In den vergangenen fünfzehn Jahren meines Berufslebens habe ich zahlreiche grenzüberschreitende Situationen mit Männern in
C-Level-Positionen erlebt – von sexistischen Bemerkungen bis hin zu offenem Machtmissbrauch. Es wurde meist als „lockerer Umgangston“ eingestuft, obwohl manche Aussagen arbeitsrechtlich unter sexuelle Belästigung fallen. Dieser Text erzählt von toxischer Männlichkeit in Agentur-Führungsetagen und von einem Erlebnis, das sich über Wochen wie ein Ohrwurm in meinem Kopf festsetzte. Zu letzterem gebe ich auch arbeitsrechtliche Erklärungen.
CEO. Dieser Begriff steht zunächst einmal nur für Chief Executive Officer. Übersetzen lässt sich das ungefähr mit „oberster geschäftsführender Funktionsträger“. Weitere Positionen im
C-Level sind etwa der CFO, also der oder die Finanzchef:in, der COO für das operative Geschäft oder der CTO, verantwortlich
für Technik und Innovation beziehungsweise IT.
In den vergangenen fünfzehn Jahren habe ich beruflich direkt an einige dieser Männer berichtet. Eine Frau war darunter. Eine.
Und ich rede hier nicht von Banken, Versicherungskonzernen oder familiären Mittelstands-Dynastien.
Ich rede von der ach so hippen, aufgeklärten, „wir-duzen-uns-alle“-Agenturszene.
Und dennoch: Etwa die Hälfte jener Vorgesetzten verhielt sich
im Arbeitsalltag auffallend grenzüberschreitend, besonders im Umgang mit Frauen.
Interessant dabei: Während Führungskräfte wie Directors, Teamleads oder Head Ofs regelmäßig in Führungstrainings geschickt wurden – zu Kommunikation, Feedback oder Mitarbeiterführung –, ist mir dort in all den Jahren kein einziger
C-Level-Vorgesetzter begegnet. Dabei prägen gerade sie Unternehmenskulturen und sollten Vorbild für viele Mitarbeitende sein.
CEO wurde einmal von einem Kollegen in der Kaffeeküche als
Cis-Mann Energy Overload übersetzt. Das Verhalten dieser sogenannten obersten geschäftsführenden Funktionsträger löste häufiger solche halb ironische Bemerkungen aus oder auch schon einmal ein genervtes Augenrollen.
Sichtbare Konsequenzen gab es allerdings nie.
Und allein ich könnte ein Lied davon singen:
Willkommen im Boys Club
Da war zum Beispiel jener CEO auf einem Sommerfest in London. Eine typisch coole Agenturveranstaltung mit Kund:innen, Kolleg:innen und reichlich Alkohol. Zwei junge Frauen, die gerade als Trainees bei uns gestartet waren, standen plötzlich draußen bei mir unter dem Regenschirm und fragten, ob sie mir kurz Gesellschaft leisten könnten. Ich rauchte damals noch.
Sie erzählten mir, dass der CEO mehrfach versucht hatte, mit ihnen „Brüderschaft“ zu trinken. Beide hatten bereits einige Male abgelehnt und seien dann nach draußen geflüchtet. Kurz darauf öffnete sich die Tür der Bar.
Der CEO schaute nach draußen und fragte die beiden an mir vorbei: „Kommt ihr jetzt wieder rein?“
Ich antwortete: „Wir besprechen gerade noch etwas für den Pitch nächste Woche.“ Er schmollte und ging wieder hinein. Später brachte ich die beiden ins Hotel.
Oder der CEO, der mich einmal in einem der langen Agenturflure abfing. Das Gebäude war über vier Stockwerke hinweg in verschiedene Bereiche unterteilt, zugänglich nur mit Sicherheits-Schlüsselkarten – wegen sensibler Kundendaten und vertraulicher Produktinformationen.
Er blieb kurz vor mir stehen und sagte:
„Der rote Lippenstift steht dir gut. Solltest du öfter tragen.“
Ich antwortete nur:
„Du weißt, dass ich das melden könnte.“
Er grinste, fragte anschließend, ob ich später zum Agenturabend komme. Dann ging er weiter.
Ein CFO fragte einmal scherzhaft: „Geht ihr jetzt knutschen?“
Er lief an mir und einem anderen Director vorbei, während wir auf dem Weg zum Lunch die Überschneidungen unserer Teams in einem gemeinsamen Projekt besprachen.
Oder jener CEO aus meinem Text zum Agenturabend. Siehe Beitrag Schwesternwunde. (Si apre in una nuova finestra)
Dann der CEO eines anderen Unternehmens, das bei uns Kunde war und der einer Kollegin in voller virtueller Runde sagte: „Dich müsste man ja auch einmal übers Knie legen.“ Der Grund: Sie hatte ihm mehrfach fachlich widersprochen.
Und jener, der mir beim ersten Treffen im neuen Job erklärte, ich solle die Haare lieber nicht offen tragen. Das könne Kunden ablenken. Man hätte viele männliche Kunden.
Ein anderer CEO sagte einmal in einem Meeting zum Thema „Diversity“ zu mir: „Bei dir traut sich sowieso niemand sexistisch zu sein. Die Männer haben alle Angst vor dir.“
Sexismus: Waffe der Unsicheren
Und das war nur das verbale Best-of der vergangenen fünfzehn Jahre in Agenturen. Wie ich auf die einzelnen Vorfälle reagiert habe, darauf gehe ich in einem anderen Text mal genauer ein.
Nur so viel als Teaser: Ich bin in keinem dieser Jobs mehr tätig – obwohl ich meine Arbeit immer sehr mochte.
Worum es in diesem Beitrag geht, ist eine andere Geschichte.
Ein Erlebnis, das mich lange verfolgt hat.
Immer und immer wieder spielte es sich in meinem Kopf ab, wie der Ohrwurm eines Liedes.
Die Melodie dieses einen Moments, als ich komplett unvorbereitet Opfer einer sexistischen Bemerkung wurde, setzte sich in meinem Gehirn fest und lief wochenlang automatisch in Schleife. Morgens beim Aufwachen, mittags beim Kochen, abends beim Gassigehen mit dem Hund. Und nachts kam der Ekel.
Ein Ohrwurm entsteht übrigens oft besonders stark, wenn man nur einen Ausschnitt eines Liedes hört, ein Lied abrupt endet oder emotional gestresst ist.
*Diese psychischen Stressreaktionen haben übrigens viele Frauen nach solchen Erlebnissen. Dazu mehr in meinem Text Die Gewalt der kleinen Sätze. (Si apre in una nuova finestra)
Erst als ich wirklich verstand, was sich hinter diesem Moment verbarg, stoppte der Ohrwurm. Und auch wenn ich mich schon lange mit feministischer Theorie beschäftige – durch den eigenen Sumpf der internalisierten Misogynie zu waten, ist nicht immer leicht oder sofort durchschaubar. Und so kam es, dass ich dieses Erlebnis brauchte, um etwas ganz klar zu verstehen:
Sexismus von Seiten Vorgesetzter ist immer ein strategischer Versuch, Machtverhältnisse zu festigen und Grenzen auszutesten. Es ist nie „der weiß es nicht besser“, „der muss einfach noch dazulernen“ oder „der lernt eben nicht dazu“.
Es ist immer ein Machtinstrument. Es wird von Männern im Job genutzt, um Frauen zu regulieren. Kleinzuhalten. Und auch zu bestrafen – so wie in der kommenden Geschichte.
Sexismus ist das verbale Schwert männlicher Privilegien.
Eine Strategie von männlichen Vorgesetzten, wenn die eigene berufliche Unzulänglichkeit oder fachliche Mittelmäßigkeit sichtbar wird. Also immer dann, wenn das eigene Können, die eigene Macht und damit dann auch die eigene Männlichkeit
ins Wanken geraten.
Fragile Männlichkeit – so das Buzzword.
Wobei ich seit etwa einer Woche das Wort „fragil“ im Zusammenhang mit Männlichkeit nicht mehr benutze.
Genauer gesagt seit Ole Liebls (Si apre in una nuova finestra) Lesung zu seinem zweiten
Buch „Brutal Fragile Typen (Si apre in una nuova finestra)“ im Literaturhaus Frankfurt.
Er sagte dort etwas sehr Kluges dazu – wobei er insgesamt sehr viele kluge Dinge gesagt hat und ich hoffe, ich gebe es richtig wieder: nämlich, dass Fragilität ja eigentlich auch etwas Schönes sei. Das Wort steht für Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit oder Filigranität. Und das können im Zusammenhang mit Männlichkeit - wenn wir es so interpretieren, wie wir (also wir hier) es meinen - eben auch positive Eigenschaften sein.
Das fand ich sehr gut beobachtet und sage seitdem eher „gekränkte Männlichkeit“ oder wie Ole Liebl es ebenfalls vorgeschlagen hat „prekäre Männlichkeit“.
Der Sound männlicher Macht
Und damit sind wir beim eigentlichen Punkt: Dieses Verhalten, das ich über die Jahre mehrfach von CEOs erlebt habe, ist eine klare Ausprägung toxischer Männlichkeit.
Und damit in die Überleitung zu jenem Erlebnis, das ich hier als Ode betitelt habe.
Eine Ode ist ursprünglich ein feierliches Dankeslied.
Ein Lied - das zum Ohrwurm wurde - und eine Danksagung an jenen Vorgesetzten, der durch seine Aktion den letzten in mir verbliebenen Glaubensfunken zerstört hat: nämlich, dass sich verbale Übergriffigkeit durch Unwissen von Seiten des Mannes entschuldigen ließe.
Nennen wir den C-Level-Mann einmal John. Das ruft keine direkten Ähnlichkeiten hervor und ist nicht typisch deutsch – auch wenn er es ist.
Beim Einstellungsgespräch verhielt er sich äußerst freundlich und zuvorkommend. Ich selbst allerdings nahm bereits in den ersten Gesprächen kleine Warnsignale wahr. Da war der Satz „Ladies first“, als wir durch die Glastür gingen. Dann eine leicht herablassende Bemerkung zu meinem Musikgeschmack,
nachdem ich von meinem letzten Konzertbesuch erzählte und schließlich noch eine Bemerkung zu meiner Größe.
John ist kleiner als die meisten Männer, fährt aber gerne Auto.
Er isst Fleisch um des Fleischessens willen und hat immer einen „lustigen“ Spruch auf den Lippen. Ich war arbeitstechnisch direkt bei ihm „aufgehängt“, wie man das so salopp aber treffend bezeichnet.
Zwei Kolleg:innen steckten mir direkt zum Start, dass „er Frauen in seinem Team immer klein hält“. Diesen Eindruck hatte ich zunächst noch nicht. Vor allem war ich in meinem Bereich besser ausgebildet, weshalb ich überhaupt eingestellt worden war. Zumindest sagte man mir das – und auch John selbst betonte zwei Mal, dass er von mir sicher fachlich noch lernen könne.
Also startete ich und setzte mein für das Unternehmen eingekauftes Können ein. Ich änderte Titel in meinem Team, entschied über veränderte Strukturen in der Organisation meines Bereichs, setzte neue OKRs auf, die ich für die Zukunft für unausweichlich hielt, und widersprach – freundlich, aber bestimmt – Johns Ideen, wenn ich sie für die Strategie
beim Kunden als nicht zielführend erachtete.
Es dauerte nicht lange, bis sich erste kleine Trotzreaktionen zeigten. Anrufe nach Meetings, in denen wir Dinge mit anderen Führungskräften als Team besprochen hatten, die wie folgt verliefen: „Wir machen das so wie gehabt.“
Auf meine Rückfrage „Warum?“ erhielt ich die Antwort:
„Weil ich das sage.“
Meine Entscheidungen und Präsentationen wurden zunehmend hinterfragt. In Meetings widersprach er mir. Erst leise, dann lauter. Ich wurde nicht mehr zu allen Kundenterminen eingeladen und die Zusammenarbeit begann zunehmend zu holpern.
Im Mitarbeitergespräch sagte er mir dann:
„Du erzählst immer, dass du etwas kannst – aber wenn du es
dann tust, ist es gar nicht so gut.“ Auf meine Frage nach Beispielen meinte er, er könne jetzt keine geben. Außer einem. Als ich krank auf einer Bühne stand und als geübte Speakerin trotzdem durchzog. Mein Vortrag wäre da nicht so “lebendig” gewesen.
Strategische Aufgaben wurden an einen männlichen Director ausgelagert und im Hintergrund machte plötzlich das Prädikat „überheblich“ zu mir die Runde. Heute weiß ich, dass John diesen Begriff mehrfach bei Kolleg:innen über mich genutzt hat.
Siehe zu diesem Thema auch mein Beitrag Von der Überheblichkeit (Si apre in una nuova finestra).
Und dann kamen die ersten sexistischen Sprüche hinzu –
zunächst nicht frontal. Wir saßen zum Beispiel in einem Meeting und er hob das Handy ab mit den Worten: „Ich sitze hier mit einer schönen Frau, stör mich doch jetzt nicht.“
Und dann frontal.
Boss-Witz mit Botschaft
An jenem Tag des Ohrwurm-Ereignisses fuhr ich mit John zu einem Kundentermin. Wir trafen uns zum gemeinsamen Mittagessen in einer kleinen Stadt in der Nähe des Kunden.
Er kam aus der einen Richtung, ich aus der anderen. Bereits beim Mittagessen verlief die Konversation unangenehm gestellt.
Ich hatte mich intensiv auf den Termin vorbereitet. Ich sah die Chance auf eine spannende Aufgabe für mein Team, das in
Zeiten von KI stark von Personalabbau bedroht war.
Also hatte ich eine Präsentation vorbereitet und mir innovatives Zeug ausgedacht, um den Kunden von uns zu überzeugen.
Als wir zum Bürogebäude liefen, sagte John, dass er mit seiner Präsentation starten würde und ich meine Slides zeigen könne, wenn danach noch Zeit sei.
Wir wurden von der Frau am Empfang begrüßt und in den Meetingraum gebracht. Kaffee, Wasser, Smalltalk.
Der junge Geschäftsführer kam und sagte gleich zweimal, dass
er kaum Zeit habe und wir uns deshalb etwas auf das
Wesentliche konzentrieren sollten.
Es folgte die Vorstellungsrunde. Erst der Geschäftsführer, dann
die Marketingassistentin, dann stellte sich mein Vorgesetzter
vor und übergab anschließend an mich.
Ich sagte einen Satz, danach ist alles nebulös.
Mein Satz beinhaltete meinen Namen, meine Position und dass ich den Kunden kenne, weil ich gebürtig ebenfalls aus der Gegend komme, weshalb wir heute gemeinsam von dort angereist seien.
Und dann der Frontalangriff – wenn auch von der Seite:
„Aber nicht, dass Sie glauben, wir zwei hätten die Nacht miteinander verbracht“, sagte John. „Wir sind schließlich ein seriöses Unternehmen.“
Es herrschte Stille. Niemand außer ihm lachte. Der Geschäftsführer und die Marketingassistentin blickten zu mir.
Ich saß schockgefroren wie ein Reh im Scheinwerferlicht auf meinem Stuhl. In meinem Kopf raste es, mein Gesicht glühte.
Es gab drei Möglichkeiten:
Die erste war, ihm den Kaffee ins Gesicht zu schütten.
Die zweite war aufzustehen und zu gehen.
Die dritte war sitzen zu bleiben und zu schweigen.
Ich entschied mich für Letzteres – ein bisschen wegen des Schocks, aber auch, weil mir in diesem Moment sofort und vollkommen klar war, welche Schlagkraft diese Aussage hatte.
Ich wusste, dass diese Bemerkung arbeitsrechtliche Konsequenzen haben könnte. Und auch, dass sie nicht als Witz positioniert war. Sie war klar gegen mich gerichtet und ich wurde bestraft und
„auf meinen Platz verwiesen“.
Ich hätte an diesem Tag die Möglichkeit gehabt, juristisch gegen meinen Arbeitgeber vorzugehen und vor dem Arbeitsgericht
zu klagen – denn arbeitsrechtlich handelte es sich um
eine Grenzüberschreitung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG).
Dazu muss es nämlich nicht zu körperlichen Übergriffen kommen. Auch verbale sexualisierte Bemerkungen dieser Stärke in einem beruflichen Machtkontext stellen sexuelle Belästigung dar.
Die arbeitsrechtliche Definition und alles, was dazugehört, hier einmal ordentlich aufgedröselt:
Bei diesem „vermeintlichen Witz“ handelte es sich um die Sexualisierung eines professionellen Kontexts. Ohne jeden Anlass wurde eine sexuelle beziehungsweise intime Unterstellung („die Nacht miteinander verbracht“) in eine rein berufliche Situation eingebracht.
Damit wurde ich sexualisiert, obwohl ich dort ausschließlich in meiner beruflichen Rolle anwesend war. Gleichzeitig wurde meine fachliche Identität durch die Anspielung auf eine private beziehungsweise sexuelle Beziehung überdeckt.
Die Aussage erfolgte während meiner Selbstvorstellung – also exakt in dem Moment, in dem ich Kompetenz und Rolle für das Unternehmen sichtbar machen sollte.
Ich wurde unterbrochen und der Fokus von meiner Qualifikation auf eine Fantasie gelenkt. Vor Kund:innen konnte dadurch der Eindruck entstehen, meine Position sei nicht fachlich, sondern privat motiviert. Damit wurde auch meine berufliche Reputation beschädigt.
Zwischen John und mir bestand ein klares hierarchisches Gefälle. Eine unmittelbare Gegenwehr in angemessener Stärke hätte
für mich potenziell berufliche Konsequenzen haben können.
Denn in hierarchischen Kontexten sind sexuelle Anspielungen niemals neutral, sondern immer einschüchternd und grenzüberschreitend.
Die Bemerkung war öffentlich, unangekündigt und nicht einvernehmlich. Es handelte sich um eine klassische Form verbaler sexueller Belästigung im Sinne von § 3 AGG,
da eine sexuelle Anspielung verwendet wurde, die meine
Würde verletzt hat.
Zudem entstand eine Täter-Opfer-Umkehr durch den Zusatz:
„Wir sind schließlich ein seriöses Unternehmen.“
Dieser Zusatz ist besonders perfide.
Er suggeriert, dass bereits meine bloße Anwesenheit potenziell unseriös wirke. Die „Seriosität“ des Unternehmens wird nicht durch die Grenzüberschreitung infrage gestellt, sondern durch eine hypothetische Nähe zu mir. Damit wird ein klassisches sexistisches Narrativ reproduziert: Die Frau stellt das Risiko für Professionalität dar.
Wie Unternehmen Frauen verlieren
Meine Präsentation hielt ich an diesem Tag nicht mehr.
Ich saß still in dem Termin. Der irritierte junge Geschäftsführer ließ etwa dreißig Minuten lang die Unternehmenspräsentation meines Vorgesetzten über sich ergehen und schwirrte anschließend ab. Die einzigen Sätze, die ich an diesem Tag
noch sagte, waren jene zur Verabschiedung.
Als John mich an meinem Auto absetzte, wünschte ich ihm einen schönen Urlaub. Noch am selben Nachmittag verfasste ich meine Kündigung.
Einige Tage später entschied ich mich dazu, die tatsächliche Geschäftsführung einzubeziehen. Ich schilderte den Vorfall und mir wurde unter vier Augen zugesagt, dass ich künftig nicht mehr an John berichten müsse. Allerdings unter der Bedingung, dass man ihm das selbst mitteilen wolle und den tatsächlichen Grund nicht direkt benennen würde – weil man wolle ihn nicht kränken oder verunsichern und auch die weitere Zusammenarbeit auf anderer Ebene müsse gewährleistet werden.
Täterschutz at its best.
Wenige Monate später war ich aus dem Unternehmen raus.
Die Angst, an der Männlichkeit zu scheitern
Heute weiß ich, dass John durch mich stark verunsichert wurde. Sein Verhalten: toxische Männlichkeit in ihrer reinsten Form.
Der Begriff toxische Männlichkeit wird übrigens oft fälschlicherweise darauf reduziert, dass nur offensichtliche Machos oder extrem dominante Männer toxisches
Verhalten zeigen.
Die australische Psychologin Kate Manne – auf sie gehe ich am Ende des Beitrags noch genauer ein – definiert toxische Männlichkeit jedoch nicht überwiegend als Eigenschaft
einzelner Männer.
In ihrem Buch Down Girl, einem feministischen Sachbuch über Misogynie und darüber, wie gesellschaftliche Strukturen Frauen bestrafen, beschreibt sie vielmehr ein gesellschaftliches System von Anspruchshaltungen und Machtmechanismen.
Im Zentrum ihrer Theorie steht das Konzept des male entitlement. Gemeint ist damit die Haltung oder das Gefühl mancher Männer, ihnen stünden bestimmte Dinge selbstverständlich zu: Aufmerksamkeit, Respekt, emotionale Fürsorge, sexuelle Verfügbarkeit, Raum, Gehör oder Macht im Job und über Entscheidungen.
Also eine männliche Anspruchshaltung, die kulturell eingeübt und sozial legitimiert wird.
Dementsprechend ist toxische Männlichkeit nicht das
„Wesen des Mannes“, sondern ein erlerntes Verhalten innerhalb patriarchaler Strukturen: also Vorstellungen von Männlichkeit,
die Dominanz, emotionale Härte und Anspruchsdenken fördern – und das eben häufig auf Kosten von Frauen.
Entscheidend ist für Manne dabei, dass das Problem nicht bei „einigen wenigen schlechten Männern“ liegt, sondern in gesellschaftlichen Mechanismen, die diese Dynamiken hervorbringen und aufrechterhalten.
Daran anknüpfend formuliert sie ihre bekannte Definition von Misogynie als „the law enforcement branch of patriarchy“ – also
als jene ordnungsdurchsetzende Instanz, die patriarchale Normen absichert und sanktioniert.
Der Fokus liegt bei Manne deshalb weniger auf Aggression allein, sondern stärker auf männlichem Anspruchsdenken, dem verletzten männlichen Ego, der sozialen Sanktionierung von Frauen und der Angst vor Statusverlust innerhalb patriarchaler Ordnungen.
Oder wie Ole Liebl es an jenem Abend in Frankfurt beschrieb:
die Angst der Männer, an den Ansprüchen von Männlichkeit zu scheitern.
Das Ende der alten Melodie
Voilà. Da hätten wir Johns Verhalten - und das der anderen
C-Level Herren aus diesem Text - auf dem bunten PowerPointslide-Tablett serviert.
Ich habe ihn fachlich in seinem Anspruch auf das „Rechthaben“ entmannt. Indem ich Dinge anders machen wollte und mich dabei auf meine Erfahrung aus einem vorherigen, weiterentwickelten Arbeitsumfeld bezog. Ich habe sicherlich an seinem Status als Vorgesetzter innerhalb des patriarchal aufgesetzten Unternehmens gekratzt. Oder anders gesagt: Ich war eine Frau und er ein Mann – und ich dachte trotzdem, ich könnte es besser. (Was ich auch konnte.)
Ich habe schon einige Male Egos in meiner beruflichen Laufbahn verunsichert. Mit meiner Größe. Mit meinem Fachwissen. Mit meinem IQ. Nur ich bin dann meistens gegangen, die Jungs sind geblieben.
Aber als ich dann endlich verstand, dass John – und auch die anderen C-Level-Männer aus diesem Text – letztlich nur ihre prekäre Männlichkeit verteidigten, stoppte der Ohrwurm.
Eine Ode endet meist mit einem Gefühl von Erkenntnis, Hoffnung oder einem großen abschließenden Gedanken.
Nun denn.
Ich bin an jenem Tag bei dem Kunden zwar nicht aufgestanden und gegangen. Aber im übertragenen Sinn bin ich psychisch genau an diesem Tag aufgestanden und gegangen.
Ich habe das systematische Funktionieren in der
Cis-Mann-Energy-Overload-Corporate-Welt abgelegt.
Ich kann dieses System zwar nicht allein fixen aber ich kann
meine Superpower – das Schreiben – einsetzen. Als geübte Journalistin kann ich meine Geschichten erzählen, Hintergründe beleuchten und andere Frauen unterstützen.
Damit die nächste Frau, die einen solchen Vorgesetzten an ihrer Seite hat, den Ohrwurm schneller ausschalten kann. Oder sofort den Tisch verlässt. Und damit das Ende der alten-weißen-Männer-Melodie einleitet.
*Hinweis der Autorin: Wenn dir meine Texte etwas geben – Klarheit, Einordnung oder das Gefühl, nicht allein zu sein – freue ich mich über deine Unterstützung. Ich starte gerade in die freie Arbeit: Abonniere gern meinen Newsletter oder werde Mitglied. Dort teile ich wöchentlich exklusive Inhalte mit feministischem Blick und Erfahrungen aus meinem Arbeitsleben.
Ende Mai erscheint außerdem EMPOWERT: 77 Fragen für Frauen (Si apre in una nuova finestra)- zwischen Anpassung und Aufbruch
Ist dir auch Diskriminierung passiert?
Hier kannst Du Diskriminierung melden und dich beraten lassen Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Si apre in una nuova finestra)
*Kate Manne, australische Professorin für Philosophie
Kate Manne ist eine australische Philosophin und Professorin für Philosophie, die vor allem für ihre Arbeiten zu Feminismus, Misogynie, moralischer Philosophie und gesellschaftlichen Machtstrukturen bekannt wurde.
Internationale Aufmerksamkeit erhielt sie insbesondere durch ihr Buch Down Girl: The Logic of Misogyny (2017), in dem sie Misogynie nicht als individuellen Hass einzelner Männer auf Frauen beschreibt, sondern als gesellschaftlichen Mechanismus zur Stabilisierung patriarchaler Ordnung.
In ihren Arbeiten untersucht Manne etwa, wie Geschlechterrollen, männliche Anspruchshaltungen und soziale Sanktionen funktionieren. Ein zentraler Begriff ihrer Theorie ist das sogenannte male entitlement — also die gesellschaftlich erlernte Vorstellung, Männern stünden bestimmte Formen von Aufmerksamkeit, Fürsorge, Anerkennung oder Macht zu.
Wenn diese Ansprüche infrage gestellt oder verweigert werden, entstehen laut Manne häufig Abwehrreaktionen, Aggression oder misogynes Verhalten.
Neben Down Girl wurde auch ihr Buch Entitled: How Male Privilege Hurts Women viel diskutiert. Darin analysiert sie, wie männliche Privilegien gesellschaftlich abgesichert werden und welche Auswirkungen das auf Frauen und marginalisierte Gruppen hat.
Ihre Arbeiten gelten heute als einflussreiche Beiträge zur zeitgenössischen feministischen Theorie und zur Analyse patriarchaler Machtverhältnisse.
Aufmacherfoto von Ahmet Sali (Si apre in una nuova finestra)