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DAFÜR IST ES ZU SPÄT

TV-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)

„Für mich bleibt die Überzeugung, dass kein Kind böse zur Welt kommt. Eine Tat wie diese ist schrecklich, nicht zu entschuldigen und darf niemals relativiert werden. Aber sie entsteht nicht aus dem Nichts.“ - Regisseurin Esther Bialas

Einen Film über einen Amoklauf zu schreiben und zu inszenieren mag eine der größten Herausforderungen für Filmschaffende sein. In ihm zu spielen, ob als Täter*in oder Opfer, Ermittelnde oder mittelbar Betroffene, dürfte ein Parforceritt sein. Dies ist noch um einiges intensiver, wenn es sich um den Amoklauf an einer Schule handelt und es sich bei dem Täter um einen siebzehnjährigen, stillen und eher einsamen Schüler handelt, dessen Notendurchschnitt im Laufe des letzten Jahres abgesackt ist.

Jeremy (Mikke Rasch) sieht die Polizisten, die sich vor dem Haupteingang formieren // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
Jeremy (Mikke Rasch) sieht die Polizisten, die sich vor dem Haupteingang formieren // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard

Kurz nachdem die ersten Schüsse gefallen und der Direktor sowie dessen Stellvertreter von Jeremy (stark, bewegend: Mikke Rasch) erschossen worden sind, werden Hauptkommissar Uwe Lemp (Felix Vörtler) und Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) hinzugezogen. Brasch wäre nun nicht Brasch, würde sie sich nicht prompt „[i]nvolvieren ins Geschehen, ohne Angst ums eigene Sein, um die eigene Sicherheit zu haben, das ist Brasch“, wie Michelsen sagt. Sie sondiert die Lage, organisiert gemeinsam mit Dienstgruppenleiter Lewek (Samir Fuchs) Hilfe für Verletzte, unterstützt die Teil-Evakuierung der Schule.

Mitschüler Ruben (Lasse Stadelman) sitzt in der Klokabine und sieht sich Jeremys Livestream an // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
Mitschüler Ruben (Lasse Stadelman) sitzt in der Klokabine und sieht sich Jeremys Livestream an // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard

Immer wieder wechseln wir vom Geschehen in dieser, wo sich Jeremy in einem Klassenraum mit Schüler*innen eines Deutsch als Fremdsprache-Kurses eingesperrt hat, zum Lagezentrum einige Türen weiter, aus welchem der LKA-Beamte Karsten Nötzing (Ulrich Brandhoff ) versucht, mit Jeremy ins Gespräch zu kommen und gemeinsam mit der Psychologin Petra Giese (Anja Herden) Licht ins Motiv-Dunkel zu bringen sowie ins Außen, etwa zur an Multipler Sklerose erkrankten Mutter Rebecca (Maja Beckmann) oder der Schülerin und Überlebenden Roberta (Smila Maryluz Liebermann). Die Leistungen aller Beteiligten sind ohne Makel. Die Sensibilität und die emotionale Vielfalt wie stille Wucht des Drehbuchs von Jan Braren (u. a. Homevideo, Aus der Haut und die famosen Magdeburger Polizeirufe Der Verurteilte und Ronny), die zunehmende Anspannung und Unsicherheit werden ausgezeichnet vermittelt und übertragen sich intensiv auf uns Zuschauer*innen. Allein schon das zurückgenommene Spiel Michelsens und Vörtlers, frei von jedem klischierten Heldentum, ist große Klasse.

„Mir war klar, dass man diese Geschichte auch als reißerischen Thriller hätte erzählen können. Aber das hätte dem Thema nicht entsprochen. Ich wollte einen stillen, konzentrierten Film, der nachhallt, Fragen stellt und emotional berührt, ohne zu traumatisieren.“ Regisseurin Esther Bialas

Lobenswert ist ebenso, dass wir uns zwar aufregen können, erschüttert sein werden und doch keinem effekthascherischen Machwerk folgen müssen. (Gleiches gilt für Die Nichte des Polizisten, der ab dem 1. Oktober in der ARD-Mediathek zu finden ist und am 8. Oktober im Ersten ausgestrahlt wird; unsere Filmkritik folgt.) Es wird nur der erste Schuss gekonnt von Kameramann Martin Neumeyer ins Bild gesetzt, „danach bleiben die weiteren Taten im Off. So bleibt die Gewalt erfahrbar, ohne dass sie voyeuristisch oder verherrlichend wirkt“, wie Regisseurin Esther Bialas (u. a. Charité) im Pressedossier zum 21. Polizeiruf 110 aus Magdeburg Sie sind unter uns erläutert.

Angespannte Blicke auf die Monitore im Lagezentrum, (v. l. n. r.): Petra Giese (Anja Herden), Einsatzleiter SEK (Frank Schilcher), Lemp (Felix Vörtler), Karsten Nötzing (Ulrich Brandhoff) und Brasch (Claudia Michelsen) // © MDR/filmpool fiction/Britta Krehl
Angespannte Blicke auf die Monitore im Lagezentrum, (v. l. n. r.): Petra Giese (Anja Herden), Einsatzleiter SEK (Frank Schilcher), Lemp (Felix Vörtler), Karsten Nötzing (Ulrich Brandhoff) und Brasch (Claudia Michelsen) // © MDR/filmpool fiction/Britta Krehl

Die Aussage im Titel wirft für die Figuren des Films wie auch für uns Zuschauende natürlich Fragen auf: Wer sind „sie“? Wurden Anzeichen und Hinweise auf die bevorstehende Tat ignoriert? Warum wurde Jeremy zum Amokläufer? Handelte er allein oder hat er Kompliz*innen? Es sei ihr wichtig gewesen, „Jeremy nicht nur als Täter zu sehen, sondern auch als Mensch, der irgendwo auf dem Weg verloren ging“, so Bialas. Dieser Punkt ist wichtig und darf nicht als eine Rechtfertigung gelesen werden. Ob in reiner Fiktion, einer fiktionalisierten Version wahren Geschehens oder auch im True-Crime-Bereich wie der Berichterstattung zu Verbrechen. Es geht dabei um das Verstehen einer Tat, ihrer Ursachen, des*der Täter*in. Nicht um Verständnis oder Entschuldigung. Ebenso kann das Verstehen dabei helfen, weiteren Taten vorzubeugen und vor allem Täter*innen zu entmystifizieren; letzteres beschreibt und schafft Maximilian Pollux in seinem Buch Gefährliches Ego (Review folgt).

„Ich beobachte eine regelrechte Vergiftung des Denkens. Vor allem gesellschaftliche und politische Diskurse werden dadurch immer härter geführt. Jeder hat die Wahrheit gefressen, hält den anderen wahlweise für dumm, naiv oder gefährlich (Si apre in una nuova finestra). Der Film zeigt einen extremen individuellen Auswuchs dieses Phänomens.“ - Drehbuchautor Jan Braren

Was Jeremy letztlich zu seiner Tat trieb, wird, kleiner Spoiler, nur so halb enthüllt. Es vermengen sich Verschwörungsmythen (dass Brasch noch nicht von Dingen wie 8chan oder „den Reptiloiden (Si apre in una nuova finestra)“ gehört haben will, mutet seltsam an und einem Social Media affinen Schüler zu sagen, er kenne sich da aber gut aus, ist wohl der „Hey Boomer“-Moment dieses Polizeirufs) und Unsicherheit, Überforderung und Fügsamkeit, die Suche nach Halt bei gleichzeitiger Wut auf die Umgebung, eine mögliche Psychose mit äußeren Einflüssen. So entzieht sich das Krimi-Drama um einen Amoklauf einer zu derben und dabei doch oberflächlichen Psychologisierung.

Blutverschmiert und verstört: Roberta (Smilla Maryluz Liebermann) zieht im Bus alle Blicke auf sich // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
Blutverschmiert und verstört: Roberta (Smilla Maryluz Liebermann) zieht im Bus alle Blicke auf sich // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard

Das ist bei der Komplexität der Thematik wie auch der Motivation m. M. n. nicht nur nachvollziehbar, sondern beinahe notwendig. Sie sind unter uns zeigt Möglichkeiten und Mechanismen, zeigt, wie viele Menschen direkt und indirekt von solch einer Tat betroffen sind, zeigt Hilf- und Sprachlosigkeit. Ebenso ist der Film ein „Spiegel der extremen Zeiten, in denen wir gerade leben“, wie Autor Jan Braren ganz richtig anmerkt. Die Ermordung Charlie Kirks und vor allem viele der Reaktionen auf diese, die Vereinnahmung von rechts wie links, ob in den USA, Teilen Europas oder hierzulande, wirken wie ein „Approved“-Stempel auf diesen bitteren und treffsicheren Polizeiruf 110 aus Magdeburg.

AS

PS: Passend zu diesem Thema ist Kaleb Erdmanns persönlicher Roman Die Ausweichschule, der bei Park X Ullstein erschienen ist, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht (Si apre in una nuova finestra) und sich mit dem Amoklauf im Erfurter Gutenberg-Gymnasium befasst. (Und wir hier bei the little queer review vermuten, dass die Chancen auf die nicht nur von Caro Wahl begehrte Auszeichnung sehr gut stehen, alternativ Jehona Kicajs ë. Unsere Buchbesprechungen lest ihr noch vor der Verleihung am 13. Oktober 2025.)

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/e938c437-359a-44b0-9723-c83e8cba8d1c (Si apre in una nuova finestra)

PPS: Nochmals Ullstein und noch eine Nominierung! Verena Luekens Alte Frauen ist für den Bayerischen Buchpreis nominiert und wird von Brasch-Darstellerin Claudia Michelsen mit den folgenden Worten empfohlen: „Im Schamanismus gibt es das Wort alt nicht als Adjektiv für Menschen, sondern nur in Bezug auf Wissen. Alt ist in diesem Sinne etwas Gewachsenes. Und was ist dann eine alte Frau? In Verena Luekens wunderbaren Portraits dürfen wir den Frauen in ihrem Gewachsensein begegnen, und das ganz großartig, jung und leicht.“

PPPS: Irgendwie auch schräg, dass Das Erste diesen Amok-Film einen Tag nach dem Weltkindertag zeigt (und in der neuen Sonntagskrimi-Saison nach dem Start mit dem Tatort: Ich sehe dich schon der zweite sehr unbequeme Film (Si apre in una nuova finestra)). Packen wir es mal unter Awareness und zitieren erneut Claudia Michelsen, dieses Mal aus dem Pressedossier: „Unsere Kinder werden nicht abgeholt und nicht geschützt. Dazu muss ich immer wieder sagen, in einem Land wie diesem, in dem es absolut möglich wäre, Bildung und Familienpolitik zu Emphatisieren. Andere Dinge sind wichtiger. Unsere Kinder und unsere Rentner sind es leider nicht.“

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Si apre in una nuova finestra) oder auf Facebook (Si apre in una nuova finestra). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Si apre in una nuova finestra) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Besprechung zwischen Regisseurin Esther Bialas und Rolle Roberta (Smilla Maryluz Liebermann) (v. l.) // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard
Besprechung zwischen Regisseurin Esther Bialas und Rolle Roberta (Smilla Maryluz Liebermann, links) // © MDR/filmpool fiction/Stefan Erhard

Das Erste zeigt den Polizeiruf 110: Sie sind unter uns am Sonntag, 21. September 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (Si apre in una nuova finestra).

Argomento Film & Serie

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