbert (Opens in a new window) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Johanna Sebauer: Das Gurkerl. Illustrierte Erzählung (Opens in a new window); Mai 2026; Gebunden mit Schutzumschlag, Relieflack, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen, 25 farbige Abbildungen; ISBN: 978-3-7558-0078-1; DuMont Buchverlag; 20,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/7ae2e775-ffc1-46e1-929d-f0040095336e (Opens in a new window)