FILM-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
„Eines Tages wachen wir auf und sind ein Mann. An einem anderen Tag eine Frau. Dann ein Baby. Und jedes Mal haben wir nicht die geringste Ahnung, was geschieht. Wir haben keinen Zugang zu den verborgenen Kräften des Lebens. Die Welt scheint so eingerichtet, dass wir niemals die Wahrheit erfahren. Doch die wahre Herausforderung für unseren Protagonisten besteht darin, nicht den Verstand zu verlieren.“ - Luis Ortega, Regie & Drehbuch El Jockey
Das Leben – ein Wechselbad der Zustände, des vermeintlichen Seins, der Gefühle und Umgebung(en) sowieso. Dazu die Herausforderung, nicht den Verstand zu verlieren. Das klingt nicht nur nach abstraktem Existenzialismus, frei vom Warten, hin zur Verantwortung des Beweglichbleibens (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), sondern ebenso sehr nach einer Bestandsaufnahme, einer Gegenwartsbeschreibung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ob die Korken knallen oder die Krisen fallen, den Verstand nicht ausbüxen zu lassen scheint kein leichtes Unterfangen.

Surrealer Irrsinn, wahnwitzige Tragik und beißende Komik (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), prekärer Luxus-Sport und kriminelles Unterpfand (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sind die perfekten Zutaten, die Regisseur und Autor Luis Ortega (Le Angel und Narcos: Mexico) gemeinsam mit seinen Co-Autoren Fabian Casas und Rodolfo Palacios vermengt, um mit Kill the Jockey einen zeitlosen Panoramafilm passend zur Zeit zu zaubern. Und uns damit gleichlaufend zu irritieren und zu becircen. Einen wesentlichen Anteil daran haben die Hauptdarsteller*innen Nahuel Pérez Biscayart (120 BPM, Persischstunden) als Jockey Remo Manfredini und Úrsula Corberó („Tokio“ in Haus des Geldes, The Day of the Jackal) als Jockette und Remos schwangere Freundin Abril.
„Unglück ist die beste Schule“
Sie beide reiten in Buenos Aires für den selbstständigen Unternehmer aka Mafioso Rubén Sirena (Daniel Giménez Cacho), dessen Abziehbild-Minions zu Beginn des Films erst einmal den verdrogten Remo einsammeln und zur etwas abgeranzten Pferderennbahn bringen müssen. Hier bringt sich der einst gefeierte Jockey mit ein wenig Keta, Kippe und Whisky so sehr in PS-Fahrt, dass er in der Box vom Pferd bumst. Das stimmt Sirena wenig happy und Remo soll nach einem In-Box-Entzug sein Comeback auf einem mindestens eine Million Dollar Baby teuren Pferd aus Japan (der Richtungswechsel!) seinen Comeback-Ritt hinlegen.

Klappt. Jedenfalls insofern, als dass Remo sich nach erfolgreichem Start hinlegt: Er kracht mitsamt dem Pferd gegen einen Zaun und wohl auf ein Auto, erwacht anschließend mit Turban-ähnlichem Verband im blau gekachelten Krankenhaus neben einer älteren Dame und deren bizarr anmutendem Besuch, der uns direkt mal an den am 9. Oktober startenden deutschen Film Zweigstelle denken ließ. In diesem soll eine Gruppe junger Erwachsener ins Jenseits eingeführt werden. Die Assoziation passt, da wir in Kill the Jockey immer wieder zweifeln dürfen, ob dieser Jockey sich im Sturzritt womöglich doch schon längst selbst gekillt hat. Und es also unsinnig ist, dass Gangsterboss Sirena seine knittrigen Mannen auf ihn ansetzt, nachdem er sich mit Pelzmantel und Handtasche aus dem Krankenhaus verabschiedet hat.

Das darf er natürlich, wie ein Polizist der ebenfalls nach Remo suchenden Abril erläutert. Doch Diebstahl, das sei ein Verbrechen. Genau wie in der Öffentlichkeit zu urinieren, wie Remo es mit Blick in die städtische Überwachungskamera tut. Apropos Kamera: Die Bilder des Finnen Timo Salminen heben den Jockey auf eine ganz eigene Ebene. Irgendwo zwischen Fiebertraum und Stillleben, dennoch immer in Bewegung, mal schwelgerisch, dann militaristisch und an anderer Stelle tänzelnd. Wobei Tanz und (Pop-)Musik ohnehin eine wesentliche Rolle in der episodenhaften Film-Komposition (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Ortegas spielen.
Requiem für Dolores
Manches in der argentinisch-mexikanisch-spanisch-dänischen Ko-Produktion scheinen Einfälle, die in ihrer Absurdität so phantasmagorisch daherkommen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass jedes Hinterfragen entweder in eine Sackgasse oder in ein arges Assoziationskarussell (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) führen würde. Wie etwa ein Moment vor Spiegel und bei Licht an/Licht aus, das Gewicht nur einer Pistole oder auch ein vermeintlich siebenjähriges Wechselbaby. Das ist alles zum Wände hochlaufen und von der Decke blicken. Allerdings: „Wir alle sind Komplizen unserer eigenen Unwissenheit, dieses Geheimnisses, das allem einen Hauch von Magie verleiht“, wie Ortega sagt. Da bietet ein Wechsel der Perspektive (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) doch willkommenes Wohlfühl-Nichtwissen.

So ist der Film, der seine Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2024 feierte, steter Wandel und in diesem stets unstet. Denn: „Je intensiver die innere Welt der Figur, desto heftiger prallt sie auf die äußere.“ Doch lassen sich weder die Autoren noch der Auteur, weder die Kamera noch der Schnitt oder die ausgezeichnete Musik beirren und erzählen heftiges Klatschen mit einer beinahe erschütternden Ruhe. So wissen wir nicht, können es aber ahnen, ob Remo, der zeitweilig (wieder) zu Dolores (und/oder „Lola“) wird, flieht oder flaniert. Die Figur muss sterben und wiedergeboren werden, allein schon für die Liebe, so scheint es.

Genauso scheint es aber auch, dass Abril diese in Ana (Mariana di Girolamo) findet. Wenigstens zunächst einen Zungen- oder Flügelschlag lang. Und was ist mit Sirena, der Remo einst das Leben rettete? Zu welcher Zeit und in welcher Form des Seins auch immer. Kill the Jockey jongliert Mystisches, ist immer voller Hoffnung. Erahnt sie jedenfalls, scheint mal hier und mal dort danach zu suchen. Sich immer bewusst, dass er in einer Welt unterwegs ist, die Unterschiede zwischen Mensch und Klasse, Herkunft und Abgang macht. Die Verlust eher verarbeitet, als Veränderungen akzeptiert. In diesem Sinne passt es, dass Idole in den Staub fallen und als etwas Neues wieder heraufwirbeln.
„Wir müssen jede einzelne unserer Figuren töten, um frei zu sein – und selbst dann beginnt alles von vorn. Ein Mensch fühlt sich einzigartig, als würde er ein individuelles Abenteuer erleben, doch in Wahrheit ist es ein kollektives. Solange die Menschheit als Ganzes nicht frei ist, kehren wir immer wieder ins Leben zurück, um Teil dieses Prozesses zu sein.
Ein Prozess, bevölkert von Geistern.“ - Luis Ortega, Regie & Drehbuch El Jockey
AS
PS: „Ich könnte mich entschwängern.“
https://www.youtube.com/watch?v=Cu4fjm4arso (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)PPS: „Immer wenn ich einen umlege, schlafe ich wie ein Baby.“
PPPS: Dolores heißt Schmerzen.
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KILL THE JOCKEY ist seit dem 18. September im Kino zu sehen; Laufzeit ca.: 97 Minuten; FSK: 12