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Hitlers Mikropenis

Die Herbstsonne wärmt meine linke Schulter, Fliegen setzen sich auf meine Arme und heben wieder ab. Ich habe Durst, und ich denke an Hitlers Mikropenis.

Momo blickt auf den Boden, nach rechts, nach links. Dann hebt er den Kopf, schaut in die Ferne, macht sonst nichts. Ab und zu fährt ein Auto oder ein Motorrad vorbei, doch im Grunde ist es still; sonntags ist ja schulfrei. Die Eichenblätter rascheln im Wind – und ich denke immer noch an Hitlers Mikropenis.

War Hitler ein massenmordender Faschist, weil sein Pimmel zu klein war? Oder hätte er noch mehr Menschen ermordet, wenn er einen durchschnittlich großen Penis gehabt hätte?

Ist also Hitlers Penis schuld? Nicht der Faschismus, nicht der Antisemitismus, nicht der Rassismus – sondern sein Penis? Nicht das Mobilisierungspotenzial einer Gesellschaft, die längst antisemitische und rassistische Fantasien in sich trug, sondern bloß ein Pimmel, der nicht (genug) gewachsen ist?

Sind cis Männer grundsätzlich nicht zurechnungsfähig, weil ihre Penisse zu klein, zu krumm oder zu unbefriedigt sind?

Der arme Hitler – wie er gelitten haben muss. Wenn man ihn nur einmal so richtig durchgevögelt hätte. Also los, Leute, erfindet endlich eine Zeitmaschine. Wir gehen Hitler ficken.

“Die Hand, die dich streichelt, sagt Nene, kann dich töten. Niemand weiß das besser als ein Hund, der unter Männern lebt.”

– Ozan Zakariya Keskinkılıç: Hundesohn. Berlin: Suhrkamp 2025, S. 42.

Zakariya hat in diesem Jahr seinen Debutroman Hundesohn (Abre numa nova janela) veröffentlicht und dafür den aspekte-Literaturpreis (Abre numa nova janela) erhalten. Carolin Emcke bezeichnete das Buch als eins (Abre numa nova janela): “(…) übers Übersetzen zwischen Sprachen, zwischen Erfahrungen und den Lücken darin.” Hundesohn ist ein Roman über Sprache, Liebe und Identität – aber vor allem ein Text, der sich damit auseinandersetzt, was es heißt, zum Hund zu werden und zum Hund gemacht zu werden. Es hat in meiner Gedankenwelt eine neue Dimension freigeschaltet und dafür bin ich Zakariya dankbar.

Am Montag wurden die aktuellen Zahlen zur Wohnungslosigkeit veröffentlicht. Nach Angaben der Bundesarbeitsgenossenschaft Wohnungslosenhilfe lebten 2024 mehr als eine Million Menschen in Deutschland ohne eigene Wohnung. Achtzig Prozent von ihnen haben keine deutsche Staatsbürgerschaft, 26 Prozent sind minderjährig. Rund 56.000 Menschen leben ganz ohne Unterkunft auf der Straße – sie sind obdachlos.

Zu den häufigsten Gründen für Wohnungslosigkeit gehören Miet- und Energieschulden, Konflikte im Wohnumfeld, Trennungen oder Scheidungen und Ortswechsel. Die eigentliche, gemeinsame Ursache dieser Ursachen aber sind die explodierenden Mieten.

Und die Lage dürfte sich weiter zuspitzen: Die sogenannte Grundsicherung, die das Bürgergeld ersetzen soll, sieht drastische Sanktionen vor – unter anderem die Streichung des Wohngeldes. Es ist absehbar, dass noch mehr Menschen wohnungslos werden. Wer kein stabiles soziales Netz im Hintergrund hat, wird buchstäblich auf der Straße landen. Schon jetzt ist die Situation für viele kaum auszuhalten: Die vom Jobcenter anerkannten Mietobergrenzen liegen oft deutlich unter den realen Mieten, viele müssen die Differenz aus ohnehin knappen Mitteln selbst tragen.

Die Wohnungssuche in deutschen Großstädten ist inzwischen Hunger Games: „Wer mit durchschnittlichem Einkommen sucht, braucht Glück – oder Beziehungen“, schreibt die Süddeutsche Zeitung über die Lage in München. „Wer neu nach München kommt oder innerhalb der Stadt umziehen muss, trifft auf ein extrem knappes Angebot – oft zu horrenden Preisen. Die Mietbelastung steigt, vor allem für Haushalte mit geringen Einkommen ist das nicht nur ein soziales, sondern auch ein wirtschaftliches Problem.“ In anderen Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main und Hamburg sieht es nicht anders aus.

Ich weiß das, weil ich gerade selbst eine Wohnung suche.

Nach drei Jahren in der Türkei werde ich bald nach Deutschland zurückkehren. Ich möchte wieder in Köln leben – der ersten Stadt, in der ich in Deutschland gewohnt habe. Hier habe ich Deutsch gelernt, fünf Jahre gekellnert, hier habe ich Freund*innen und Familie, und vor allem: Orientierung. Nun muss ich feststellen, dass sich die Mieten seit meinem Wegzug nahezu verdoppelt haben.

Oft höre ich den Rat, ins Umland auszuweichen, da sei es günstiger. Davon scheinen auch Vermieter*innen gehört zu haben. Denn wirklich günstig wohnt man auch dort nicht mehr. 1.500 Euro für eine Dreizimmerwohnung in einem Vorort von Leverkusen mit schlechter Infrastruktur und ohne kulturelles Angebot empfinde ich nicht als preiswert.

Als freie Autorin trifft mich das schon: Zum einen werde ich von vielen Vermieter*innen wie arbeitslos eingeordnet und falle damit aus dem Raster. Zum anderen liegen sie damit nicht einmal völlig falsch – denn freie Kulturschaffende sind in der Regel chronisch arm.

Deshalb: Falls ihr von einem Wohnungsangebot in oder um Köln hört, schreibt mir bitte eine kurze Mail an contact@sibelschick.net (Abre numa nova janela). Ich suche außerdem eine kleine feste Stelle im Bereich Journalismus, Social Media, Öffentlichkeitsarbeit o. Ä. und freue mich über Hinweise.

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🍋 Bleibt sauer 🍋
Sibel Schick

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