LITERATUR-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)
…ist der Versuch der Vermeidung von Streit. Das kennen sicher einige von uns. Ganz gleich, ob sie Teil einer toxischen Beziehung – egal ob familiär, freundschaftlich, partnerschaftlich oder beruflich (Si apre in una nuova finestra) – sind oder einfach bemüht sind Auseinandersetzungen zu meiden. Andererseits ist schon der Fakt(or), dass mensch lügen muss oder das Gefühl hat, lügen zu müssen, um Streit zu vermeiden, ein recht deutliches Zeichen, dass es um das Miteinander nicht gesund bestellt ist.

Häufig ist das begleitet von Aussagen wie: „Schau, wozu du mich gebracht hast“, „Das tue ich nur für dich“, „Wenn du mir nicht so wichtig wärst, würde es mich nicht so ärgern“, etc. pp. Dem Gegenüber wird stetig und sukzessive vermittelt, dass es einigermaßen schlecht/kaputt/doof/krank/… sei. Dankbarkeit für die Liebe wird erwartet beziehungsweise verlangt. Schließlich gebe es nur diese eine Person, die eine(n) lieben könne.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/43a4e50f-4104-4729-a6ca-928c25051dc3 (Si apre in una nuova finestra)Das ist neben einer recht knappen und allgemeinen Beschreibung diverser toxischer Beziehungen auch ein Teil der Quintessenz des Romans Geordnete Verhältnisse von Lana Lux, der seit kurzem als Taschenbuch im Hanser Verlag vorliegt. Als Hardcover erschien der dritte Roman der Schriftstellerin ukrainisch-jüdischer Herkunft bereits vor zwei Jahren bei Hanser Berlin.
Erzählt wird in einer Er-Sagt-Sie-Sagt-Konstellation die Geschichte von Philipp und Faina. Sie wird eine enge Freundschaft verbinden (Si apre in una nuova finestra), irgendwie. Beide sind schwierige Menschen, kommen aus beschädigten Familien, gehen recht entgegensetzte Wege im Leben und finden irgendwie doch wieder zueinander. Zwar weniger sexuell, das allerdings ein Thema, das Lux im Buch en détail aus beiden Winkeln beleuchtet.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/f2573a28-a810-4e36-9431-22d8a4d44523 (Si apre in una nuova finestra)Geordnete Verhältnisse ist auf der einen Seite eine – wie es scheint – leider zeitlose Geschichte über „eine Beziehungstat aus Leidenschaft“, so das bekannte Framing, eines Femizids, des Wegguckens wie Wegduckens, dem Ablauf einer gewaltvollen Beziehung, die bereits in der Kindheit beginnt. Auf der anderen Seite ist es famos unterhaltsame, teils wirklich urkomische Literatur zwischen stillen Drama und im besten Sinne grober Satire. Eine Geschichte von Ego und Ignoranz (Si apre in una nuova finestra), ein wenig politisches Feuilleton und, ja, auch das muss sein, Popkultur. Misogynie sowieso, Misanthropie auch, Antisemitismus eh (Si apre in una nuova finestra). Und Zimmerpflanzen, ganz viele (Si apre in una nuova finestra), die sich ähnlich aggressiv wuchern, wie die Realitätsverweigerung.
(Si apre in una nuova finestra)Putins Russland und der grässliche Gedanke, die Ukraine sei eh russisch (Si apre in una nuova finestra), finden ebenso statt, wie die irgendwie dazu passende Überlegung, warum es denn Frauenärzte brauche, wo es doch auch keine Männerärzte gebe. Your Body, My Choice (Si apre in una nuova finestra)?!?! Finanzielle (Un-)Abhängigkeit und (Un-)Sicherheit (Si apre in una nuova finestra), Blindheit und Wunschdenken und der lange Schatten der Loyalität gegenüber einer Täterperson, aus Pflichtgefühl und Angst, Sorge um die Zukunft und, nun, womöglich auch, weil sich hier und da Bestätigung finden lässt, werden ausgeleuchtet. Es ist kompliziert, das übertüncht Lana Lux nicht. Diese geordneten Verhältnisse sind menschlich zuweilen sehr unübersichtlich (Si apre in una nuova finestra). So weit, so real.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/e938c437-359a-44b0-9723-c83e8cba8d1c (Si apre in una nuova finestra)Im Roman geht es übrigens quasi Off-Camera in die Psychiatrie. Ostern und Pessach spielen eine Rolle. Manches Mal findet eine*n das richtige Buch eben zur richtigen Zeit am skurrilsten Ort in einer abstrusen Situation. Ergo(therapie): Pessach und Ostern in der Psychiatrie mit Lana Lux, Philipp, Faina und einer Menge psychischer Gewalt. Läuft. Jedenfalls erzählerisch.
Und wir lernen: Für den Wahn braucht es keine Religion (Si apre in una nuova finestra).
AS
PS: »Schlafentzug ist eine der wirksamsten Foltermethoden« – sag bloß!
PPS: Der Titel Geordnete Verhältnisse wird im Roman sogar erwähnt. Dies auch in einem anderen Buch, das ebenfalls bei Hanser erschienen: Auch in Monika Helfers Die Bagage geht es um geordnete Verhältnisse. Dazu in den kommenden Tagen mehr –quasi im Rahmen einer Koffergeschichte.
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Si apre in una nuova finestra).
Lana Lux: Geordnete Verhältnisse (Si apre in una nuova finestra); 288 Seiten; Februar 2026; ISBN: 978-3-446-28602-3; Hanser Taschenbuch (als Hardcover: Hanser Berlin, Februar 2024); ISBN: ; 14,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/3171df5d-3ba5-4935-ad65-feff267dfdfd (Si apre in una nuova finestra)