Wie ich mich sehe - mit und trotz Behinderung
Ich habe lange keine Fotos von mir gemocht. Ungeschminkt, mit kurzen, oft wilden Haaren. Fotos, auf denen ich so bin, wie ich nun mal bin – heute.
Und doch sehe ich mich anders. Da ist dieses innere Bild, wie ich mal war. Mein altes Ich. Mein über viele Jahrzehnte gewohntes Ich.
Ich schaue mir frühere Fotos an – sorgfältig aufgenommen, in der „richtigen“ Stimmung,, im „richtigen“ Licht, mit Auswahl. Schöner. Gefälliger.
Irgendwie mehr ich. Und gleichzeitig... vielleicht auch weniger?
Diese alten Bilder sind nicht falsch. Sie sind Momentaufnahmen – und manche davon sogar echte Lieblingsmomente. Aber sie sind eben nicht der ganze Film.
Heute ist mein Alltag anders. Seitdem ich mit Behinderung lebe, verändert sich nicht nur mein Körperbild – auch mein Selbstbild wackelt manchmal. Ich bin konfrontiert mit Blicken, mit Zuschreibungen, mit der Frage: Wie will ich gesehen werden? Und noch viel tiefer: Wie sehe ich mich selbst?
Es braucht Mut, sich selbst zuzumuten. Ungeschönt. Ungefiltert. Nicht, weil das „besser“ oder „ehrlicher“ ist – sondern weil es heilsam ist. Weil es den eigenen Blick weitet.
Die Wahrheit liegt nicht entweder im strahlenden Bild von damals oder im anderen Gesicht von heute. Sie umfasst Beides: Ich darf eitel sein. Und ich darf mich zeigen, wie ich bin.
Behinderung verändert. Auch die Art, wie wir uns selbst anschauen. Und vielleicht liegt darin genau die Chance: weg vom perfektem Bild, das anderen (und einem selbst) gefallen soll – hin zu einem Blick, der liebevoller ist.
Denn: Es geht nicht um ein perfektes Abbild. Sondern um Verbindung. Mit uns selbst. Mit dem Leben, das jetzt ist. Und ja – auch das darf schön sein.
Nur anders.
Da geht noch was.